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Trotz Armut würdevoll beerdigt

Karin Drassler betreut als Grabrednerin Sozialbestattungen in Pirna. Das macht sie ehrenamtlich und aus ihrer persönlichen Überzeugung heraus.

Karin Drassler gibt Sozialbestattungen in Pirna einen würdevollen Rahmen.
Karin Drassler gibt Sozialbestattungen in Pirna einen würdevollen Rahmen. © Karl-Ludwig Oberthuer

An diesem Freitagvormittag wird Thomas L. (Name von der Redaktion geändert) auf dem anonymen Urnenfeld des Pirnaer Friedhofes beerdigt. Es ist keine gewöhnliche Bestattung. Trauernde Angehörige sind nicht gekommen. Nur eine Dame in Schwarz steht an dem Feld und hält eine Ansprache.  

Karin Drassler ist seit 2015 ehrenamtliche Grabrednerin für Sozialbestattungen in Pirna. "Ich gebe den Toten somit einen Namen,  denn sonst würde es keiner tun", erklärt die 69-Jährige. Immer wenn eine Sozialbestattung ansteht, wird sie von der Friedhofsverwaltung informiert. Dann bekommt sie den Namen des Verstorbenen, das Geburtsdatum und den Sterbetag. Mehr nicht. Meistens setzt sie sich einen Abend vorher an den Schreibtisch, um eine Ansprache für den Verstorbenen auszuarbeiten. Dann habe ich am nächsten Tag alles noch ganz frisch im Kopf", sagt die Pirnaerin, die gleich in der Nähe des Friedhofes wohnt. 

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Das Prozedere ähnelt sich. Zusammen mit der Bestatterin, die die Urne trägt, geht sie zum Urnenfeld. Dann spricht sie ein paar Worte und bindet gerne auch noch ein Gedicht mit ein. Schließlich wird die Urne in die Erde versenkt und Karin Drassler legt eine weiße Rose mit Trauerflor daneben. 

Was sich nach Routine anhört, ist keine. "Ich versuche, so individuell wie möglich die Bestattungen zu gestalten. Das haben die Menschen verdient", betont sie. Insgesamt 39 Sozialbestattungen hat sie bereits einen würdigen Rahmen gegeben. Ausschließlich bei Beerdigungen von atheistischen Toten. "Verstirbt ein Mensch, der christlich war, aber keine Angehörigen hat, übernimmt der Pfarrer die Grabrede", informiert Karin Drassler. 

Bericht im Fernsehen gab den Ausschlag

Vor einigen Jahren hatte sie im Fernsehen einen Bericht über Sozialbestattungen in Berlin gesehen, der sie sehr mitgenommen hat. "Dort wurden die Urnen ohne Worte, ohne ein Innehalten einfach so beigesetzt. Ich fand das empörend und menschenverachtend", berichtet sie. Aus ihrer Sicht sollte niemand wie ein Hund begraben werden, wobei sie damals den Eindruck hatte, dass sogar Hunde manchmal noch besser begraben werden. 

Sie ließ es nicht bei der Empörung, sondern wandte sich an die Pirnaer Friedhofsverwaltung und fragte an, ob sie vielleicht bei Sozialbestattungen helfen könne. Die Verwaltung nahm das Angebot gerne an. Bei der Vorbereitung der Grabrede denkt sie intensiv an den Verstorbenen, kann aber nach der Bestattung loslassen. "Wenn ich das Schicksal des Toten mit nach Hause nehmen würde, könnte ich diese Arbeit schlecht machen", überlegt Karin Drassler laut. 

Sie ist überzeugt  von dem, was sie tut, was auch mit ihrem Glauben zusammenhängt. Durch ihren Mann ist sie zum katholischen Glauben gekommen. "Das hat mein ganzes Leben verändert", sagt die Dame, die eine Kette mit Kreuz um den Hals trägt.  

Stadt geht in Vorkasse

Eigentlich sind die Angehörigen eines Toten für die Bestattungen verantwortlich. Weigern die sich, die Bestattungspflichtigen, die Bestattung vorzunehmen, oder sind keine Bestattungspflichtigen vorhanden, kann das örtliche Ordnungsamt im Wege der Ersatzvornahme die Bestattung veranlassen und die Kosten gegebenenfalls den eigentlich Bestattungspflichtigen bzw. den Erben in Rechnung stellen. Die Stadt Pirna hat im vergangenen Jahr 25 Sozialbestattungen in Auftrag gegeben und dafür zunächst rund 30.000 Euro ausgegeben. Bis auf 1.000 Euro konnte sich die Stadt die Summe von den Angehörigen wieder zurückholen. In dem Jahr 2018 sah es etwas anders aus. Damals musste die Stadt Pirna für 28 Sozialbestattungen mit Kosten in Höhe von rund 34.000 Euro in Vorkasse gehen, von denen die Kommune lediglich 25.000 Euro zurückerhielt. 

Mittlerweile ist es Mittag geworden. Karin Drassler hat ihre weiße Rose niedergelegt, ein Mitarbeiter des Friedhofes schaufelt leise das Urnengrab von Thomas L. zu. Langsam geht Karin Drassler nach Hause. Dank für ihr Engagement von den Angehörigen bekommt sie nicht. Wie auch? Es sind keine da. Sie schaut nach oben in den hellen Sommerhimmel. "Aber vielleicht dankt es mir ja der liebe Gott", sagt sie und lächelt versonnen. 

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