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Auf Corona-Streife in einer leeren Stadt

Nicht alle halten die Ausgangsbeschränkungen ein. Die Dresdner Polizei geht vielen Hinweisen nach – und doch ist es so ruhig wie nie.

Stephanie und Marco von der Polizeidirektion Dresden-Mitte bilden in Corona-Zeiten ein festes Team. Hier sind sie gerade am Dresdner Terrassenufer unterwegs.
Stephanie und Marco von der Polizeidirektion Dresden-Mitte bilden in Corona-Zeiten ein festes Team. Hier sind sie gerade am Dresdner Terrassenufer unterwegs. © Ronald Bonß

Die Polizistin Stephanie freut sich über das Bild vor ihren Augen. Die Privatperson Stephanie findet die Szene seltsam. „Wie in einem Endzeit-Film“, sagt die 32-Jährige, deren goldblonde Locken sich unter der blauen Schirmmütze kaum bewegen. Das Wetter scheint zu schlafen, wie ganz Dresden. Es ist weder besonders sonnig noch windig oder regnerisch, die Wolken haben sich zu einer unentschiedenen Masse vermengt. Selten hat die Stadt einen so sonderbaren Samstag erlebt wie zu Zeiten, da im Kampf gegen das Coronavirus neue Gesetze gelten. Keine Gruppen mit mehr als fünf Personen desselben Haushalts, keine Reisen oder auch nur Ausflüge fernab der Heimatstadt sind erlaubt.

Vor der Polizistin eröffnet sich eins der Dresdner Postkartenmotive. Sie und Kollege Marco halten während ihrer Wochenendstreife durch die Stadt einen Moment inne. Die Rampe, die vom Schlossplatz zum Terrassenufer führt, ist ein guter Ort für einen Überblick. „Man sieht, dass die Bürger es jetzt verstanden haben“, sagt der 40-jährige Polizist Marco angesichts der Leere. Wenige ameisenkleine Punkte bewegen sich auf der gegenüberliegenden Elbseite, am Altstadtufer ruhen verlassene Dampfer, ein Fahrradfahrer mit Vollverschleierung im Gesicht rast vorbei. Was früher als verdächtig galt, gilt heute als besonders vorsichtig.

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Unterwegs auf dem Elberadweg:
Unterwegs auf dem Elberadweg: © Ronald Bonß

Stephanie und Marco sind zurzeit ein festes Team, ihre Nachnamen stehen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung. Vor Corona wechselten Streifenpolizisten regelmäßig durch, jetzt bleiben die Partner beieinander. Wenn der erste Fall auftaucht, müssen nicht gleich alle, sondern nur der Partner mit in Quarantäne.

Die beiden Polizisten vom Revier in Dresden-Mitte gehören einem Corona-Team aus 129 Menschen an, darunter auch Polizei auf Booten und Pferden. Das kümmert sich losgelöst vom normalen Polizeigeschehen am Wochenende um Fälle, die im Zusammenhang mit Corona stehen. Verstöße gegen die Allgemeinverfügung, vor allem Gruppenbildungen.

Rico Sommerschuh leitet den Einsatz aus der Zentrale in Dresden-Mitte. Seine Augen folgen Punkten, die sich auf einer meterbreiten Bildschirmwand entlang der Elbe durch Dresden und die Sächsische Schweiz bewegen. „Momentan ist es eine völlig entspannte, ruhige Lage“, sagt er. Es ist 13 Uhr, fünf Männer in blauen Hemden haben sich mit mehreren Plätzen Abstand vor Bildschirme gesetzt. An anderen Samstagen sitzen hier 30 Leute oder mehr, auch von Rettungsdiensten oder Zoll. Große Lagen koordiniert die Polizei aus diesem Raum. Am Wochenende nach dem 13. Februar flimmern Videoaufnahmen von Demonstrationen aus der ganzen Stadt live über die Bildschirmwand, und der Einsatzleiter identifiziert, wo es Störungen gibt.

Gerade durchlebt die Polizei ruhigere Zeiten. Normalerweise verzeichnet die Dresdner Direktion im Durchschnitt 400 Sachverhalte pro Tag. Einbrüche, Drogendeals, Gewaltverbrechen. Jetzt ist die Fallzahl auf durchschnittlich 300 gesunken. Meldungen über diese Fälle gehen weiterhin beim „Herz der Polizei“ ein, wie Sprecher Marko Laske sagt. Es funktioniert gesondert, darf gerade aber keinen Besuch erhalten. Aus Infektionsschutz-Gründen.

Aus diesem Raum koordiniert Einsatzleiter Rico Sommerschuh die Kräfte, die auf Kontrollfahrten in und um Dresden unterwegs sind.
Aus diesem Raum koordiniert Einsatzleiter Rico Sommerschuh die Kräfte, die auf Kontrollfahrten in und um Dresden unterwegs sind. © Ronald Bonß

Meldungen über mutmaßliche Corona-Verstöße sammelt die Polizei gesondert, in Dresden sind es 50 bis 60 pro Tag. Vom Nachbarn, der Kinder auf dem Spielplatz oder Licht im Gemüseladen sieht, vom Passanten, der viele Stimmen und Musik aus einer Wohnung hört. Als Denunziantentum will Polizeisprecher Laske das nicht verstanden wissen, man müsse die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger vor einer Infektion ernst nehmen.

Dass die Polizei jetzt ahndet, was einst selbstverständlich war, nehmen die Menschen nach Laskes Worten „grundlegend positiv“ auf. Einzelne würden diskutieren und sich widersetzen. Wie ein Mann, der einen Polizeibeamten angehustet hat, behauptete, dass er Corona habe. „Das ist aber die Ausnahme.“ Auch Wut und Hohn auf Social Media Plattformen hält Laske aus. „Der große Protest gegen die Durchsetzung der Allgemeinverfügung der Polizei ist eine virtuelle Realität. Auf der Straße bekommen wir davon so gut wie nichts mit.“

Den Vormittag hat das Polizei-Duo aus Stephanie und Marco im Streifenwagen verbracht, Corona-Fälle gab es da für sie nicht. Einen Unfall, einen verlassenen Rucksack auf einem Spielplatz, einen Einbruch. Nach der Mittagspause streifen die beiden zu Fuß durch Dresden. „Hätten wir normalerweise niemals die Zeit für“, sagt Marco.

Ihr Weg führt vom Polizeirevier im Stadtzentrum durch die Wilsdruffer Straße. Durch das offene Fenster einer Pizzeria hallen italienische Schlager. Die Polizisten neigen ihre Köpfe gen Gesang, sehen nur einen einzelnen Mann – kein Verstoß. Als nach dem 19. März die Verfügungen für Bars und Restaurants nach und nach in Kraft getreten sind, gab es noch einige Verstöße. Kneipiers, die trotz Verbots öffneten. Versammlungen mit mehr als fünf Menschen in Parks, in Hinterhöfen. Vergehen, die teuer enden können, im Höchstfall mit Gefängnisstrafen. Bislang meist eher mit Platzverweisen oder 150 Euro Strafe.

Der Altmarkt wirkt mit seinen höchstens zehn Personen wie ein Computer-Nachbild, vom Eingang der Prager Straße lässt sich bis zum Bahnhof blicken. Die Horizonte der Stadt, die Perspektiven, sie liegen weiter in der Ferne, seit die Menschen ihre Straßen nicht mehr füllen.

Andere Teams der Corona-Mannschaft kontrollieren an diesem Samstag parallel die beliebten Ausflugsorte. Tharandter Wald, Dippoldiswalder Heide, Moritzburg und Radebeul, die Elbwiesen, den Alaunpark oder den Großen Garten in Dresden.

Eine Kilometerbegrenzung für den Ausgang an die frische Luft gibt es nicht. Die Fehlinformation kursierte, nachdem Polizisten der Leipziger Direktion Menschen vom Cospudener See verscheuchten, die mehr als fünf Kilometer weit entfernt wohnen. Eine eigenwillige Interpretation der Allgemeinverfügung, dort ist die Rede von Wohnortnähe, einem unbestimmten Rechtsbegriff. „Wenn jemand zum Beispiel an der Grenze zum Kreis Bautzen wohnt und dort unterwegs ist, hat er nicht sein Wohnumfeld verlassen, auch wenn es ein anderer Landkreis ist“, sagt Dresdens Polizeisprecher Laske. „Das müssen die Kollegen nach Augenmaß entscheiden.“

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Einige misstrauen dem Augenmaß der Polizei, viele verunsichert es schlicht. Ein Hut- und Zigarilloträger spricht das Polizeiduo in der Prager Straße an. „Ich besuche eigentlich immer meine Lebensgefährtin in der Neustadt“, sagt der Mann mit schwarzem Espresso und noch schwärzerer Brille. Ob er sie denn nun noch sehen dürfe? „Wenn Sie zusammen sind und Sie gehen alleine da hin, können Sie das schon machen“, sagt Polizist Marco. „Jaja, seit zehn Jahren sind wir schon zusammen.“ Nur wohnen würde man eben nicht gemeinsam. Künstlerin sei sie. Der Mann bedankt sich, die Asche seines Zigarillos biegt sich schon.

Normalerweise hätten die beiden Polizisten nie Zeit für Streifen zu Fuß. Jetzt besteht ihre Aufgabe oft eher darin, Fragen zu beantworten als Kriminelle zu jagen.
Normalerweise hätten die beiden Polizisten nie Zeit für Streifen zu Fuß. Jetzt besteht ihre Aufgabe oft eher darin, Fragen zu beantworten als Kriminelle zu jagen. © Ronald Bonß

Die Zigaretten und die Fragen, sie markieren an diesem Nachmittag den Rollenwechsel der Polizei. Ein Mann, der nicht viel älter als 30 und nicht viel nüchterner als in der Vornacht sein kann, tappt überraschend zielstrebig auf die beiden Polizisten zu. Seine eine Hand umklammert eine Plastiktüte mit Mohnbrötchen, die andere eine Zigarette. Ob die Polizei ihm die mal halten könne, fragt er. „Sie sind doch alt genug, sich die Zigarette selbst anzuzünden“, sagt Polizistin Stephanie. Warum wohl gerade sie die Zigarette anzünden sollen? „In Uniform fällt man halt auf.“

Dabei sind die Beamten im Corona-Einsatz absichtlich nur in blauer Alltags- und  nicht in Schutzuniform mit Sturmmasken unterwegs, sagt Polizeisprecher Laske. Ein Symbol der Bürgernähe soll es sein.

Dass die Centrum-Galerie überhaupt noch geöffnet ist, verrät erst der Blick aus der Nähe. Ein Schlund führt ins Innere, Licht scheint daraus kaum. Noch wärmer als sonst wirkt das orangefarbene Licht des Bäckers um die Ecke, wenn es als Einziges auf grauen Stein nach außen dringt. Selbst die Tauben scheinen die Regeln verinnerlicht zu haben. In Zweiergruppen ruckeln ihre Köpfe zwischen den Halmen einer Grasrabatte vor und zurück. Ein leerer Spielplatz zieht vorbei, auf einer Parkbank versuchen zwei Männer, ihre belegten Brote zu bezwingen. Zu viel Belag für zu wenig Mundvolumen. Die Polizei zieht vorbei.

Andernorts haben Beamte Menschen teilweise untersagt, in der Öffentlichkeit zu verweilen, statt sich zu bewegen. „Der große Einschnitt in die Freiheit ist für alle schwer“, sagt dazu Polizistin Stephanie. „Es sind eben Einzelfallentscheidungen.“ In den Schaufenstern des Taschenbergpalais warten Ballerinas aus Porzellan und glitzernde Ketten darauf, dass Menschen sich wieder für sie interessieren. Auf dem Schlossplatz ist es leise genug, um ein getrocknetes Blatt zu hören, das über den Steinboden schabt.

Dann die Rampe, der Blick auf die Elbe, die Leere. „Ich denk mal, das ist so ein Lernprozess. Letztes Wochenende gab es mehrere große Kontrollen, wo das rigoros durchgesetzt wurde“, sagt Polizist Marco. Das Team kontrolliert die Lage noch zur Albertbrücke, dann brechen sie den Rundgang ab. „Es gibt hier einfach keine Verstöße.“ Durch ein kringeliges Kabel hört Polizistin Stephanie in ihrem Ohr von einem Unfall. „Ein bisschen Alltagsgeschehen ist eben schon noch da.“

An der hölzernen Eingangspforte des Polizeireviers zieht Polizist Marco eine silberne Kette aus der Hose, per Chip öffnet er die Tür. Die beiden lassen sich vor Bildschirmen und Kaffeekannen in einem Viererbüro in Stühle sinken, ein Kollege beobachtet die eingehenden Meldungen. „Der Hammer, wie leer das draußen ist“, berichten die beiden.

Um die Mittagszeit, sagt der Kollege, habe es ein paar Meldungen gegeben. Über Eltern, die ihre Kinder im Hinterhof spielen lassen. Über einen Laden, der Blumen verkauft hat. Nicht immer sind es wirklich Verstöße, nicht immer geht die Polizei ihnen nach.

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Das Duo aus Marco und Stephanie macht um 16 Uhr Feierabend. Bis zum Abend meldet die Polizeidirektion Dresden vier Anzeigen gegen neun Personen wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz. In der Nacht, meinen die Polizisten, wäre erfahrungsgemäß wohl noch ein wenig mehr los. Alkohol und Freizeit sind bekanntlich das Rezept für überschwängliches Verhalten. Von beidem gibt es zu Corona-Zeiten eher mehr als weniger.

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