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„Politische“ für Bananen

Ein neues Buch widmet sich dem Freikauf von DDR-Häftlingen durch die Bundesrepublik. Lutz Rathenow stellte es in Görlitz vor.

© ZB

Von Ines Eifler

Ein bisschen unzufrieden ist Lutz Rathenow, der sächsische Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, dass zu seiner Lesung nur knapp 20 Leute erschienen sind. Aber vielleicht hat das Thema des Buches „Via Knast in den Westen“, das er und seine Kollegin Nancy Aris im Barockhaus Neißstraße 30 vorstellten, ja tatsächlich zu wenig mit den Görlitzern zu tun. Zumindest sagte jemand, bis Mitte der 80-er Jahre habe man hier, am „Ende der Welt“, kaum etwas gewusst über den Freikauf politischer Häftlinge durch die Bundesrepublik. Und unter den Zuhörern war keiner, der offen über eigene Erfahrungen im Stasiknast berichtete oder davon, dass er mit Westgeld freigekauft worden wäre.

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Via Knast in den Westen. Herausgegeben von Nancy Aris und Clemens Heitmann. Leipzig 2013. ISBN 978-3-374-03010-1, 9,90 Euro.
Via Knast in den Westen. Herausgegeben von Nancy Aris und Clemens Heitmann. Leipzig 2013. ISBN 978-3-374-03010-1, 9,90 Euro.

Denn darum geht es in dem Buch: um Menschen, die wegen politischer Unzuverlässigkeit in der DDR verhaftet wurden und oft mehrere Jahre lang dafür einsaßen. Manche wurden danach wieder in ihr altes Leben entlassen, aber die Stasi ließ ihnen keine Ruhe mehr. Etwa indem sie beschämende Gerüchte über den Grund der Haft streute oder sie erpresste und als Stasispitzel anwarb. 33 000 politische Häftlinge aber kaufte die Bundesrepublik zwischen 1963 und 1989 aus DDR-Gefängnissen frei. 96 000 D-Mark kassierte die DDR-Regierung für jeden Einzelnen, den sie auf diese Weise in den Westen entließ oder auch gegen seinen Willen abschob. Der Stasiknast, von dem aus die Häftlinge ihre Reise in den Westen antraten, war in den meisten Fällen die MfS-Untersuchungshaftanstalt am Chemnitzer Kaßberg. Sie galt auch als „Päppelanstalt“, weil dort die Gefangenen mehr zu Essen bekamen als anderswo, damit sie im Westen nicht allzu verhärmt ankamen. Einige der aus heutiger Sicht unvorstellbaren Häftlingsschicksale werden in „Via Knast in den Westen“ erzählt.

Da ist zu lesen von einer 17-Jährigen, die mit Autolack „Wir wollen die Wiedervereinigung“ an Mauern schrieb. Sie hatte es nicht akzeptieren wollen, dass ihre Familie durch eine Landesgrenze dauerhaft getrennt war, und musste dafür fünf Jahre lang ins Gefängnis, unter anderem auch in den Frauenknast in Hoheneck. Als 22-Jährige wurde sie am Kaßberg in einen Bus gesetzt und fand sich im Westen wieder, ohne Papiere, ohne Staatsbürgerschaft, aber am Beginn eines neuen Lebens. Oder der 15-jährige Junge, der 50 Flugblätter „Russen raus aus Deutschland“ druckte, mit Luftballons verschicken wollte und dafür wegen „Staatsfeindlicher Hetze“ abgeführt wurde, Maschinenpistolen im Rücken. Ein anderer junger Mann interessierte sich für Literatur von Hesse, Benn, Kafka, Saint Exupery und Ingeborg Bachmann und wurde verhaftet, nachdem er Neujahrskarten verschickt hatte mit dem Aphorismus: „Herrscht der Haifisch im Meer, gibt es einen sicheren Test: Staatsverbrecher ist der, der sich nicht fressen lässt.“ Und es ist von Menschen die Rede, die aus der DDR zu fliehen versuchten, dafür hart bestraft wurden und erst danach in den Westen durften.

Freikäufe veränderten die Diktatur

Aber nicht nur Zeitzeugenberichte enthält das in der Schriftenreihe der Stasibehörde erschienene Buch. Besonders werden auch die Zusammenhänge zwischen Inhaftierung „Politischer“ und Devisenbeschaffung genau beschrieben. Die Haltung von Stasichef Erich Mielke etwa, der „ökonomisch für unsere Republik“ dachte und sagte: „Wir lassen die Häftlinge ihre Strafe absitzen, wenn es notwendig ist. Aber wir sind natürlich keine Dummköpfe und lassen unsere Gefängnisse voll mit irgendwelchen Schmarotzern, die wir sowieso nicht brauchen. Warum sollen wir den nicht wegjagen?“ Für die über 33 000 Häftlinge und die 215 000 nachfolgenden „Familienzusammenführungen“ erhielt die DDR-Regierung von der Bundesrepublik insgesamt 3,4 Milliarden D-Mark. Rathenow sagt zwar nicht ausdrücklich, dass der Gefangenenfreikauf auch etwas Gutes gewesen sei. Doch er habe die Diktatur wenn auch nicht aufgelöst, so doch verändert. „Man nahm in den Stasigefängnissen mehr Rücksicht auf Menschen, um sie verkaufen zu können“, sagt er, „damit andere Bananen essen konnten.“