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Plötzlich Retter

Jörg Endesfelder rettete einem Unfallfahrer in Bannewitz das Leben. Dafür wird er nun geehrt.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Verena Schulenburg

Bannewitz. Eigentlich war es ein ganz normaler erster Septembertag, bis zu diesem Moment. Es war gegen 12.30 Uhr als Jörg Endesfelder bei herbstlichem Regenwetter den Bannewitzer Real-Markt verließ. Der 74-Jährige bog mit seinem Auto auf die B 170 und fuhr in Richtung Possendorf, ab nach Hause. Doch so weit kam der gebürtige Wilmsdorfer nicht.

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Bei einem schweren Verkehrsunfall auf der B 170 war Jörg Endesfelder zur Stelle.
Bei einem schweren Verkehrsunfall auf der B 170 war Jörg Endesfelder zur Stelle. © Marko Förster

Kurz hinter Hänichen stockte ihm beinah der Atem. Der Anblick, der sich dem Senior auf der gegenüberliegenden Fahrbahn bot, ließ schaudern. Zwei Autos waren derart zusammengeprallt, dass Blechteile meterweit auf der Bundesstraße verstreut lagen. Der Fahrer des Mitsubishis lief über die Fahrbahn. Aus dem Motorraum eines Opel Omegas schlugen Flammen. Geistesgegenwärtig trat Jörg Endesfelder auf die Bremse, stellte sein Auto ein Stück weit vom Unfallort ab. „So schnell ich konnte, lief ich zu dem brennenden Auto“, erzählt er. Als Jörg Endesfelder die Fahrertür des Opels öffnete, sah er, wie ein Mann bewusstlos auf dem Lenkrad lag. Ein weiterer Mann half dem 74-Jährigen, den Verletzten zu bergen und ihn in Sicherheit zu bringen. „Weg von dem Auto, es explodiert gleich“, hörte Endesfelder eine Stimme rufen. „Nein, hier passiert nichts“, entgegnete der Wilmsdorfer und versuchte, mit der Hilfe anderer, den verkeilten Motorraum zu öffnen, um die Flammen zu löschen. Mehrere Fahrzeuge, darunter auch Fahrer von Lkws hielten und rückten mit ihren Feuerlöschern an, um zu helfen. Eine Frau kam mit einer Decke für den Verletzten, erinnert sich Endesfelder, der auch noch einen zufällig vorbeifahrenden Rettungswagen heranwinkte. An Details kann sich der 74-Jährige aber nur noch schwer erinnern. „Es ging alles so schnell“, sagt er.

Eines weiß Jörg Endesfelder, der früher selbst aktiv bei der Feuerwehr war, aber genau: Der bewusstlose Opelfahrer, der – wie sich später herausstellte – auf der regennassen Fahrbahn die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor und in den Gegenverkehr raste, hatte großes Glück. „Wäre er drei Minuten länger im Auto geblieben, hätte er das nicht überlebt“, sagt Endesfelder. Da der Motor seines Fahrzeuges noch lief, schlugen die Flammen durch das Gebläse und das Armaturenbrett. Glücklicherweise bekam der 54-jährige Unfallverursacher schnell Hilfe, noch bevor Polizei, der gerufene Notarzt und die Einsatzkräfte der Feuerwehren zur Stelle sein konnten.

Jörg Endesfelder war zum richtigen Zeitpunkt da – und er half. „Er hat vorbildlich gehandelt“, sagt Heiko Wersig, Gemeindewehrleiter in Bannewitz. Deshalb wird der 74-Jährige zur Sitzung des Bannewitzer Gemeinderates diesen Dienstag von der Rathausspitze und der Polizei ausgezeichnet. Der Retter selbst sieht dem gelassen entgegen: „Der Einsatz lief wunderbar“, erzählt der 74-Jährige so selbstverständlich, als hätte er wie gewohnt seinen Dienst verrichtet. Seit seiner Kindheit engagierte sich Jörg Endesfelder in der Possendorfer Feuerwehr, leitete dort lange Zeit die Brandschutzgruppe. Seit 1998 ist der Wilmsdorfer eigentlich nicht mehr im aktiven Dienst, sondern gehört der Alters- und Ehrenabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Possendorf an. Das Retter-Gen scheint der gelernte Maurer und Baumaschinist dennoch nicht verloren zu haben.

Und was sagte seine Frau zu dem spontanen Rettungseinsatz? „Sie ist stolz auf ihren Alten“, sagt Jörg Endesfelder und lacht. „Wäre sie allerdings zu dem Zeitpunkt des Unfalls mit mir im Auto gewesen, hätte sie mich wohl daran gehindert.“

Zu helfen, sei für den Mittsiebziger eine Selbstverständlichkeit, genauso wie es das für andere Menschen ist. Viele Leute, die in eine ähnliche Situation kommen, hätten aber meist Angst, etwas falsch zu machen, weil sie Verantwortung übernehmen müssten. „Unnötig“, findet Jörg Endesfelder. Er würde sich mehr engagierte Ehrenamtler für die Feuerwehren der Gemeinde wünschen. In der Zeit von häufigen Unwettern, Katastrophen und zunehmend hoher Verkehrsdichte seien gut ausgebildete Leute notwendiger denn je. Irgendwann, sagt er, brauche vielleicht jeder einmal Hilfe. „Nicht helfen zu können, das gibt es nicht.“