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Pirnas Markt wird Sackgasse

Die Straße am Rathaus soll für mehrere Wochen testweise für den Durchgangsverkehr gesperrt werden. Nur der Zeitpunkt ist noch unklar.

Blick auf den Pirnaer Markt: Der Schleichweg zum Sonnenstein wird gekappt.
Blick auf den Pirnaer Markt: Der Schleichweg zum Sonnenstein wird gekappt. © Daniel Schäfer

Diskutiert wird das Thema seit beinahe 30 Jahren, mehrfach manifestierte der Stadtrat das Ziel in den Verkehrsentwicklungsplänen (VEP): Pirnas Markt soll perspektivisch weitgehend autofrei werden, um die Fußgängerzone bis zur Marienkirche auszuweiten.

2007 war ein erstes Etappenziel erreicht, als die Stadt den Verkehr vom Obermarkt verbannte. Nun geht es daran, den finalen Schritt zumindest vorzubereiten. Der Stadtrat beschloss kürzlich mit großer Mehrheit, den Markt über mehrere Wochen testweise für den Durchgangsverkehr zu sperren. 

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Stadtrat André Liebscher (Freie Wähler) hatte kürzlich einen entsprechenden Antrag in den Rat lanciert. Er fand 17 Ja-Stimmen, sieben Abgeordnete votierten dagegen, einer enthielt sich. Der meiste Gegenwind kam aus der AfD-Fraktion. Die Stadt sowie Verkehrsplaner befürworten den Versuch ebenfalls. Nur der Zeitpunkt ist noch offen. Sächsische.de stellt das Projekt vor. 

Das sagt der Beschluss

Der Stadtrat beschloss, den Markt sowohl für den fließenden als auch für den ruhenden Individualverkehr testweise zu sperren. "Damit wollen wir ergründen, ob und wie sich der Plan von einem verkehrsberuhigten Markt realisieren lässt", sagt Liebscher.

Der Versuch soll ausloten, wie die Pirnaer und ihre Gäste das Vorhaben akzeptieren, wie es Handel und Gastronomie am Markt beeinflusst und wie sich der geänderte Verkehrsfluss auf das übrige Verkehrsgefüge in der Stadt auswirkt - noch ehe die Südumfahrung fertig ist. Daraus soll sich dann ableiten, ob und ab wann Pirna den Markt dann dauerhaft für den Durchgangsverkehr dicht macht. 

Die Stadt erarbeitet derzeit ein Konzept und bereitet den Verkehrsversuch vor.

Das sagt der Ablauf

Bei dem Versuch geht es nicht darum, den Markt komplett für jeglichen Verkehr abzuriegeln. Vielmehr soll der Durchgangsverkehr für eine Weile unterbunden werden. Bislang gilt die Strecke von der Badergasse über den Markt und die Schlossstraße als Schleichweg in Richtung Sonnenstein, um den Stau in der Innenstadt zu meiden. 

Während des Versuchs sollen die derzeitigen Parkplätze bestehen bleiben. Auch Anwohner, Lieferverkehr und Rettungsfahrzeuge können den Markt weiterhin erreichen. Wenn der Durchgangsverkehr unterbrochen wird, soll es Wendemöglichkeiten an der Nordwestseite (Schuh-Eppstädt/Tchibo) sowie an der Schlossstraße geben. 

In der Testphase bleibt die Badergasse einzige Zu- und Ausfahrt am Markt.

Das sagt der Verkehrsentwicklungsplan

Schon im Juni 1992 beschloss der Stadtrat im ersten VEP, bis 1995 die Fußgängerzone in der Altstadt bis zur Marienkirche auszuweiten und die Marktdurchfahrt zu unterbrechen - bei einem Gesamtverkehrssystem, das damals weder eine zweite Elbbrücke noch die Südumfahrung vorsah. Umgesetzt wurde das Projekt bislang nicht.

Im April 2015 votierte der Stadtrat für den neuen "VEP 2030", in dem dieselben Ziele nochmals dokumentiert sind. Laut des Papiers ist beabsichtigt, die Altstadt grundsätzlich von Verkehr und Verkehrslärm zu entlasten. Zudem soll die Aufenthaltsqualität für Pirnaer und Gäste gesteigert werden - vor allem auf dem Markt. 

Werde der Markt vom Individualverkehr befreit, heißt es im VEP, werde dieser Ort nicht nur für die Außengastronomie attraktiver. Ebenso ist im VEP vorgesehen, die Fußgängerzone auf der nordöstlichen Seite (vor dem Tom-Pauls-Theater) auszuweiten.

Das sagen die Kritiker

Die meiste Kritik kommt aus der AfD-Fraktion. "Wir finden den Schnellschuss, jetzt den Markt zu sperren, nicht gut", sagt der Abgeordnete Armin Marschall. Dann gäbe es nur noch eine Ausfahrt, hinderlich für Lieferverkehr und Rettungsfahrzeuge.  Zudem komme man mit dem Auto bislang über den Markt flott zum Sonnenstein, außen herum brauche man viel länger. Auch befürchtet die AfD Nachteile für die am Markt ansässigen Händler und Gastronomen, sollten dann weniger Gäste mit dem Auto zum Markt kommen. 

Stadtrat Thomas Mache (Pirna kann mehr) argumentierte, die Stadt habe bereits ein Ingenieurbüro  beauftragt, den VEP weiterzuentwickeln. Dieser Auftrag beinhalte auch, zu prüfen, wie sich eine Sperrung des Marktes auswirkt. Daher sei ein zusätzlicher Versuch unnötig. Auch Walter Matzke (Pirnaer Bürgerinitiativen) plädierte dafür, die Marktdurchfahrt offenzuhalten. 

Das sagen die Befürworter

Liebscher hält den Versuch nach wie vor für sinnvoll. Aus seiner Sicht führen Verkehrsprojekte zulasten von Autofahrern eher nicht dazu, dass der Einzelhandel einen massiven Einbruch erleide. Liebscher bezieht sich dabei auf eine Studie des Bundesverkehrsministeriums. Darin heißt es, die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs stärke die Kaufkraftbindung an den Standort Innenstadt und damit den lokalen Einzelhandel eher als der Ausbau von Pkw-Parkplätzen. Und viele Innenstadtkunden schätzen es laut der Studie, wenn sie beim Bummel so wenig wie möglich vom Autoverkehr belästigt werden. 

Stefan Thiel, Chef der Fraktion "Bündnis 90/Die Grünen/SPD", hält diesen Verkehrsversuch für längst überfällig. Auch CDU-Stadtrat Frank Ludwig plädierte dafür, den Test jetzt einfach mal zu machen. Die Linken halten die Test-Sperrung ebenfalls für unerlässlich. 

Nach Aussage von Ralf Böhmer, Fraktionschef der Freien Wähler, könne man erst beurteilen, ob Händler und Gastronomen benachteiligt werden, wenn aufgrund des Tests verlässliche Zahlen und Fakten vorliegen. Zudem dürfe laut Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke (parteilos) bei der Verkehrsplanung nicht immer nur der Autoverkehr im Fokus stehen. 

Das sagen die Verkehrsplaner

Liebscher hatte im Vorfeld mit dem Ingenieurbüro "VKT" aus Dresden korrespondiert, das im Auftrag der Stadt den VEP 2030 fortschreibt. Laut des Büros sei die Sperrung des Marktes ein zentrales und für die Innenstadtentwicklung sehr wichtiges Projekt. Die Planer befürworten den Versuch ausdrücklich. Dieser Test sei überdies keinesfalls ein Vorgriff auf ausstehende Planungen und für die VEP-Fortschreibung völlig unschädlich.

Auch die Stadt unterstützt den Beschluss, weil er in weiten Teilen den Vorgaben des VEP entspricht.

Das sagt der Zeitplan

Der ist noch ziemlich unkonkret. Nach derzeitigen Plänen läuft es auf eine bis zu zwölf Wochen dauernde Testphase hinaus, nur der Beginn ist noch unklar.

Die Linken drängten im Stadtrat bereits darauf, mit dem Versuch am 1. August zu beginnen, um sowohl Ferienzeiten als auch normale Zeiten mit einzubeziehen. "Wir sollten auch schnellstens starten, damit uns in der nächsten VEP-Debatte schon erste Erkenntnisse vorliegen", sagt Fraktionschef Tilo Kloß. Doch laut des Rathauses lasse sich der Versuch in einer so kurzen Zeit nicht vorbereiten. 

Zudem gibt es noch einige Unwägbarkeiten. Um nach Aussage der Stadt aussagekräftige Daten zu erhalten, sollten die Messergebnisse nicht durch Baustellen im angrenzenden Straßenverkehr verfälscht werden. Zumindest die B172 und die Maxim-Gorki-Straße sollten in der Testphase baustellenfrei sein. Auch dürften die Anwohner und Gewerbetreibenden am Markt nicht unnötig belastet werden. 

Die Stadtwerke Pirna haben allerdings in Kürze Bauarbeiten auf der Barbiergasse sowie auf der Maxim-Gorki-Straße signalisiert. Während dieser Arbeiten soll der Markt nicht gesperrt werden. Hanke sagte jedoch zu, den Versuch so schnell als möglich zu starten.

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