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Plötzlich war der Spiegel ab

Der Angeklagte behauptet, von einem Auto angefahren worden zu sein. Doch das kann nicht stimmen, sagt ein Gutachter.

Von Jürgen Müller

Was passiert nachts um drei auf dem Lommatzscher Markt? Nichts, sollte man meinen. Manchmal aber ist doch was los. So in einer Augustnacht vor nunmehr schon zwei Jahren. Zwei junge Männer kommen von einer Gartenparty, haben reichlich Alkohol intus. Von hinten kommt ein VW Caddy angefahren. In ihm sitzt ein Monteur, der Nachtschicht hatte, aber früher als sonst nach Hause fahren konnte. Als er die beiden Männer, die über die Straße taumeln, überholt, kracht es plötzlich und der Spiegel auf der Fahrerseite ist ab. Der heute 33-jährige Angeklagte soll ihn einfach abgeschlagen haben. Wegen Sachbeschädigung sitzt er nun vor dem Meißner Amtsrichter. Der gebürtige Meißner, der jetzt in der Nähe von Frankfurt am Main lebt, will es nicht gewesen sein. „Ich habe nichts gemacht. Der VW kam mit überhöhter Geschwindigkeit angefahren, hat mich in Hüfthöhe berührt“, sagt er. Dann sei er „laut geworden“, woraufhin der VW-Fahrer davongefahren sei.

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Die Version des Geschädigten ist eine andere. Er sei mit vielleicht zehn bis 20 Kilometern in der Stunde angefahren gekommen. „Die beiden sind mitten auf der Straße gelaufen. Als ich an ihnen vorbeifuhr, hat der Angeklagte mit der Faust den Spiegel heruntergehackt“, sagt der 32-jährige Miltitzer. Dann seien die beiden auch noch handgreiflich geworden. Da sei er weitergefahren und habe die Polizei gerufen. Miteinander zu reden sei nicht gegangen. Der andere Mann habe zwar versucht, den Angeklagten zu beruhigen, es sei ihm aber nicht gelungen. Selbst als die Polizei gekommen war, habe der Angeklagte nur herumgeschrien. Später wurde bei dem Angeklagten eine Blutalkoholwert von knapp 1,8 Promille festgestellt. Der Geschädigte hingegen war stocknüchtern. „Wenn ich den Mann angefahren hätte, wäre der Spiegel angeklappt, aber niemals von oben nach unten abgebrochen“, sagt er. Der Mann ist zu Recht sauer. „Die Sache hätte man vor Ort klären können, es geht um 40, 50 Euro. Stattdessen streiten wir uns noch zwei Jahre später vor Gericht“, sagt er, der inzwischen einen Spiegel bei Ebay gekauft und selbst angebaut hat.

Richter Michael Falk hat ein Gutachten anfertigen lassen. Das kommt zu einem klaren und eindeutigen Ergebnis: Der Spiegel kann nur von oben nach unten abgeschlagen worden sein.

Auch wenn es im Strafverfahren normalerweise nicht um zivilrechtliche Ansprüche geht, schlägt der Richter vor, das Verfahren einzustellen, wenn den Angeklagte an den Geschädigten 200 Euro zahlt. Der willigt ein, gibt das Geld gleich in bar im Gerichtssaal. Das Verfahren wird daraufhin endgültig eingestellt. Für den Angeklagten dennoch ein gutes „Geschäft“. So muss er das Gutachten nicht bezahlen. Das muss jetzt der Steuerzahler machen.