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Riesa

Deshalb mögen Bauern die vielen Verordnungen nicht

In Peritz klagen Bauern den Landtagskandidaten ihre Sorgen. Die Runde macht deutlich: Es besteht viel Redebedarf.

Stellten sich den kritischen Fragen der gut 100 Landwirte: Frank Johne (AfD), Uta Knebel (Linke), Sven Borner (FDP), Sebastian Fischer (CDU) und Amrei Drechsler (SPD, v.l.n.r.)
Stellten sich den kritischen Fragen der gut 100 Landwirte: Frank Johne (AfD), Uta Knebel (Linke), Sven Borner (FDP), Sebastian Fischer (CDU) und Amrei Drechsler (SPD, v.l.n.r.) © Sebastian Schultz

Wülknitz. Ein Platz auf dem Podium bleibt leer. Eigentlich hatte auch Grünen-Fraktionschef Wolfram Günther für die Diskussion zugesagt, erklärt Heinz Schmitt. Doch gekommen ist am Ende offenbar niemand von der Partei.

Eine gewisse Enttäuschung kann der Agrarhändler sicherlich anmerken. Es ist sicherlich nicht untertrieben, dass die Partei unter den Landwirten nicht den besten Ruf genießt, da wären kritische Fragen aus dem Publikum programmiert gewesen.

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Emotional wird es später aber trotzdem in der Halle in Peritz, die Schmitts Firma sonst als Lager dient. Dabei beginnen die Politiker auf der Bierbank eher zurückhaltend. Die Landtagskandidaten Sebastian Fischer (CDU), Amrei Drechsler (SPD), Uta Knebel (Linke) und Sven Borner (FDP) gestehen schon zu Beginn: Mit Landwirtschaft haben sie in ihrem Alltag wenige bis keine Berührungspunkte. 

Einzig der AfD-Vertreter, der Großenhainer Stadtrat Frank Johne, arbeitet in der Branche. Den anderen bleibt eher die Rolle des Zuhörers. Ohnehin verspüren die Landwirte genügend Redebedarf. „Wir haben das Gefühl, wir werden nicht verstanden“, wird später einer der Landwirte über die Landes- und Bundespolitik sagen. Zuhören erscheint da als erster Schritt nicht verkehrt.

Da ist etwa der Herr, der sich als Chef eines kleineren Landwirtschaftsbetriebs vorstellt. „Ich habe zwei Angestellte, meine Frau ist noch im Büro tätig.“ Dann, vor drei Jahren, musste er noch jemanden einstellen, der sich um Düngeverordnungen und Agrarförderanträge kümmert. Die Bürokratie habe einfach überhandgenommen, sagt er. „Das ist für einen normalen Landwirt eigentlich nicht mehr zu schaffen. So macht das keinen Spaß mehr.“ Ob Dürrehilfen oder Fördermittel: Vieles werde einfach zu bürokratisch gehandhabt oder zu streng kontrolliert. Während im Nachbarland Polen das EU-Recht teils extrem lax ausgelegt werde, achte man hierzulande stets auf 120-prozentige Umsetzung, heißt es. 

Viele Landwirte hätten etwa nichts dagegen, eine Ecke auf ihrem Acker auch einmal brachliegen zu lassen und so etwas für den Umweltschutz zu tun, sagt Agrarberater Andreas Wilhelm. Aber zum einen stünden Aufwand und finanzieller Nutzen in keinem Verhältnis. Zum anderen gehe nach fünf Jahren der Ackerbaustatus verloren. Ein dauerhaftes Biotop könne man also nach geltender Rechtslage gar nicht schaffen. 

Während FDP-Kandidat Sven Borner daraufhin anregt, für jedes neue Gesetz müssten eigentlich zwei abgeschafft werden, verteidigt Sebastian Fischer den sächsischen Landwirtschaftsminister. Der sei „in Brüssel massiv unterwegs“, um bürokratische Hürden abzubauen.

Beim Thema Glyphosat muss sich vor allem SPD-Kandidatin Amrei Drechsler für ihre Partei und die Bundesumweltministerin rechtfertigen. Der Unkrautvernichter sei „wider jede Vernunft verboten worden“, so Andreas Wilhelm. Gerade die SPD betreibe Polemik, gestützt von den Medien. Drechsler erklärt, ob der Glyphosateinsatz tatsächlich unbedenklich sei, könne sie nicht einschätzen. Aber: „Wenn ich etwas verbiete, dann muss ich auch eine Lösung suchen, wie es stattdessen gehen soll. Das fehlt mir in der Debatte.“ Heißt: Wer Glyphosat verbietet, muss auch eine Alternative schaffen.

Andere Landwirte werden grundsätzlicher. „Es herrscht eine große Verunsicherung“, sagt etwa Gerhard Förster von der Agrargenossenschaft Kreinitz. Die Landwirte in der Region hätten die schlechtesten Bedingungen im Wettbewerb, gleichzeitig fühle man sich in vielen Fragen diskriminiert. Ob Insektensterben, Klimawandel oder Verdichtung der Böden: alles werde der Branche in die Schuhe geschoben. 

Ein anderer kritisiert, in Dresden und Berlin werde nur noch auf Theoretiker gehört, statt auf Praktiker. Das mache den Landwirten das Leben noch schwerer. „Gucken Sie mal in die Runde“, riet er den Politikern, „Welche Perspektive geben Sie eigentlich jungen Leuten, noch so dämlich zu sein und sich das anzutun?“ Linke-Kandidatin Uta Knebel pflichtet ihm in dem Punkt bei, dass die Sorgen und Nöte auf dem Land vielen Land- und Bundestagsabgeordneten fremd seien. „Aber schauen Sie sich an, wer in den vergangenen Jahren die Mehrheiten dort hatte.“ Veränderung müsse man auch wählen, wenn man sie wolle.

Von der AfD kommen während der Debatte vergleichsweise wenig schrille Töne. Frank Johne erklärt, seine Partei wolle es den Landwirten ermöglichen, steuerfreie Rücklagen für schlechte Erntejahre zu bilden. Außerdem müsse man die Monopolstellung bestimmter Unternehmen, etwa der großen Molkereien beenden – indem Alternativen unterstützt werden. Das sorgt nicht nur für Zustimmung. „Das Problem ist der monopolistische Einzelhandel“, sagt der Kreinitzer Gerhard Förster ein, „nicht die Molkereien“.

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