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Poker um deutsches Formel-1-Rennen

Bernie Ecclestone spielt mit dem WM-Lauf – und die Betreiber von Hockenheim- und Nürburgring gegeneinander aus.

Von Thomas Weitekamp und Jürgen Magh

Bernie Ecclestone spricht gern und viel über die Formel 1. Egal, ob gute oder schlechte Nachrichten – der Chef verkündet sie immer im Plauderton. Ab und zu erschüttern sie dennoch die Königsklasse. Ein Jahr ohne den Großen Preis von Deutschland, erstmals seit 55 Jahren kein Rennen auf deutschem Boden – so heißt das neueste Thema des Briten. Weniger als sechs Monate vor dem geplanten Termin am 19. Juli auf dem Nürburgring wird das Rennen zum Spielball im Vertragspoker.

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„Wir würden wirklich alles tun, ihr Verschwinden zu verhindern. Aber wenn das Rennen nicht stattfindet, dann nur, weil sie es sich nicht leisten können“, betont er. Auch für einen von ihm kurzfristig ins Gespräch gebrachten Wechsel nach Hockenheim gebe es „nicht wirklich“ eine vertragliche Grundlage – „aber“, erklärt der 84-Jährige lächelnd, „wir haben ja schon ein deutsches Rennen – in Österreich“.

Der Brite macht öffentlich Druck. Hinter den Kulissen verhandeln die Parteien weiter. „Es hat in London Gespräche zwischen Herrn Ecclestone und Vertretern des Nürburgrings gegeben. Das können wir bestätigen“, meint Pietro Nuvoloni, Sprecher der Betreiber-Gesellschaft Capricorn. Den Stand der Verhandlungen könne er dagegen nicht kommentieren: „Über die Inhalte halten wir uns bedeckt. Wenn es ein Ergebnis gibt, dann teilen wir das mit.“

Für die Betreiber sind die zähen Verhandlungen ein Problem. Mit jeder Woche, die vergeht, verliert der Nürburgring wichtige Zeit für Marketing und Ticketing. Die ohnehin schwachen Zuschauerzahlen der vergangenen Jahre würden zweifellos weiter darunter leiden, wenn der Eintrittskartenvorverkauf erst im Frühjahr anfängt. Das finanziell ohnehin schwierig zu stemmende Großereignis würde dadurch zum noch größeren Kraftakt.

Doch Ecclestone gibt noch nicht nach. Es geht um Geld, viel Geld, und der Formel-1-Chef ist offenbar nicht mehr zu großen Zugeständnissen bereit – auch, weil er mit dem Standort Deutschland bereits vergleichsweise „wenig“ Geld verdient. Die Antrittsgebühr für das Eifel-Rennen betrug 2013 angeblich bloß noch sechs Millionen Euro. Die Ausrichter der Rennen in Asien sollen umgerechnet bis zu 35 Millionen Euro zahlen. In Deutschland wechseln sich Hockenheim- und Nürburgring aufgrund der enormen Kosten bereits seit 2008 ab.

„Wir nehmen die Aussagen von Herrn Ecclestone zur Kenntnis, kommentieren diese aber nicht“, sagt Nuvoloni. „Wir würden uns freuen, wenn es auch in diesem Jahr ein Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring geben würde. Aber ein Formel-1-Rennen muss auch für den Betreiber finanzierbar sein.“ Viele Rennstrecken können sich die von Ecclestone eingeforderten Antrittsgagen der Formel 1 nicht mehr leisten oder diese wieder erwirtschaften.

Brite ist berüchtigt für diese Taktik

Ob die Aussichten für ein deutsches Rennen aber tatsächlich so schlecht sind, wie Ecclestone es darstellt, ist fraglich. Bei der vergangenen Hängepartie im vorigen Jahr kippte er zwar Südkorea aus dem Kalender. Deutschland bleibt aber ein Kernmarkt. Drei deutsche Fahrer starten in der Formel 1, darunter der vierfache Weltmeister Sebastian Vettel, der nun für Ferrari fährt, und der WM-Zweite Nico Rosberg – ganz zu schweigen von Mercedes, dem neuen Schwergewicht der Königsklasse.

Genaueres weiß aber wohl nur Ecclestone. Er trifft widersprüchliche Aussagen über die Gespräche, und weitere derartige Statements sollten in der nahen Zukunft nicht überraschen. Vor zwei Jahren überlegte Ecclestone öffentlich, den insolventen Nürburgring zu kaufen. Zwei Tage später überlegte er es sich wieder anders. Seine taktischen Spielchen, die Betreiber der Strecken gegeneinander auszuspielen, sind seit langer Zeit berühmt und berüchtigt. Nuvoloni bewertet die Nachrichten daher auch nicht über: „Selbstverständlich bieten wir Herrn Ecclestone die Grand-Prix-Strecke weiter an, wie wir sie auch anderen Veranstaltern anbieten.“

Der Hockenheimring stellt sich als Alternative zur Verfügung. „Wir haben einen Vertrag mit Herrn Ecclestone für die Rennen 2016 und 2018, aber für dieses Jahr nichts vorliegen“, sagt Marketingleiter Jorn Teske. „Wenn es ein konkretes Angebot gibt, dann schauen wir uns das an.“ Doch auch der Hockenheimring hat Probleme. 2014 blieben die Zuschauerzahlen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Lediglich 52 000 Fans kamen am Sonntag an die Strecke. 2013 am Nürburgring waren es sogar nur 44 000 Zuschauer beim Rennen. Umso schwieriger ist angesichts solcher Zahlen die Refinanzierung. Dieses Problem ist aber kein deutsches. Auch andere Traditionsstrecken wie Silverstone beklagen einen Zuschauerschwund. So planen die Briten, die Eintrittspreise zu senken. (sid mit SZ)

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