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Pisa-Experte: Schule ist wie Leistungssport

Der Vater der Pisa-Studien, Andreas Schleicher, empfiehlt Sachsen die Einführung einer für alle verbindlichen und voll in die Schullaufbahn integrierten Vorschulerziehung.

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Von Stefan Rössel

Die Konzepte liegen meilenweit auseinander: Die sächsische CDU-Regierung macht nach dem Schreck über die verheerenden Ergebnisse der Pisa-Studie vor drei Jahren den Versuch einer Kooperation von Schulen mit Kindertagesstätten. Die Teilnahme soll für die Kinder freiwillig sein, und die Kommunen bemühen sich aus Finanznot, den Kita-Zugang zu begrenzen. Auf der anderen Seite stellt einer der zurzeit prominentesten Bildungsforscher die Entwicklung einer voll in die Schullaufbahn eingepassten Vorschulerziehung in den Mittelpunkt von Reformbemühungen.

Andreas Schleicher aus Hamburg koordiniert in Paris die Pisa-Studien der Weltwirtschaftsorganisation OECD. Auch die zweite Pisa-Erhebung aus diesem Jahr zeige, „dass Deutschland auf vielen Feldern Schlusslicht ist“, warnte er bei einem Schulkongress der Sachsen-SPD am Sonnabend in Dresden.

Eine seiner wichtigsten Botschaften für eine Neuorientierung der Schulpolitik zieht er direkt aus den Ergebnissen der Studien: „Sie zeigen, dass sich Leistung und Chancengleichheit nicht gegenseitig ausschließen, sondern in einigen Ländern offenbar sogar gegenseitig bestärken.“ Im Gespräch mit der SZ verglich Schleicher die Schulbildung mit dem Leistungssport: „Wenn man eine starke Spitze haben will, muss man den Sport schon bei der Jugend in der Breite fördern.“

SPD will Systemwechsel

Zur Finanzierung einer besseren Ausbildung in den ersten Jahren empfahl Schleicher gegenüber der SZ eine Umverteilung: „Grund- und Vorschule werden in Deutschland im Vergleich zum OECD-Mittel weit unterdurchschnittlich finanziert, die Sekundarstufe Zwei dagegen überdurchschnittlich. Dabei wissen wir alle, dass die ersten Schuljahre entscheidend sind, wenn wir individuelle Förderung stärken wollen.“

Zugleich lägen die privaten Ausgaben für Vorschulerziehung in Deutschland etwa doppelt so hoch wie im OECD-Durchschnitt, obwohl nur relativ wenige Kinder daran teilnähmen. An der Hochschule liege der private Anteil dagegen unter dem Mittel. Schleicher: „Wenn man in Deutschland an öffentlichen Investitionen in die Bildung sparen will, dann wäre es sicher sinnvoller, im Hochschulbereich privat zu investieren als im Kindergarten.“

Die SPD stellte bei der Veranstaltung unter dem Motto „Neue Schulen braucht das Land!“ ein Konzept für einen grundlegenden Systemwechsel der Schule vor. Keine andere Gruppe habe bisher ein so gründlich durchdachtes Projekt präsentiert, erklärte die Landesvorsitzende Constanze Krehl selbstbewusst. Es solle ausführlich diskutiert und mittelfristig umgesetzt werden. Dafür versprach sie einen „langen Atem“. Das Konzept sieht zunächst eine kostenfreie Vorschule vor, die in eine feste Schuleingangsphase überführt werden solle.