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Platz für eine halbe Grundschule

Ein neuer Buszug soll Engpässe im Schülerverkehr beheben und gleichzeitig beim Sparen helfen.

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Von Peter Anderson

Wann passiert das heute noch? Fußgänger stupsen sich an. Autofahrer werden automatisch langsamer. Krippenkinder beugen sich aus dem Kinderwagen nach vorn und lassen den Schnuller fallen. Der neue fast 22 Meter lange Buszug der Verkehrsgesellschaft Meißen (VGM) zieht derzeit alle Augen auf sich, wenn er in Meißen und dem Umland unterwegs ist. VGM-Geschäftsführer Rolf Baum kann sein Glück kaum fassen. „Vor zwei Monaten hatten wir den Bus mit seinem Anhänger hier in Meißen, um das Gespann zu testen“, sagt er. Nicht im Traum wäre es ihm damals eingefallen, dass sein Unternehmen kurze Zeit später einen solchen Buszug im Linienbetrieb nutzen könnte. 370 000 Euro kostet ein werksneues Modell. Bei dem gestern in Meißen vorgestellten Gespann handelt es sich um einen Vorführwagen, der SZ-Informationen zufolge um rund ein Drittel preiswerter gewesen sein soll. Das habe den Landkreis und die Dresdner Verkehrsbetriebe (DV) als Gesellschafter der VGM bewogen, dem Kauf spontan zuzustimmen, sagt Meißens Landrat Arndt Steinbach (CDU).

Schafft er den Kreis? Locker kommt der neue Buszug von Göppel aus Thüringen noch um die engste Kurve. Mit dem Hänger lässt sich die Platzkapazität schnell mehr als verdoppeln.Fotos: Claudia Hübschmann
Schafft er den Kreis? Locker kommt der neue Buszug von Göppel aus Thüringen noch um die engste Kurve. Mit dem Hänger lässt sich die Platzkapazität schnell mehr als verdoppeln.Fotos: Claudia Hübschmann

Hier sei das Geld des Kreises gut angelegt, so Steinbach. Die VGM fahren für den Kreis pro Jahr rund eine Million Vertragskilometer und befördere Millionen von Fahrgästen. Der neue Buszug kommt auf der Strecke von Meißen über Nünchritz nach Riesa zum Einsatz. Die Linie wird von besonders vielen Schülern genutzt. Dadurch entstehen vor allem in den frühen Morgenstunden als auch am Nachmittag nach Unterrichtsschluss Engpässe. Diese sollen mit dem Einsatz des Gespanns der Vergangenheit angehören. Kurzfristig könnten die Plätze von 73 im Bus mit dem Hänger auf insgesamt 175 erweitert werden – Platz für die halbe Schülerschaft einer Grundschule. Beruhige sich in der Mittagszeit die Nachfrage, werde der Hänger zwischenzeitlich abgekoppelt. Dann tritt ein Spareffekt ein, da deutlich weniger Kraftstoff verbraucht wird, so Baum.

Der Kreisverkehr ist kein Problem

Einmal mehr betritt die Verkehrsgesellschaft Meißen mit dem Buszug Neuland, so wie zuvor mit ihren Anruf-Sammeltaxis, dem Bürgerbus in der Lommatzscher Pflege und den umweltfreundlichen sowie sparsamen Hybridbussen. Nach Angaben von Andreas Hemmersbach, der sowohl Geschäftsführer der VGM als auch Prokurist der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) ist, werden Buszüge bislang sachsenweit nur in der Region Mittweida eingesetzt. Ein Schwerpunkt in den westlichen Bundesländern bilde München, wo die Gespanne stets komplett unterwegs sind, um so viele Fahrgäste wie möglich zu befördern.

Hergestellt werden die Fahrzeuge im thüringischen Ehrenhain unweit der sächsischen Grenze. Grundlage ist ein MAN-Bus, der durch die Firma Göppel komplett neu aufgebaut wird. Die beiden Anhänger-Achsen lenken mit, sodass das Heck nicht mehr ausscheren kann. Wie von unsichtbaren Schienen geführt, zieht der Buszug einen engen Kreis um Meißens Straßenecken und bewältigt auch den Kreisverkehr zwischen Kurt-Hein-Straße und Zaschendorfer ohne jegliche Schwierigkeiten. VGM-Chef Andreas Hemmersbach schwärmt von dem ruhigen und sanften Fahrverhalten des Hängers. Über eine Videokamera behält der Fahrer die Vorgänge im Heck im Auge. Für Dresden sieht Hemmersbach derzeit allerdings keine Einsatzmöglichkeiten. Der Spareffekt trete schließlich vor allem dann ein, wenn der Hänger in ruhigen Tageszeiten auf dem Betriebshof geparkt werden könne. Das lasse sich für die Landeshauptstadt nicht so genau vorhersagen wie auf der Strecke von Meißen nach Riesa.

VGM-Geschäftsführer Rolf Baum erinnerte bei der gestrigen Präsentation des Buszuges daran, dass solche Gespanne noch bis Ende der 60er Jahre auf Meißens Straßen zu sehen waren. Der Ifa-Bus H6B sei oft mit einem Anhänger zum Einsatz gekommen. Sein Unternehmen hoffe, ein solches Fahrzeug bald als Oldtimer für Ausflugsfahren anbieten zu können.