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Pirna

Pirna stolpert über zwei Schicksale

Homosexualität und Heilpädagogik: Für die Nazis Gründe zum Töten, für Pirna zu einem besonderen Gedenken.

Künstler Gunter Demnig verlegt vor dem Haus an der Martin-Kretschmer-Straße 3 in Bonnewitz einen Stolperstein.
Künstler Gunter Demnig verlegt vor dem Haus an der Martin-Kretschmer-Straße 3 in Bonnewitz einen Stolperstein. © Marko Förster

Gunter Demnig kauert auf der Niederen Burgstraße hinter seinem Transporter. Er hat zwei kleine Pflastersteine vor sich, die er diagonal ansägt, um sie danach zu trennen. Die vier Teile halten dann den Stolperstein.

Es ist ein zehn mal zehn mal zehn Zentimeter kleiner Betonstein mit einer Messingplatte. Auf dem stehen in Name, ein Geburtsdatum und -ort, ein Todesdatum und -ort, wenn sie bekannt sind. Die Steine erinnern an Opfer der Nationalsozialisten.

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Demnig hat das schon tausende Male gemacht. In Pirna am Sonnabend zum zweiten Mal. Das erste Mal war der Kölner Künstler im Dezember 2013 hier, da verlegte er an der katholischen Kirche einen Stein für den Pirnaer Erzpriester Benno Scholze. Nun haben auf der Niederen Burgstraße der wegen seiner Homosexualität verfolgte und ins Konzentrationslager gebrachte Karl Emil Heinrich und in Bonnewitz der Heilpädagoge Martin Kretschmer einen solchen Gedenkstein. Kretschmer führte hier eine Einrichtung seelenbedürftige Menschen und bewahrte sie fast sechs Jahre vor der Verfolgung durch die Nazis. Auch er wurde verhaftet und ins KZ gebracht, wo er starb.

Demnig kennt all diese Geschichten. Er kniet jetzt vor dem Malaga. Um sich herum bunte Eimer mit Wasser, Beton, Werkzeug. Er hat einen großen Pflasterstein aus der Straße genommen, passt nun den Stolperstein und die vier Steinteile ein. Um in herum stehen unter einem Zelt etliche Leute und schauen ihm zu. Als gesungen und geredet wird, steht Demnig weit hinten. Sein Name wird genannt, er aber weder persönlich begrüßt noch einbezogen. Für Demnig ist das in Ordnung. „Sie haben mich ja vorhin alle gesehen.“

Ein Stolperstein an der Niederen Burgstraße in Pirna .
Ein Stolperstein an der Niederen Burgstraße in Pirna . © Marko Förster

Dass Pirnaer nun zwei weitere Stolpersteine bekommen hat, hat die Stadt dem Akubiz und dem Begegnungszentrum zu verdanken. Die haben sich vor etwa einem Jahr auf den Weg gemacht – mit Unterstützung von Spendern und der Stadt Pirna, wie Ina Richter vom Akubiz sagt. Jeder Stein kostet 120 Euro. An der Finanzierung sei bisher keiner gescheitert, sagt Demnig. Da gäbe es viele Ideen und Möglichkeiten. Schon eher versuchen Politikern vor Ort und heutige Hauseigentümern, die sich nicht der Geschichte stellen wollen, die Steine zu verhindern. Ein Argument der Gegner sei auch immer wieder, man trampele ja nun wieder auf den Opfern herum. „Die Nazis haben sich nicht mit Trampeln zufriedengegeben, sondern sie haben gemordet“, antwortet Demnig dann. Über 73 000 Mal waren die Argumente für die Steine bisher stärker. Etwa 95 Prozent dieser Steine in ganz Europa bis hinter Moskau hat Demnig selbst verlegt, so wie am Sonnabend die beiden in Pirna und Bonnewitz. Und er ist weiter auf Tour.

Sein Kleintransporter ist voll von Stolpersteinen. Demnig hat sie nach den nächsten Stationen sortiert: Cottbus, Geithain, Bad Lausick, Eisenach. Für Leipzig sind 35 Steinen. „Allein acht vor einem Haus, das war eine von den Nazis ermordete Großfamilie“, sagt Demnig. Diese Schicksale lassen ihn auch nach so vielen Stolpersteinen nicht los. „ Wir dürfen nie aufhören, den Kindern vom Holocaust und den Verbrechen der Nazis zu erzählen.“ Das Akubiz und das Begegnungszentrum machen es.

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