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Picknick mit Hilferuf

Gestern luden Hebammen zu einem Frühstück ein. Sie wollen auf ihre schwierige Lage aufmerksam machen.

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Von Mareike Huisinga

Lecker! Der Schoko-Kirschkuchen ist noch lauwarm und duftet herrlich. Gleich daneben liegen Zitronen-Muffins in einer Schale. Wer es lieber deftig mag? Kein Problem: Frische Baguette-Stangen, Kräuterbutter und selbst gemachter Nudelsalat stehen auch zur Auswahl.

Der Hebammenkreisverband Sächsische Schweiz lud gestern Vormittag zu einem opulenten Picknick auf den Elbwiesen in Pirna ein. Dabei ist den freiberuflichen Hebammen gar nicht so sehr zum Feiern zumute. Die Aktion ist viel mehr ein Hilfeschrei. „Wir wollen die Öffentlichkeit auf unsere Situation aufmerksam machen“, erklärt Denise Mouton-Mildner. Sie ist die Vorsitzende des Kreisverbandes, zu dem insgesamt 40 Hebammen gehören. Aufgrund der steigenden Beiträge zur Haftpflichtversicherung, die die freiberuflichen Hebammen mit Geburtshilfe leisten müssen, können sie kaum noch wirtschaftlich arbeiten.

Mouton-Mildner hat Zahlen parat. Während der Versicherungsbeitrag derzeit noch bei 5100 Euro im Jahr liegt, sind es ab dem 1. Juli 6120 Euro. Im Klartext: Eine freiberufliche Hebamme arbeitet bei den ersten 17 Geburten ausschließlich für die Versicherung. „Das schränkt uns in unserer Ausübung des Berufs empfindlich ein“, urteilt die Vorsitzende.

Die Folgen dieser Entwicklung sind unübersehbar. In Sebnitz wurde jetzt die Geburtsstation auch deshalb geschlossen, weil die drei Beleghebammen ihre Verträge mit der Asklepios-Klinik gekündigt hatten. Zwar suchte die Klinik nach Ersatz, jedoch ohne Erfolg. Maßgeblich für die Schließung war jedoch die vergleichsweise niedrige Zahl an Geburten.

Das Thema interessiert viele, stellt Mouton-Mildner fest. „Die Frauen wollen Wahlfreiheit. Jede Frau muss bestimmen können, ob sie zu Hause, im Geburtenhaus oder in einer Klinik ihr Kind zur Welt bringt“, betont sie. Dieser Forderung schließt sich uneingeschränkt Elke Reinke-Thomas an. 14 Jahre arbeitete sie als Beleghebamme in Sebnitz, zuletzt in Pirna. Jetzt bietet sie keine Geburtshilfe mehr an, sondern übernimmt lediglich Vorsorge bei Schwangeren, Geburtsvorbereitungskurse und Wochenbettbetreuung. „Bei den Geburten bin ich nicht mehr dabei, weil ich die Versicherung nicht zahlen kann“, sagt die 52-Jährige. Das bedauert sie, denn vor der Geburt arbeite sie sehr intensiv mit den Schwangeren zusammen und sei dann bei der Entbindung, dem Hauptakt, nicht dabei. „Man baut ja auch ein Vertrauensverhältnis zur werdenden Mutter auf“, erklärt Reinke-Thomas.

Genauso kritisieren die Mütter die aktuelle Situation. Susann Tittel aus Pirna wurde vor der Geburt liebevoll von Elke Reinke-Thomas betreut. „Ich hätte natürlich am liebsten meine‘ Hebamme bei der Geburt im Krankenhaus zu Seite gehabt und nicht eine fremde Person“, sagt die junge Mutter mit ihrem Sohn Kuno auf dem Arm. Mouton-Mildner berichtet in diesem Zusammenhang, dass Frauen durch persönliche Zuwendung sowie einer Eins-zu-eins-Betreuung eine leichtere Geburt haben.

Enttäuscht ist die Verbandsvorsitzende von der Haltung der Politiker. „Zwar wird immer wieder beteuert, dass man uns helfen will, aber es dauert zu lange“, stellt sie fest. Deshalb müsse auch die kritische Frage erlaubt sein, welchen Stellenwert gebärende Frauen in Deutschland hätten. Dabei sei Fakt, dass bundesweit 20 Prozent aller Schwangeren ihre Kinder mit Hilfe von Beleghebammen, in einem Geburtshaus oder zu Hause zur Welt bringen.

Mittlerweile ist es Mittag geworden. Nach und nach werden die Decken und die Essensreste zusammengepackt. Viele Passanten sind stehengeblieben, kamen mit den Hebammen ins Gespräch. „Mit der Resonanz bin ich sehr zufrieden“, sagt Mouton-Mildner.

Klar ist: Nächstes Jahr organisieren die Hebammen wieder zum Internationalen Hebammentag ein zünftiges Picknick an der Elbe in Pirna. Die Kreisverbandsvorsitzende betont: „Wir geben nicht auf, sondern kämpfen für unsere Rechte beziehungsweise, die der Frauen.“