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Das ist Pirnas neue Auto-Edelschmiede

Unternehmer Christoph Herbrig restauriert mit seinem V8-Werk nun in Copitz amerikanische Oldtimer. Der Betrieb läuft, Gäste müssen sich aber noch gedulden.

Neues V8-Werk in Pirna: Showroom für Klassiker der US-Automobilkunst.
Neues V8-Werk in Pirna: Showroom für Klassiker der US-Automobilkunst. © Mario Klemm

Am Rande von Pirna, in einer grauen Halle im Gewerbegebiet Copitz-Nord, liegt jetzt ein Stück Amerika, etwa 1.000 Quadratmeter groß. Drinnen stehen auf Hochglanz polierte Träume auf vier Rädern, die vor allem das Blut jener in Wallung bringen, in deren Adern auch ein wenig Benzin fließt. 

Auf graubraunem Fliesenboden parken Legenden US-amerikanischer Automobilkunst, unter anderem ein Shelby GT 350, Baujahr 1966, eine Corvette C 2 Stingray von 1963 und ein Ford Mustang Fastback aus dem Jahr 1967. An den Wänden hängen Bilder der Radebeuler Künstlerin Johanna Mittag.

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Gleich nebenan in der großen Halle stehen weitere dieser Schätzchen, der Fußboden ist hier so hell, fast könnte man annehmen, dass niemals ein Tropfen Öl diese Fläche berühren möge. 

Doch so museal die Räume auch anmuten, tatsächlich wird darin geklempnert, gerichtet, geschweißt, sandgestrahlt, lackiert. 

Im Reich von Ford Mustang und Corvette

Diese Halle ist das neue Domizil des V8-Werkes, europaweit ziemlich einmalig, eine Auto-Edelschmiede, darauf spezialisiert, amerikanische Oldtimer zu restaurieren, bevorzugt die Typen Ford Mustang und Corvette. Der Name V8 leitet sich ab von den typischen V-förmigen Achtzylinder-Motoren, die schon im Leerlauf bullig blubbern und Leistungen bis 750 PS entfalten. 

Herr über dieses automobile Reich ist Christoph Herbrig, er hat das Werk in den zurückliegenden acht Jahren von einer Ein-Mann-Firma zu einem Betrieb mit neun Mitarbeiter geformt. 

Im vergangenen Jahr hatte Geschäftsführer Herbrig das 3.200 Quadratmeter große Grundstück in Copitz-Nord erworben, darauf ließ er für knapp eine Million Euro die Halle errichten. Ende 2019 begann der Bau, am 8. Mai war er fertig, seit 11. Mai wird im neuen Werk gearbeitet. 

Im Ausstellungsraum stehen die fertigen Klassiker, verkauft werden hier auch ausgewählte moderne Ford Mustang ab Baujahr 2005. Gleich daneben liegt das Reich der Mechaniker mit sechs Arbeitsbühnen, Achsmessstand, Bremsenprüfstand, Sandstrahl- und Trockeneiskabine und Karosseriebau. Das V8-Werk besitzt eine der weltweit wenigen originalen Karosserie-Richtbänke für den Ford Mustang.

Liebhaberstück: Christoph Herbrig mit einer Corvette C2 , Baujahr 1963. 
Liebhaberstück: Christoph Herbrig mit einer Corvette C2 , Baujahr 1963.  © privat
V8-Werk in Pirna: Blick in die Restaurierungswerkstatt.
V8-Werk in Pirna: Blick in die Restaurierungswerkstatt. © Mario Klemm
V8-Werk in Pirna: Blick in die Mechanikerhalle. 
V8-Werk in Pirna: Blick in die Mechanikerhalle.  © Mario Klemm
V8-Werk in Pirna: Blick auf eine der Arbeitsbühnen. 
V8-Werk in Pirna: Blick auf eine der Arbeitsbühnen.  © Mario Klemm
V8-Werk in Pirna: Blick in den Karosseriebau.
V8-Werk in Pirna: Blick in den Karosseriebau. © Mario Klemm

Aus Leidenschaft wird ein Geschäft

Das Firmenquartier in Pirna markiert für Herbrig den Beginn einer neuen Ära. Erstmals sind Showroom, Mechanikerhalle und Karosseriebau unter einem Dach vereint, ein Plan, der sich am alten Standort nicht umsetzen ließ.

Im Hauptberuf ist Herbrig Geschäftsführer der Herbrig & Co. Präzisionsmechanik, ein Traditionsunternehmen, gegründet 1956 von seinem Großonkel Egon Herbrig. Der Betrieb liegt im Altenberger Ortsteil Bärenstein. Nach seinem Betriebswirtschaftslehre-Studium übernahm Christoph Herbrig 2009 die Unternehmensleitung , er investierte, erweiterte, stockte das Personal auf. Das Werk beschäftigt inzwischen 165 Mitarbeiter, Tendenz steigend, es stellt bis zu 130 Millionen Präzisions-Drehteile im Jahr her, der Jahresumsatz liegt bei über 20 Millionen Euro.

In dieser Zeit baute Herbrig auch den zweiten Geschäftszweig aus, der einst mit einer Jugendliebe begann. Schon als Student kaufte er sich seinen ersten Ford Mustang, jenen US-Klassiker, der seit 1964 in Serie gebaut wird. 

Es war der Beginn einer Sammelleidenschaft, die bis heute anhält, mittlerweile ist die Liebhaberei zu einem einträglichen Geschäft geworden - auch ein Resultat negativer Erfahrungen. 

Kunden aus aller Welt

Die Geschichte des V8-Werkes beginnt 2012, in einer Garage, mit nur einer Person: Christoph Herbrig. Er hatte sich zuvor über andere Restauratoren geärgert, weil sie Termine nicht einhielten, Teile nicht beschaffen konnten  oder ungenau arbeiteten. Herbrig beschloss, die Angelegenheit fortan selbst in die Hand zu nehmen. Mittlerweile zählt der Betrieb neun Mitarbeiter, er ist Europas größter Teilehandel für Corvette und Ford Mustang. 

Vier bis fünf Autos pro Jahr restaurieren die Spezialisten im Jahr, mehr geht nicht, zu viel Feinarbeit ist nötig, um die Klassiker wieder fahrtauglich zu bekommen. Oft kommen die Wagen in desaströsem Zustand im Werk an.

Ganz preiswert ist ein solches Projekt nicht, eine Restaurierung beginnt ab 80.000 Euro aufwärts, meist liegen sie im sechsstelligen Bereich, ebenso wie die Verkaufspreise der aufgearbeiteten Wagen. Mustang und Corvette haben bei Fans längst Kultstatus, Liebhaber erfüllen sich im V8-Werk chromglänzende und PS-starke Träume. Zur Klientel zählen Kunden aus aller Welt, mittelständische Unternehmer genauso wie Geschäftsführer von DAX-Konzernen. 

Platzproblem im Müglitztal

Bisher war das V8-Werk zweigeteilt, Mechanikerwerkstatt und Showroom befanden sich in einem Gebäude, das direkt an die Präzisionsmechanik grenzt. Für Karosseriebau und Teilehandel hat Herbrig eine Halle in Lauenstein, ein Nachbarort von Bärenstein, gemietet. Doch das wachsende Geschäfte stellte den Unternehmer letztendlich vor ein Platzproblem.

Die Produktion in der Präzisionsmechanik läuft so gut, dass Herbrig den Betrieb unbedingt erweitern muss. Allerdings sind bereits all seine Flächen beidseits der Müglitztalstraße in Bärenstein bebaut. So sollte schweren Herzens der Showroom einer neuen Logistikhalle weichen, jedoch unter der Prämisse, das V8-Werk keinesfalls aufzugeben. 

Der Unternehmer schaute sich daher nach einem Ausweichstandort um, möglichst in der Nähe von Dresden, und er wurde fündig: in Pirna. 

Inzwischen ist der Showroom in Bärenstein abgerissen, dort wird jetzt die Präzisionsmechanik erweitert. Die Werkstatt in Lauenstein hat Herbrig beräumen lassen, dort läuft jetzt ausschließlich der Teilehandel für Corvette und Mustang, der Bereich braucht auch mehr Platz, weil er enorm gewachsen ist. Laut Herbrig stieg der Umsatz in dieser Sparte von anfänglich 1,5 Millionen auf inzwischen vier Millionen Euro jährlich. "Insofern bin ich froh, dass die neue Halle in Pirna jetzt fertig ist und wir mehr Platz haben", sagt der Unternehmer. 

Virtueller Rundgang durch die Werkstatt

Nur zwei Wünsche bleiben vorerst unerfüllt. Das neue V8-Werk in Pirna wollte Herbrig mit einer Feier eröffnen, was derzeit wegen der coronabedingten Einschränkungen im größeren Umfang nicht möglich ist.

Überdies ließ er die Halle nicht nur als simples Autohaus konzipieren, sondern als gläserne Werkstatt. Während der Öffnungszeiten wird das Haus öffentlich zugänglich sein, von einer Galerie aus können Zuschauer den Mechanikern bei der Arbeit zusehen. Aber auch ein Besucherverkehr ist derzeit nicht gestattet. 

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Werden die Corona-Einschränkungen weiter gelockert, will Herbrig voraussichtlich im Juni die Galerie für Gäste öffnen, dann können Neugierige werktags jeweils von 8 bis 16 Uhr einen Blick auf die US-Klassiker werfen. 

Für jene, die nicht so lange warten wollen, hat Herbrig derweil ein anderes Angebot parat: Schon jetzt lässt sich das V8-Werk im Internet bei einem virtuellen Rundgang erkunden. 

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