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Superreiche mit Eigentum auf Lebenszeit

Kapitalismus bedeutete immer Ungleichheit. Thomas Piketty sucht nach Abhilfe in der sozialdemokratischen Tradition.

© Gettyimages/Steve Mason

Von Uwe Salzbrenner

Der Kapitalismus: eine Revolution? Keineswegs, wenn man die Eigentumsverhältnisse betrachtet. Auch nicht, wenn man sich den jahrhundertelangen Vorlauf anschaut: Das neue Wirtschaften beginnt in der europäischen Landwirtschaft bereits vor der Zeit der großen Pest in der alten, funktional geteilten Gesellschaft, wo der Klerus für geistige Führung sorgt und der Adel angeblich für Sicherheit – und alle anderen arbeiten.

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Um 1350 sind Sklaverei und Leibeigenschaft zumindest in Nordwesteuropa weitgehend verschwunden. Eine vergleichsweise freie Zusammenarbeit setzt ein. Es ist vor allem die katholische Kirche, die überkommene Familienstrukturen auflöst und zur Kooperation zwingt: Vetternehen und Scheidungen sind nach katholischer Norm verboten; den Hof erhält der älteste Sohn. Die jüngeren Kinder beginnen, auf fremden Gütern oder in der Stadt zu arbeiten. Auf der anderen Seite gründet die Kirche soziale Dienste, Kornspeicher, Schulen und Krankenhäuser, die nach neuen Formen der Verwaltung und des Rechts verlangen. Schon das kircheninterne Gebot des Zölibats verlangt danach, genau zwischen Verwalter und Eigentümer zu unterscheiden.

Privatbesitz als Gerechtigkeitsnorm

Der Siegeszug des Kapitalismus in Europa infolge Kernfamilie und Agrarverfassung gilt unter Wirtschaftshistorikern als gesichert. Der französische Ungerechtigkeitsforscher Thomas Piketty verschärft in „Kapital und Ideologie“ diesen Befund, indem er die Einstellung der Kirche zum Eigentum hervorhebt: Sie entwickelt eine immense Besitzgier und verfügt in Europa über ein Jahrtausend hinweg bis zu einem Drittel des Grundeigentums. Und die Kirche entwickelt die passende Erzählung, damit die entstandene Ungleichheit und deren Organisation gerecht erscheint, mehr noch: von allgemeinem Interesse. Hier, so Piketty, setzen die Rechtfertigungen ein, auf die der Titel seines neuen Buches abzielt: Sie erleben weitere Sternstunden parallel zur Vergrößerung der Ungleichheit Ende des 19. Jahrhunderts, und noch mal mit dem neoliberalen Wirtschaften.

Pikettys Mittel der Analyse ist die Statistik. Sie zeigt zum Beispiel, dass der Anteil des oberen Zehntels der Bevölkerung an Einkommen und Vermögen ab 1900 gesunken ist und seit 1980 wieder steigt. Seit 2014 hat der promovierte Ökonom diesen Sachverhalt in drei weltweit diskutierten Büchern angeprangert. Diesmal zeigt er ausführlich, wie dies politisch-ideologisch begründet wird: Nicht allein die kommunistische Sowjetunion, sondern nahezu jeder Staat greift nach 1920 zur Heilung von Kriegsschäden und Weltwirtschaftskrise auf das Eigentum der sehr Reichen zurück.

Sozialdemokratische Parteien sehen sich als Vertreter der Arbeiterklasse. Das Allheilmittel der neoliberalen Theorie dagegen sind Sozialabbau und Steuersenkung, damit Marktkräfte ungehindert wirken. Zahlreiche Länder entwickeln 1980 einen Wettbewerb, die entsprechenden Bedingungen zu schaffen, der sich mit dem Sturz des Kommunismus verschärft: Spitzensteuersätze werden gesenkt, Vermögenssteuern, manchmal sogar Erbschaftssteuern nicht mehr erhoben. Linke Parteien vertreten längst die Bevölkerung mit dem höchsten Bildungsstand.

Thomas Piketty betrachtet in „Kapital und Ideologie“ über mehrere Jahrhunderte illusionslos die Welt, wie sie vom Eigentum fasziniert ist. Die Französische Revolution enteignet die Kirche, doch nicht den Adel. Setzt man hier an, könnte es auch Güter des aufsteigenden Bürgertums treffen. Stattdessen wird privater Besitz zur Gerechtigkeitsnorm. Das Unrecht dieser Norm zeigt sich extrem in kolonialen Verhältnissen: Als England und Frankreich die Sklaverei abschaffen, werden nicht etwa die Sklaven entschädigt, sondern deren ehemalige Besitzer.

England kostet das fünf Prozent des damaligen Nationaleinkommens, das Zehnfache der Ausgaben für Schule und Bildung. Frankreich hat im Falle der befreiten Sklaven von Haiti die Kosten dem neu entstandenen Staat auferlegt, der sie bis 1950 abzahlt. In Indien besteht dagegen die mehrgliedrige feudale Ordnung auch unter der Kolonialmacht England fort, auch die Verheiratung unter seinesgleichen. Indien liefert Piketty zudem eine feine Pointe, wenn er linke Parteien heute nach den Angehörigen der gebildeten indischen Priesterkaste „brahmanistisch“ nennt.

Im Kapitel zum Kolonialismus liefert der Ökonom erneut Gründe für die im 17. Jahrhundert aufkommende europäische Vorherrschaft: militärische Rivalität, die erwähnte verbesserte Administration, eine starke Besteuerung, allerlei Erfindungen, der beginnende Protektionismus. Merkwürdig ist freilich, wie konsequent Piketty in seiner Argumentation Investitionen vernachlässigt; die „erweiterte Reproduktion“ in der Sprache von Karl Marx, die notwendig einen Teil des Gewinns für neue Produktionsmittel verwendet. Bei Piketty liest sich das so, als hätten Kriege durch ihren Steuerbedarf die Wirtschaft gefördert. Seine Daten zeigen indes, dass hohe Ungerechtigkeit beim Besitz und hohe Investitionen durchaus zusammenhängen.

Es braucht eine Lasten-Neuverteilung

Sie zeigen auch: Der Kapitalismus ist robust. In den „goldenen Jahren“ nach 1950 haben hohe Steuern auf Einkommen und Vermögen das Wirtschaftswachstum nicht behindert. Piketty ist diese sozialdemokratische Tradition Vorbild: Zum Ersten, sagt er, sei mehr betriebliche Mitbestimmung nötig. Zum Zweiten eine stärkere Steuerprogression: Einkommens- und Erbschaftssteuern bis zu 90 Prozent für Leute mit sehr hohen Einkommen und Vermögen. Für Superreiche läuft das auf ein „Eigentum auf Lebenszeit“ hinaus. Im Gegenzug will Piketty junge Erwachsene mit Startkapital ausstatten. Auch wenn solch eine Enteignung sich auf den Mittelstand kaum anwenden lässt, eher auf Unternehmen, die wie Aktiengesellschaften oder die Kirche organisiert sind: Es spricht seit der Bankenrettung viel für eine Neuverteilung der Lasten. Wirtschaftswissenschaftler sind längst dabei, dies anlässlich der Corona-Krise durchzurechnen.

Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, Verlag C.H. Beck, 1.312 S., 39,95 Euro

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