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Plötzlich geht’s um Leben oder Tod

Ilke Wyludda muss sich ein Bein amputieren lassen. Danach kämpft die Olympiasiegerin auch um Para-Gold – sie wäre die Erste gewesen.

Von Jochen Mayer
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Bei den Paralympics 2012 in London verpasst Ilke Wyludda mit dem Diskus den erträumten Podestplatz. „Vom Wurfstuhl aus zu werfen, ist eine enorme Umstellung“, sagt ihr Betreuer Ralf Otto.
Bei den Paralympics 2012 in London verpasst Ilke Wyludda mit dem Diskus den erträumten Podestplatz. „Vom Wurfstuhl aus zu werfen, ist eine enorme Umstellung“, sagt ihr Betreuer Ralf Otto. © Kerim Onken/dpa

Der dramatischste Unfall geschah auf dem Operationstisch. Dabei galt Ilke Wyludda schon vorher als die „Schmerzensfrau der deutschen Leichtathletik“. Sie hatte als Diskuswerferin der Extraklasse unzählige Operationen über sich ergehen lassen müssen – serienweise an den Knien, an der Achillessehne, an der Knochenhaut.

Die härteste Entscheidung traf sie aber selbst. Eine offene Wunde sollte 2010 am Unterschenkel verschlossen werden, doch eine bakterielle Infektion sorgte für eine schwere Blutvergiftung. Wyludda wurde eine Zeit lang ins Koma versetzt. Es ging plötzlich dramatisch um Leben oder Tod. Für das Überleben opferte sie ihr rechtes Bein oberhalb des Knies – 15 Tage vor Heiligabend 2010. 

Wyludda besaß damals schon selbst genügend eigenes medizinisches Fachwissen, um Konsequenzen und Risiken abschätzen zu können. Nach ihrem Sportstudium hatte sie noch einen Abschluss als Physiotherapeutin gemacht, eine eigene Praxis eröffnet, Medizin studiert und als Anästhesistin gearbeitet.

Auch wenn die gebürtige Leipzigerin als Diskuswerferin 1996 in Atlanta Olympiagold gewann, zweifache Vizeweltmeisterin und Europameisterin war – ihre Karriere prägten auch Tiefschläge. So verlor sie als 19-Jährige 1988 die DDR-interne Olympia-Selektion um den noch einen verbliebenen Startplatz gegen die spätere Seoul-Olympiasiegerin Martina Hellmann mit unglaublichen 75,36 zu 78,14 Metern. 

Die Weiten sind inoffiziell – aber ewige Fußnoten in globalen Weitenlisten. So blieb ihr der Olympiastart in Südkorea verwehrt, vier Jahre später galt die in Halle an der Saale trainierende Wyludda als Goldfavoritin, kam aber in Barcelona nur auf Rang neun ein. Mit immer neuen Verletzungen und dem Ruf, bei großen Wettkämpfen Nerven zu zeigen, erlebte sie ein unbefriedigendes Karriere-Auf-und-Ab.

Ihr größter Erfolg: Bei Olympia 1996 in Atlanta gewinnt Diskuswerferin Ilke Wyludda Gold. 
Ihr größter Erfolg: Bei Olympia 1996 in Atlanta gewinnt Diskuswerferin Ilke Wyludda Gold.  © Archivbild: Arne Dedert/dpa

Doch mit psychologischem Beistand und dem Hilfsmittel Plüschmaskottchen trotzte die Werferin allen Spöttern. Sie war dabei hart gegen sich selbst, akzeptierte Schmerzen als ständigen Begleiter. „Sport auf meinem Niveau ist kein Gesundheitssport“, sagte Wyludda mal in einem Interview dem Berliner Tagesspiegel. „Leistungssport ist harte Arbeit, ist Geldverdienen. Leistungssport heißt mit dem Körper etwas bringen. Fragen Sie mal einen Bergarbeiter oder eine Krankenschwester, wie es nach 20 Jahren bei denen aussieht. Da ist das nicht anders.“ Die Erfolge hatten ihren Preis, Wyludda gab bei der EM 1998 zur Dopingkontrolle eine Liste von 63 Medikamenten an, die sie damals benutzte. Wyludda zählte aber auch alles auf – von Vitaminpräparaten bis zu Nahrungsergänzungsmitteln und lebenswichtigen Arzneien. Sicher war sicher. Aber schon immer heilten bei ihr äußere Wunden relativ schlecht. Über innere sprach sie nicht.

Nach der gnadenlos-endgültigen Amputation kehrte Wyludda nicht nur ins Leben zurück, sondern auch zu den Wurfanlagen. Bei den Paralympics 2012 verpasste sie in London als Fünfte und Neunte mit Kugel und Diskus erträumte Podest-Plätze. „Die Zeit dafür war viel zu kurz“, sagte vergangene Woche Ralf Otto, der Wyludda nach dem Tod ihres langjährigen Trainers Gerhard Böttcher betreute. „Sie wusste das auch. Ein halbes Jahr Vorbereitung reicht eben nicht aus, um in einer neuen Disziplin ganz vorn zu landen. Vom Wurfstuhl aus zu werfen, ist eine enorme Umstellung. Sie wollte die Erste sein, die nach dem Olympiasieg auch Paralympics-Gold gewinnt. Das wurde ihr Lebensziel. Sie hätte es schaffen können.“

Der Trainer, der an der Sporthochschule Köln studierte, an der FU Berlin als Dozent arbeitete und zwölf Jahre deutscher Para-Bundestrainer der Leichtathleten war, hätte darauf gewettet, dass es Wyludda in Rio de Janeiro gelungen wäre. „Das war ihr Anspruch“, sagte der 59-Jährige, der auch Medaillensammlerin Marianne Buggenhagen trainierte. „Ilke wollte das Gold in Rio“, erzählte Otto. „Darauf arbeitete sie zielgerichtet hin, ehrgeizig und mit einer Einstellung wie aus ihrem nichtbehinderten Leben. Sie trainierte genauso intensiv wie früher, schaffte beim Bankdrücken zum Beispiel Werte wie zu Olympiazeiten.“

Der Trainer staunte, wie Wyludda frühere Trainingselemente nun aus dem Sitzen machte, sich eigene Übungen ausdachte, weiter gewohnt leistungssportlich arbeitete. Mit nur einem Bein trainierte sie wie in ihren besten Jahren: zweimal am Tag, intensiv und leidenschaftlich. Doch ihr Hauptproblem blieben Verletzungen und Hautstellen, „die einfach nicht abheilen wollten“. Trainer Otto lobte: „Ilke war immer 100 Prozent professionell.“

Der Traum vom Para-Gold in Rio de Janeiro platzte wegen einer weiteren Verletzung. Der Körper spielte einfach nicht mit. Weitere Operationen kamen hinzu, nicht alle gelangen wie erhofft. Wyludda beendete nach Rio de Janeiro ihre Para-Laufbahn offiziell. Doch eine Hintertür für ein Comeback blieb offen. Dabei änderte sich wenig an ihrem Leidensweg. „Wir telefonieren alle paar Monate“, berichtete Otto und informierte über den aktuellen Stand. „Sie hat wieder mehrere Operationen hinter sich, nicht alle gingen gut aus. Sie lag lange im Krankenhaus, hat einen Schicksalsschlag nach dem nächsten. An Sport ist gerade nicht zu denken.“ Vergangene Woche bekam er eine Urlaubskarte aus der Sonne von ihr. Es geht wieder aufwärts, bleibt aber ein ewiges Auf und Ab.

Trotzdem könnte WM-Silber im Kugelstoßen 2015 in Doha Wyluddas größter Erfolg im paralympischen Sport bleiben. Zu ihrer Para-Bilanz gehören zwei EM-Medaillen von 2014 für Rang zwei und drei mit Kugel und Diskus. „Alleine durch das große Medieninteresse an ihr hat Wyludda auf den Behindertensport aufmerksam gemacht“, sprach Andrea Holz von besonderen Effekten für eine ganze Sportsparte.

Weit weg von Gleichstellung

Die Geschäftsführerin des Behindertensportverbandes Sachsen-Anhalt registrierte auch, wie die Olympiasiegerin im Diskuswerfen von 1996 in Atlanta in die für sie neue Sportwelt fand. „Es gibt noch große Unterschiede zwischen dem olympischen und paralympischen Sport“, weiß die Hallenserin. „Die Dimensionen waren plötzlich ganz andere, die Ausstattung, der Transport. Da gibt es organisatorische Details, die noch nicht so perfekt sind, wie sie es eigentlich kannte. Da sind wir weit weg von einer Gleichstellung.“

Wyludda wird dieser Vergleich sicher nicht mehr aufregen. Ihr Leben hat neue Herausforderungen und Handicaps. Denen stellt sie sich immer wieder aufs Neue, so wie Wyludda es immer getan hat als olympische und paralympische Werferin von Format.

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