merken
PLUS

Pokalsieg, Gründung, Meistertitel

Bereits 1950 wird für Dresden eine neue Mannschaft zusammengestellt. Die Volkspolizisten sind schnell beliebt – und erfolgreich.

© Privatarchiv

Von Sven Geisler

Die Geschichte des Vereins beginnt nicht erst mit der Gründung der Sportgemeinschaft Dynamo. Es ist lediglich ein formaler Akt, der an jenem 12. April 1953 streng nach Protokoll vollzogen wird. Die Mannschaft bekommt einen neuen Namen. Zusammengestellt worden war sie jedoch bereits im Sommer 1950.

PPS Medical Fitness GmbH
Physiotherapie bei PPS Medical Fitness
Physiotherapie bei PPS Medical Fitness

Krankengymnastik, Bewegungsbad, physikalische Therapie, Lymphdrainage, Massagen, Outdoor-Training - PPS Medical Fitness ist für Ihre Unterstützung rundum aufgestellt.

Das Trainer-Duo Fritz Sack und Paul Döring sollte aus 40 Spielern mehrerer Volkspolizei-Mannschaften einen erstklassigen Kader für die SV VP Dresden formen. Sie sollten in der Oberliga spielen, nachdem die meisten Spieler der SG Friedrichstadt nach der Vize-Meisterschaft in den Westen geflohen waren und der Klub aufgelöst wurde. Den Aufstieg der BSG Sachsenverlag – später Rotation – in die höchste Spielklasse der DDR im gleichen Jahr hatten Politiker und Funktionäre bei ihren Planspielen wohl nicht einkalkuliert.

Einen Monat lang, vom 28. Juli bis 26. August 1953, prüfen Sack und Döring ihre Kandidaten bei einem Trainingslager in Forst, 17 bilden schließlich die neue Mannschaft. „So schlecht können wir nicht gewesen sein, sonst wären wir kaum Meister geworden“, sagte Günter „Moppel“ Schröter (1927-2016). Der Stürmer stieg wegen seiner Tricks und Tore schnell zu einem Publikumsliebling auf. „Am Anfang spürten wir eine Distanz, wenn wir in Uniform herumliefen“, erinnerte er sich zum 50. Dynamo-Geburtstag 2003. „Wir haben mit unserer Art überzeugt. Früher wurde Fußball noch gespielt, heute wird er meist gekämpft. Bald kamen 15 000 oder 20 000 Leute zu unseren Spielen.“ Zumal die Volkspolizisten mit 385 Mark Gehalt im Monat plus fünf Mark Essengeld und jede Woche einem Vitaminbeutel nicht sonderlich privilegiert waren.

Schnell stellten sich Erfolge ein. Auf Anhieb sprang 1950/51 Platz vier heraus. „Mancher Gegner hat uns anfangs nicht für voll genommen, und wenn man dann gewinnt, steigert sich jeder automatisch“, erklärte Schröter. Er erzielt das erste Punktspiel-Tor für die SV VP Dresden: Beim 2:0-Sieg in Stendal am 2. September 1950 trifft er per Elfmeter; am Ende der Saison stehen für ihn 32 Treffer in der Statistik.

1952 werden die Dresdner Vizemeister hinter Turbine Halle – und feiern zum krönenden Abschluss ihren ersten Pokalsieg. Der wird als einer von sieben in Dynamos offizieller Titelsammlung selbstverständlich mitgezählt, schon deshalb darf die Vorgeschichte nicht vergessen werden.

Am 14. September 1952 treffen sie in Berlin auf Einheit Pankow, ursprünglich sollte Lok Stendal der Gegner sein. Aber die Sachsen-Anhalter waren kurzfristig disqualifiziert worden, weil sie in den drei Runden zuvor einen nicht spielberechtigten Akteur eingesetzt hatten. Den überraschenden Konkurrenten, in der Meisterschaft Tabellenletzter, beherrscht die VP-Elf klar, gewinnt das Finale durch Tore von Johannes Matzen und Karl-Heinz Holze, der doppelt trifft, 3:0.

Das Fazit der Sächsischen Zeitung damals: „Das Spiel stand technisch auf einem guten Niveau, besaß jedoch nicht den so oft erlebten Endspielcharakter, da der Gegner der Dresdner Volkspolizei kein gleichwertiger Partner war. Den Hauptanteil daran, dass die Niederlage nicht höher ausfiel, hat Torwart Spieckernagel. Entscheidend für den Sieg der Dresdner war ihre gute kollektive Leistung.“

Schon im nächsten Jahr lieferte die Mannschaft ihr Meisterstück – wenige Wochen nach der offiziellen Gründung der Sportgemeinschaft Dynamo. Die Versammlung im festlich geschmückten Saal des Filmtheaters Schauburg beginnt morgens um acht Uhr, denn der nächste Termin drängt. Am Nachmittag, 16 Uhr, steht das nächste Spiel an – oder das erste, wie man will. Es ist der 26. Spieltag in der Oberliga-Saison 1953/54, Dresden empfängt Aktivist Brieske Ost. Aber nicht mehr als SV Volkspolizei, sondern unter dem neuen Namen.

„Es stand vorher fest, wer Präsident wird und wer für welche Funktion kandidiert“, berichtete Hans Seidel (1926-2004). Er war damals für den reibungslosen Ablauf verantwortlich, der bis ins Detail vorgeschrieben war inklusive der Wahl von Heinz Tülch, Oberstleutnant der Volkspolizei, zum ersten Vorsitzenden. Höhepunkt im Protokollbericht: „Feierlich übergaben die Sportfreunde Möbius, Fischer und Duffke in der neuen schmucken Dynamo-Sportkleidung der neuen Leitung die Fahne der SG Dynamo, wobei gleichzeitig die Dresdner Fußballauswahl der Jungen Pioniere Blumengrüße überbrachte.“ Nach dem Schlusswort des Vorsitzenden, „schloss der gemeinsame Gesang des Weltjugendliedes die Veranstaltung“. Rechtzeitig vor Spielbeginn.

Vor 15 000 Zuschauern laufen die Dresdner zum ersten Mal ganz in Rot auf, aber die Partie gegen die Mannschaft aus dem Senftenberger Kohlerevier gestaltet sich zäh. Bei heftigem Wind scheitern Dynamos Stürmer ein ums andere Mal an Gäste-Torwart Hans Jünnemann. Als der Schiedsrichter ein Foul an Herbert Schoen im Strafraum übersieht, steht die Nullnummer fest. Das Fazit des Berichterstatters: „Mit dieser Leistung konnte Dynamo nicht beweisen, dass es zu Recht an der Tabellenspitze steht.“ Für einen Sieg in Aue gegen Wismut sei eine ganz andere Leistung nötig.

Das sächsische Duell endet 1:1 – und Dynamo muss Platz eins tatsächlich abgeben: an das Überraschungsteam von Motor Dessau, das mit 8:1 gegen Babelsberg gewonnen hatte.

Es entwickelt sich eines der spannendsten Titelrennen in der DDR-Geschichte. Dessau scheidet bereits am vorletzten Spieltag aus, aber am 31. Mai 1953 haben noch drei Mannschaften die Chance: Motor Zwickau liegt einen Punkt vor Dynamo und Aue, verliert aber zum Schluss bei Vorwärts Berlin – durch ein Abseitstor. Schiedsrichter Kurt Liebschner aus Weißenfels erklärte, von der Sonne geblendet gewesen zu sein. Dynamo gewinnt 3:1 gegen Dessau.

Es entsteht jedoch eine paradoxe Situation, denn zwei Tage vor dem vermeintlichen Meisterschaftsfinale hatte der Spielausschuss beschlossen, das Spiel zwischen Aue und Vorwärts Berlin zu annullieren. Es sollte am 21. Juni auf neutralem Platz erneut ausgetragen werden. Diese Entscheidung wird plötzlich zurückgenommen und das 2:2 gewertet. Deshalb kommt es am 5. Juli – fünf Wochen nach dem letzten Spieltag – zum Entscheidungsspiel zwischen den punktgleichen Mannschaften aus Dresden und Aue. In Berlin, Walter-Ulbricht-Stadion, unmittelbar an der Grenze zwischen Ost und West. Nur wenige Tage vorher, am 17. Juni 1953, wird in der Hauptstadt der Volksaufstand der Arbeiter niedergeschlagen.

Wegen des Ausnahmezustandes fährt kein Sonderzug aus Dresden in die Hauptstadt – aus Aue dagegen schon. Die Wismut-Anhänger sind unter den 40 000 Zuschauern in Überzahl. Bis zur vorletzten Minute führt ihre Mannschaft, dann trifft „Moppel“ Schröter zum Ausgleich für die Dresdner. Die ohnehin verlängerte Saison endet erst in der Verlängerung. Karl-Heinz Holze trifft mit einem straffen Schuss aus 18 Metern zum 3:2 – Dynamo ist zum ersten Mal Meister.

Noch mehr rund um das Vereinsjubiläum lesen Sie in unserem Dossier „65 Jahre Dynamo“