merken
PLUS Freital

Kita-Notstand in Freital

Bürgermeister Peter Pfitzenreiter (CDU) über die angespannte Kita-Situation in Freital – und Auswege.

Bürgermeister Peter Pfitzenreiter ist unter anderem für die Kita-Betreuung in Freital zuständig.
Bürgermeister Peter Pfitzenreiter ist unter anderem für die Kita-Betreuung in Freital zuständig. © Egbert Kamprath

Herr Pfitzenreiter, in der vorletzten Woche sollte der Stadtrat eigentlich über die Kita-Planung beraten. Der Punkt wurde kurz vorher wieder von der Tagesordnung genommen. Warum?

Es gab relativ viele Beschwerden von Eltern, die keinen Kitaplatz zugewiesen bekommen haben. Wir haben uns die Situation daraufhin genauer angeschaut und nach Gesprächen mit den Einrichtungsleitern und den Tagespflegepersonen festgestellt, dass es bis einschließlich September auf den ersten Blick für 120 Kinder keinen Kitaplatz gab. Das war kurz vor der Stadtratssitzung.

Anzeige
Das Erfolgsrad dreht sich wieder
Das Erfolgsrad dreht sich wieder

Das 55 Meter hohe Riesenrad Wheel of Vision bietet wieder klasse Aussichten über Dresden.

Sie sagen „auf den ersten Blick“. Was heißt das?

Unter den 120 Kindern sind 55 Kinder, die eine Zusage für einen Kitaplatz haben – allerdings später als zunächst gewünscht. Wir sind bereits in Kontakt mit den Eltern, um zu klären, ob die Betreuung tatsächlich so früh gebraucht wird. Wenn dem so ist, suchen wir Übergangslösungen in anderen Einrichtungen. Das ist aus pädagogischer Sicht zwar nicht zu empfehlen, weil die Kinder zweimal eingewöhnt werden müssen. Falls jedoch dringender Bedarf besteht, versuchen wir zumindest die Betreuung zu sichern. Zudem gibt es bei einigen Kindern bereits Gespräche mit Einrichtungsleitern über eine mögliche Betreuung. Außerdem werden wir Krippenplätze durch Wechsel in den Kindergarten freilenken und damit werden dort wieder Krippenplätze frei. Es gibt dadurch voraussichtlich nur noch ganz wenige Kinder, denen wir kein konkretes Angebot machen können. Um all das zu koordinieren und die Eltern gebündelt zu informieren, haben wir als Stadtverwaltung die Steuerung wieder zentral in die Hand genommen.

Diese zentrale Vergabe sollte mit dem Kita-Vergabesystem Little Bird abgeschafft werden. Hat das System versagt?

Nein, denn es hat auch Vorteile. Aber es gibt für die Einrichtungsleiter nicht die Übersicht im System, wo sie sehen können, welche Kinder stadtweit noch nicht mit einem Platz versorgt sind. Im System war das Lenken der unversorgten Kinder auf freie Plätze noch nicht möglich. Dadurch ist die vermeintliche Notsituation entstanden. Ich denke, dass die Vergabeentscheidung einen anderen Fokus bekommen muss, je näher der gewünschte Betreuungsbeginn heranrückt. Bislang bildet das System sehr gut die Wünsche der Eltern ab. Für uns ist es aber auch wichtig, dass letztlich der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz erfüllt wird. Hinzu kommt, dass das System nicht immer klare Informationen darüber liefert, wie dringend der Betreuungsbedarf tatsächlich ist. Wir sind in Gesprächen mit Little Bird, um das System zu optimieren.

Wäre die Notsituation ohne das neue Vergabesystem überhaupt entstanden?

Die Frage ist, ob wir überhaupt von einer Notsituation sprechen können. Auch früher mussten wir Übergangslösungen finden, konnten das aber zentral regeln. Fakt ist, dass wir jetzt sehr spät von der vermeintlich angespannten Lage erfahren haben. Ohne die E-Mails der Eltern hätten wir in der Form nichts davon bemerkt. Insofern bin ich den Eltern dankbar dafür. Das war gerade noch rechtzeitig.

War es nicht trotzdem absehbar, dass es mit den Plätzen eng wird?

Nein. Wir haben einen überdurchschnittlich großen Zuzug von jungen Familien. Das waren allein 2018 rund 60 Kinder unter sechs Jahren, die nach Freital gezogen sind. Diese waren so nicht Grundlage der Planung. In den Vorjahren waren es immer etwa 25 Kinder. Hinzu kommt die steigende Anmeldequote. In der Krippe liegt sie bei 93 Prozent, im Kindergarten bei 98 Prozent. Auch das freut uns, aber stellt uns natürlich vor Herausforderungen.

Hinzu kommt, dass die Personalsituation angespannt ist. Richtig?

Ja, sie ist überall angespannt und das erschwert es natürlich, kurzfristig Plätze zu schaffen. Zusätzlich verschärft sich das Ganze durch die Vor- und Nachbereitungszeit, die den Erziehern ab Juni gewährt wird. Das macht bei unseren städtischen Einrichtungen allein mehr als zehn zusätzliche Vollzeitstellen aus. Außerdem geht die gemeinsame Bedarfsplanung mit dem Landkreis davon aus, dass einige Freitaler Kinder in unseren Nachbargemeinden unterbringen können. Auch dies kann in unserem System nicht abgebildet werden. Außerdem brauchen die Nachbargemeinden ihre Plätze zunehmend selbst.

Wo sollen die Plätze für die Kinder, die jetzt noch nicht versorgt sind, dann herkommen?

Erstens werben wir intensiv um neue Erzieher, haben den Tag des Erziehers durchgeführt, bieten unbefristete Verträge und eine verbesserte Einarbeitung. Wir sind außerdem an einem Förderprogramm dran, das die berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher unterstützt. Zweitens werden wir die Kapazitäten in den Einrichtungen, die wir haben, erweitern. In der Kita „Am Albertschacht“ werden wir sehr kurzfristig eine neue Gruppe eröffnen mit Personal, das wir schon gewonnen haben. Auch in anderen Kitas könnten wir bislang anderweitig genutzte Räume laut Betriebserlaubnis als Gruppenräume öffnen. Wir hätten also einen gewissen Puffer. Drittens werden wir versuchen, eine weitere Tagespflege zu eröffnen. Da gibt es konkret eine potenzielle Tagesmutter, die in der Vergangenheit Interesse signalisiert hat. Viertens haben wir Gespräche mit dem Landratsamt, mit dem Landesjugendamt und mit den Bürgermeistern der Umlandgemeinden geführt, um Lösungen vorzubereiten.

Welche sind das?

Mit den Nachbargemeinden führen wir Gespräche, welche Plätze kurzfristig verfügbar sind, um uns Übergangslösungen zu ermöglichen. Im Gespräch mit dem Landesjugendamt und dem Landratsamt geht es darum, wie wir mit der angespannten Personalsituation beim aktuellen Betreuungsbedarf umgehen müssen.

Welche langfristigen Maßnahmen sind geplant?

Im aktuellen Haushalt ist der Bau einer neuen Kita bereits verankert. Außerdem bekommt die Kita Pesterwitz einen Ersatzneubau für die Container, in denen die Kinder jetzt betreut werden. Wir planen, den Ersatzneubau an einer anderen Stelle zu errichten, um die Plätze in den Containern nicht zu verlieren. Wir prüfen gerade, ob wir die Container länger nutzen können. Wir werden übrigens auch schauen, ob der enorme Zuzug der Kinder auch Auswirkungen auf die Grundschulplanung hat. Dazu werden wir Gespräche mit dem Landesamt für Schule und Bildung führen.

Wie viele Kinder werden am Ende ohne Kitaplatz dastehen?

Ich hoffe, keines. Es gibt derzeit so viel Bewegung im System, dass ich davon ausgehe, dass wir allen Familien einen Platz anbieten können. Das ganze Verfahren braucht trotzdem seine Zeit. Aber bis Ende Mai sollten alle Eltern eine Information bekommen. Bei konkreten Problemen können sich die Eltern ans Sozialamt wenden.

Wie geht es mit der Kitaplanung, über die der Stadtrat beraten sollte, weiter?

Wir werden die Planung den Stadträten im Mai erneut vorlegen und die Punkte, über die wir jetzt gesprochen haben, ergänzen. Die zentrale Steuerung wollen wir zeitlich auf das notwendige Minimum reduzieren. Danach hoffen wir, wieder zu geordneten Verhältnissen und zur dezentralen Vergabe zurückkehren zu können. Das soll kein Dauerzustand werden.

Das Interview führte Tobias Winzer.

Das Sozialamt ist erreichbar unter der Telefonnummer 03516476524.

Mehr zum Thema Freital