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"Ich kann endlich wieder Geld für die Familie verdienen"

Aleksander Fink war am Montag einer von Hunderten polnischen Pendlern, die über die Grenze in Zgorzelec konnten. Seine Frau ist ihren Job in Deutschland los.

Aleksander Fink wohnt mit seiner Familie in Zgorzelec. Seit Montag darf er bei Lift-Manager in Jänkendorf arbeiten, darüber ist der Pole froh.
Aleksander Fink wohnt mit seiner Familie in Zgorzelec. Seit Montag darf er bei Lift-Manager in Jänkendorf arbeiten, darüber ist der Pole froh. © André Schulze

Für Aleksander Fink bedeutet der Montag sehr viel. Es ist der erste Arbeitstag bei seinem neuen Arbeitgeber und der junge Mann aus Zgorzelec kann jetzt wieder über die Neiße pendeln, ohne sich nach jedem Aufenthalt in Deutschland in Quarantäne begeben zu müssen. "Ich fühle mich gut wieder arbeiten zu dürfen und Geld für die Familie zu verdienen", sagt der 27-Jährige in einem guten Deutsch. 

Angestellt ist er beim Unternehmen Lift-Manager in Jänkendorf. Geschäftsführer Roland Jäkel erzählt, dass Aleksander eigentlich seit dem 1. April einen Arbeitsvertrag hat. "Aber er konnte seine Arbeit bei uns nicht beginnen, weil er nicht nach Hause fahren konnte, ohne sich in Quarantäne zu begeben." Also blieb er in Zgorzelec. Natürlich hätte Roland Jäkel ihm eine Unterkunft auf deutscher Seite versorgen können. Aber wer kümmert sich dann um die beiden Kinder, die zu Hause bleiben müssen, weil auch in Polen Kindereinrichtungen und Schulen geschlossen sind?    

Schritt für Schritt
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Frau darf nicht arbeiten

Also blieb der Familienvater zu Hause, ohne Arbeitslosengeld zu bekommen, weil er nicht in Polen schafft. Auch kein deutsches, weil er keinen Wohnsitz in Deutschland hat. Fink hätte nur eine monatliche staatliche Stütze von 600 Złoty (rund 150 Euro) in Anspruch nehmen können, die Deutschland und Polen für die Berufspendler ausgehandelt haben. Während er seit Montag wieder ohne Einschränkungen nach und aus Deutschland reisen darf, trifft es seine Frau Agata hart. Die 27-Jährige ist Altenpflegerin und war bei einem Görlitzer Pflegedienst angestellt. Dieser hat ihr jetzt gekündigt, weil eine Weiterbeschäftigung zu unsicher ist. 

Das Beispiel dieser polnischen Familie zeigt, dass es nicht jedem Berufspendler aus Polen seit Montag vergönnt ist, ohne Einschränkungen an seinen deutschen Arbeitsplatz zu kommen. Medizinisches und Pflege-Personal muss sich weiter in Quarantäne begeben, wenn es nach Polen zurückkehrt. Dazu zählen Ärzte, Krankenschwestern, Pharmazeuten und Altenpfleger.

Die polnische Seite begründet diese Entscheidung damit, dass in diesen Berufsgruppen das Infektionsrisiko besonders hoch sei. Deshalb müssen Zugehörige zu diesen Gruppen bei einer Einreise nach Polen nach wie vor 14 Tage in Quarantäne verbringen. Das betrifft aber nicht nur die einzelne Person, die aus Deutschland zurückkommt, sondern auch deren Familie mit der sie zusammenleben. 

Medizinisches Personal fehlt weiter

Mit etwas Ratlosigkeit wurde die Nachricht über das nur teilweise Aufheben der Beschränkungen im Klinikum Görlitz aufgenommen. Hier erhoffte man sich mehr. 23 polnische Pendler sind im Klinikum beschäftigt, sagt Pressesprecherin Katja Pietsch. Und diese fehlen nach wie vor, auch wenn sich einzelne inzwischen in Görlitz eine Bleibe gesucht haben. "Die Situation ist für uns weiter schwierig, aber wir bekommen das hin, die medizinische Versorgung sicherzustellen", betont die Sprecherin. 

Im Görlitzer St.-Carolus-Krankenhaus ist die Situation nicht viel anders, bestätigt Sprecherin Stephanie Hänsch. 14 polnische Mitarbeiter arbeiten im St. Carolus im Ärztlichen Dienst, in der Pflege und der Physiotherapie. Einige polnische Mitarbeiter wohnen bereits seit Längerem mit ihren Familien in Görlitz und können dadurch ihre Arbeit fortsetzen.

Doch die polnischen Kollegen, die nicht pendeln können, fehlen. "Sie sind zum einen als Mitarbeiter eine wertvolle Bereicherung für die Krankenhäuser, zum anderen können sie durch ihre muttersprachlichen Kenntnisse die polnischsprachigen Patienten in unserem Haus optimal betreuen", sagt Stephanie Hänsch.

Unternehmen atmen auf

Zufriedenheit dagegen in der verarbeitenden Industrie. Mareike Knöschke ist für das Personal bei Borbet Sachsen in Kodersdorf zuständig. "Es ist für uns wie ein Befreiungsschlag, dass unsere polnischen Kollegen wieder kommen dürfen", sagt die Personalchefin. 154 polnische Männer und Frauen kommen täglich über die Neiße-Grenze, um bei Borbet zu arbeiten. Sie werden mit offenen Armen erwartet, denn das Werk ist dabei, wieder unter Volllast Felgen für Fahrzeuge zu produzieren. In der Autoindustrie sind die Montagebänder wieder angelaufen, und da werden Felgen gebraucht.   

Mareike Knöschke schätzt ein, dass es schwierig geworden wäre, unter den gegebenen Umständen die Produktion zu erhöhen. "Wir hatten einen Plan bis Ende Mai, der das personelle Defizit kompensiert. Jetzt organisieren wir um, damit unsere polnischen Mitarbeiter wieder ihrer Arbeit nachgehen können." Das wird diese Woche noch brauchen, bevor alle Arbeitsplätze regulär besetzt sind.  

Polnische Zusteller tragen die SZ aus

Aufatmen auch beim Medienvertrieb Görlitz-Niesky, der dafür sorgt, dass die Sächsische Zeitung morgens im Briefkasten steckt. "Wir können jetzt unsere polnischen Mitarbeiter nach und nach wieder einsetzen", freut sich Geschäftsführer Falko Krüger. 25 polnische Bürger tragen in der Stadt Görlitz die Produkte der DDV-Mediengruppe in die Haushalte und Einrichtungen.

Gleichzeitig bedankt sich Falko Krüger für die solidarische Bereitschaft bei allen Zustellern, die für die verhinderten polnischen Boten die Arbeit gemacht haben. "Mit so einer Resonanz haben wir nicht gerechnet - und manchem fällt es jetzt schwer, den Job wieder aufzugeben", ergänzt der Geschäftsführer.

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