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Plädoyer für den Wolf

Im Landkreis sind keine Wölfe zu Hause. Aber sie kommen ab und an zu Besuch. Das macht manchen Menschen Angst.

© dpa

Von Wolf Dieter Liebschner

Gesund und Fit

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Bei Rotkäppchen war alles noch so einfach. Wolf frisst Enkelin und Oma. Die Rollen sind verteilt. Klar, wer der Bösewicht ist. Das Schlusslied „Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot“ klingt erlösend und lustig.

Heute ist nichts mehr klar. Seit der Wolf wieder in Sachsen und dem südlichen Brandenburg Gebieten heimisch geworden ist, wird heftig gestritten. Am Donnerstagabend auch in Coswig. Denn seit der Landkreis Meißen offiziell zum Wolfsgebiet gezählt wird, hält der Wolfsbeauftragte Torsten Peters von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Vorträge. Er will informieren, aufklären, Furcht, Vorurteile und Unsicherheiten abbauen. Fast 50 an diesem Thema Interessierte waren gekommen. Mit so viel Zulauf war nicht gerechnet worden. Die Veranstaltung musste aus der Karrasburg ins geräumigere Rathaus verlegt werden.

Sehen in ihm die einen eine willkommene Bereicherung unserer Kulturlandschaft, ist er für andere eine Bedrohung. Angriffe auf Menschen werden befürchtet, Tierhalter beklagen Verluste, Jäger möchten den Wolf gern jagen, dürfen aber nicht. Der Wolf steht unter Naturschutz. Die Fronten sind verhärtet. Das wird auch in Coswig deutlich. „Ich möchte Sie reden hören, wenn das erste Kind zu Schaden gekommen ist“, so ein Besucher zu Peters. Daraufhin erhebt sich eine ältere Dame mit folgenden Worten: „Jetzt gehe ich aber. So einen Schwachsinn muss ich mir nicht anhören.“

Ob es Peters gelungen ist, den zweifelnden Teil der Besucher auf die Seite des Wolfes zu ziehen, mag dahingestellt bleiben. Doch wer dem Mann bei seinem Plädoyer für den Wolf gut zugehört hat, weiß jetzt eine ganze Menge mehr über dieses interessante Raubtier.

Peters weiß, dass inzwischen 25 Wolfsrudel und etwa zehn Einzeltiere in der Lausitz eine Heimat gefunden haben. Die Gesamtzahl wird auf etwa 100 bis 120 Wölfe geschätzt. Die Rudel werden von Wolfsfamilien mit ihren Jungen gebildet. Peters widersprach dem Verdacht, dass die Wolfsdichte ständig zunehme und die Bestände der Beutetiere dadurch reduziert werden. „Wenn die Jungtiere nach ein bis zwei Jahren abwandern, besetzen sie eigene Territorien.“

Eigentümlicherweise breiten sich die Wölfe von der Lausitz in nordwestliche Richtung aus, etwa dem Verlauf der Elbe folgend. Warum das so ist, weiß niemand genau. Peters vermutet, dass die Wölfe alten Routen folgen, deren Kenntnis genetische Ursachen hat. So ist ein einzelner Wolf schon in der Nähe der Elbmündung heimisch geworden. „Wölfe können hier jederzeit und überall auftauchen“, sagt Peters. Zwar gibt es im Landkreis Meißen kein Wolfsrudel, sie kommen aber hierher zu Besuch. Schließlich legen sie pro Nacht bis zu 70 Kilometer zurück. Angst müsse man nicht haben. „Wölfe versuchen immer, dem Menschen auszuweichen“, so Peters. Vier Kilogramm Fleisch braucht ein erwachsenes Tier täglich. Zu 95 Prozent ernähren sie sich von wildlebenden Huftieren. Haustiere hätten nur einen Anteil von 0,5 Prozent an der Wolfsnahrung. Peters ärgert sich darüber, dass aber gerade diese Fälle Schlagzeilen in den Medien machen. Dabei sei nicht einmal erwiesen, dass in jedem Fall der Wolf der Verursacher war. „Aber wenn ein Schaf gerissen wird, ist immer der Wolf der Hauptverdächtige.“ Peters plädiert für mehr Gelassenheit. „Der Wolf hat einst hier gelebt. Wir sollten froh sein, dass er zurückgekommen ist.“

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