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Ein Handabdruck als letzte Erinnerung

Für den Ambulanten Hospizdienst Pirna/Neustadt ist die Krise eine besondere Herausforderung. Es gibt aber Lösungen.

Carola Epperlein ist Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes Pirna/Neustadt der Malteser.
Carola Epperlein ist Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes Pirna/Neustadt der Malteser. © Archivfoto: Daniel Schäfer

Der Ambulante Hospizdienst unterstützt schwersterkrankte und sterbende Menschen und deren Familien aus Pirna, Neustadt/Sa. und angrenzenden Regionen. Doch was machen Trauernde in Zeiten der sozialen Isolation und der allgemeinen Unsicherheit und Angst? Wie gehen Abschied nehmende und trauernde Menschen mit dem existenziellen Verlust um, wenn niemand da ist, der sie in ihrem Schmerz einfach mal in den Arm nimmt oder gemeinsam mit ihnen schweigt? Über diese Fragen sprach SZ mit Carola Epperlein, Koordinatorin des Malteser Ambulanten Hospizdienstes Pirna/Neustadt.

Frau Epperlein, Hospizdienst bedeutet, Menschen in einer schwierigen Zeit zu begleiten. Wie geht das in diesen Tagen, in denen Distanz gehalten werden muss?

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Also, es ist jetzt natürlich schwer. Aber wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit mit den Kliniken in Pirna und in Sebnitz. Ganz konkret stehe ich im engen Kontakt mit der Palliativstation des Helios-Klinikum Pirna und erfrage dort den Bedarf. Wir besprechen dann, wie es möglich sein kann, Kontakt mit den Betroffenen aufzunehmen und Gespräche anzubieten. Auch eine Seniorenbegleiterin rief mich neulich an und bat mich, eine von ihr betreute Person zu unterstützen, da in der Familie ein Todesfall abzusehen war. 

Aber Sie können niemandem mehr die Hand streicheln oder den Trauernden auch mal in den Arm nehmen ...

Das stimmt. Das ist schwer und fehlt. Ich selber fühle mich persönlich ausgebremst. Am Telefon wissen die Menschen nicht, wie ich aussehe und ich weiß nicht, wie sie aussehen. Der Blick ins Gesicht fehlt. Ich sehe nicht die Reaktionen auf das, was ich ich sage, habe keinen Gesichtsausdruck vor mir, den ich einordnen könnte. Ich vergleiche meine Arbeit derzeit ein wenig mit der Telefonseelsorge. Obwohl derjenige, der dort anruft, explizit anonym bleiben möchte. Da ist bei meiner Arbeit anders. 

Das Thema ist schwierig.  Wenn ein nicht infektiöser Angehöriger im Krankenhaus verstirbt, dürfen sich die Familienmitglieder trotz strikter Besucherregeln von ihm verabschieden?

Da habe ich bisher keine Erfahrung. Aber ein Sich-Verabschieden von dem Toten ist wichtig. Wenn mich diesbezüglich jemand anruft, würde ich mit dem Krankenhaus Kontakt aufnehmen, um zu eruieren, welche Möglichkeiten es gibt, damit sich die Angehörigen dennoch von dem Verstorbenen verabschieden können.  Vor Kurzem habe ich mit jemandem gesprochen. Er hat seine Frau Ende März verloren. Eine Trauerfeier konnte wegen der Schließung der Lokale nicht organisiert werden, er hatte auch kein Blumengesteck für das Begräbnis bekommen. Lange habe ich mich mit ihm am Telefon unterhalten, um Trost zu spenden, und über die Möglichkeiten zu sprechen,  welche Abschiedsmöglichkeiten es für ihn nach der Corona-Krise gibt.

Und wenn das Verabschieden von dem Verstorbenen aufgrund der Umstände jetzt gar nicht mehr möglich ist?

Das ist für die Angehörigen ein besonders hartes Schicksal. Ich denke, den Angehörigen kann in solch einer Situation etwas zum „Begreifen“ in ihrer Trauer helfen. In ausdrücklicher Absprache mit den Angehörigen könnte den Verstorbenen beispielsweise eine Haarsträhne abgeschnitten werden oder ein Fingerprint oder Handabdruck hergestellt werden. Daraus können später Schmuckstücke gefertigt werden, die an den Verstorbenen erinnern und im Trauerprozess unterstützen.

Was ist Ihre Botschaft?

Abstand halten, auch wenn es schwierig ist. Das heißt aber nicht, die Menschen allein zu lassen. Keiner darf zurückbleiben. Wer Hilfe braucht, muss sie bekommen. Ich persönlich bin der Meinung, Distanz halten zu müssen, heißt nicht, sich nicht nahe zu sein. 

Kontakt: Carola Epperlein, Ambulanter Hospizdienst Pirna 03501 467835 oder 01607838930

Karen Schönmuth, Ambulanter Hospitzdienst Neustadt/Sachsen 03596 5089705 oder 015146134736

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