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"Es gibt keine Gefahr in Zauckerode"

Freitals Revierleiter Rico Sommerschuh stellt klar, was an den Gerüchten über Männer, die Kinder ansprechen, wirklich dran ist.

Rico Sommerschuh leitet das Polizeirevier Freital. Er gibt Entwarnung für Zauckerode.
Rico Sommerschuh leitet das Polizeirevier Freital. Er gibt Entwarnung für Zauckerode. © Andreas Weihs

Große Aufregung herrschte zwei Wochen lang im Freitaler Stadtteil Zauckerode. Nachdem Eltern bei Facebook gepostet hatten, ihre Kinder seien von Unbekannten angesprochen worden, gab es in Klassenchats und im Internet kaum noch ein anderes Thema. An Zauckeroder Haustüren tauchten von Privatpersonen angefertigte Rundschreiben auf, teils mit Personenbeschreibungen. Die Polizei war verstärkt in dem Wohngebiet im Einsatz und ermittelte. Anfang der Woche gab es zumindest in einem Fall Entwarnung. Doch die Zauckeroder bleiben skeptisch - wie weiteren Facebook-Diskussionen zu entnehmen ist. Freitals Revierleiter Rico Sommerschuh schildert nun, was die Polizei ermittelt hat.

Herr Sommerschuh, ist Zauckerode für Kinder sicher?

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Bezogen auf die angeblichen Vorfälle und nach allem, was wir derzeit wissen, kann ich sagen: Ja, Zauckerode ist sicher. Es gibt dort kein Gefährdungspotenzial. Es hatten sich Gerüchte verselbstständigt und hochgeschaukelt, die sich überhaupt nicht mit Fakten belegen lassen. 

Es ging am 9. Juni los, als eine Mutter bei Facebook postete, ihr Sohn sei mittags am Pulverturmweg von einem Mann in gebrochenem Deutsch angesprochen worden. Er wolle dem Jungen etwas zeigen, wenn er mitkomme. Was wissen Sie darüber?

Wir haben ausführlich mit dem Kind gesprochen, es konnte sich nicht an den genauen Wortlaut erinnern. Das heißt nicht, dass wir die Begebenheit ausschließen. Es kann durchaus so passiert sein, aber wir wissen nichts über die Hintergründe. Vielleicht handelt es sich auch einfach nur um ein Missverständnis? Man muss dazu sagen: Es ist nicht verboten, Kinder anzusprechen. Zum Beispiel, um sie zu grüßen oder sich nach dem Weg zu erkundigen. Das kommt vor und ist völlig harmlos. Es ist jedoch für uns alle nur schwer zu erkennen, wo die Gefahr beginnt. Insofern kann ich nachvollziehen, dass die Eltern beunruhigt sind. Fakt ist: Die Personenbeschreibung von diesem ersten Fall taucht in keiner der weiteren Begebenheiten noch mal auf. Fakt ist auch, dass wir den Mann bisher nicht ermitteln konnten. 

Fall Nummer zwei ereignete sich am selben Tag abends. Kinder riefen ihre Mutter an, weil sie am Pulverturmweg von zwei Männern angesprochen worden seien. Die Frau fuhr mit dem Auto hin und informierte die Polizei.

An dem Abend waren Beamte schnell vor Ort, fanden aber die Männer zunächst nicht. Wir haben dann weiter ermittelt und zumindest einen Mann ein paar Tage darauf nach einem Zeugenhinweis  ausfindig machen können. Der Mann wohnt ganz in der Nähe. Wir haben mit ihm gesprochen und können sagen, dass keinerlei Gefahr besteht. Er war in der Nähe der Kinder und hat diese mit „Hey“ angesprochen. Die Kinder, die bereits am Nachmittag von den Gerüchten gehört hatten, waren davon offensichtlich hoch sensibilisiert, wenn nicht gar verängstigt. Was den angeblich zweiten Mann anbelangt, ist bis heute unklar, um wen es sich handelt und warum er den Kindern und der Mutter verdächtig vorkam.

Fall Nummer drei: Auf dem Nachhauseweg vom Zauckeroder Bad fühlten sich zwei Grundschülerinnen von zwei Männern verfolgt. Sie waren mit dem Roller unterwegs und konnten die Männer abhängen. Was wissen Sie darüber?

Nach den Aussagen der Kinder haben die Männer "Hallo" gesagt, mehr nicht. Wir haben die beiden Personen nicht ausfindig machen können, wissen also nichts Genaueres über sie und ihre Motive. Unsere kriminalpolizeiliche Erfahrung sagt uns, da ist nichts dran. Die Männer haben wohl einfach nur "Hallo" gesagt.

Die Eltern sehen das anders. Sie warnen mithilfe von Flugblättern vor Typen, die Kinder ansprechen.

Ich kann die Intention der Eltern nachvollziehen, es ist menschlich, seine Kinder zu schützen. Allerdings ist die Herangehensweise in diesen Fällen falsch. Über Facebook eine solche Gerüchtewelle auszulösen, kann nicht der richtige Weg sein. Das Ganze hat auch aufgrund der Personenbeschreibungen im Netz und auf den Flugblättern eine Eigendynamik entwickelt, die es uns als Polizei auch schwer macht, zu ermitteln. Zumindest kann es Ermittlungen stark beeinflussen oder gar stören. Das muss man ganz klar so sagen. Denn es geht hier um Kinder. Je mehr sie an Erzählungen und Gerüchten hören, desto schwieriger ist es für sie, zu differenzieren. Mit anderen Worten: Ihnen fällt es schwer, im Nachhinein noch Realität von Fantasie und zufällig Aufgeschnapptem zu unterscheiden.

Was wäre denn der bessere Weg gewesen? 

Unabdingbar ist es, sofort zur Polizei zu kommen, damit unsere erfahrenen Kollegen mit den Kinder reden können. Diese Hinweise sind sehr wichtig für uns. Je schneller wir konkrete Anzeigen und Aussagen auf dem Tisch haben, desto schneller können wir reagieren. Und dann ist es gut, wenn Eltern mit ihren Kindern reden. Ihnen zu erklären, dass es Menschen gibt, die eine Gefahr darstellen und was sie tun können, um sich dieser Gefahr zu entziehen.

Fall Nummer vier klang sehr gefährlich: Ein Junge wurde morgens auf dem Weg zur Schule von einem Mann aus einem Auto heraus angesprochen. Seiner Mutter gehe es schlecht, er möge doch bitte einsteigen, der Mann werde ihn zur Mutter bringen. Der Junge sei dann schnell weggegangen, schilderte die Mutter bei Facebook.

Dieser Fall tauchte im Internet auf, noch bevor wir dazu eine Aussage auf dem Tisch hatten. Wir konnten dann erst am nächsten Tag mit dem Jungen reden. Danach war klar: Den Vorfall hat es nie gegeben.

Hat der Junge sich eine Lügengeschichte ausgedacht?

Ich kann zu den Hintergründen nichts weiter sagen. Es geht hier auch um schutzwürdige Interessen des Kindes, wie man das juristisch nennt. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis: Es gab diesen Vorfall nicht.   

Dieser Fall ist also klar, in den anderen Fällen bleiben manchen Müttern und Vätern Zweifel. Noch immer fragen sich viele Eltern in Zauckerode, ob da nicht doch etwas war und falls ja, was?

Meine Leute waren tagelang in Zauckerode unterwegs, in Uniform, in Zivil, im Auto, zu Fuß, mit dem Rad. Ich habe sogar die berittene Staffel nach Zauckerode geschickt. Wir haben das Gebiet im Blick, auch jetzt noch. Wir bleiben da dran und wollen die noch offenen Fragen möglichst klären.  Wie schon gesagt, wir können nicht ausschließen, dass zum Beispiel der Junge am Pulverturmweg tatsächlich in böser Absicht angesprochen wurde. Aber wir können auch nicht wochenlang Gerüchten hinterherlaufen, die bei Facebook gestreut werden. Es ist gut, aufmerksam zu sein. Es ist gut, die Kinder zu sensibilisieren. Da sind auch die Schulen dran, das weiß ich. Aber Gerüchte aus einem Halbwissen heraus zu verbreiten, kann auch schnell zur üblen Nachrede oder falschen Verdächtigungen führen. Und da wären wir dann auch im strafrechtlich relevanten Bereich.

Einige Männer berieten bei Facebook, gemeinsam spazieren zu gehen und nach dem Rechten zu schauen. Was meinen Sie dazu?

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Mehrmals sollen Männer versucht haben, Grundschüler anzulocken. Ermittlungen laufen. Hängen die Vorfälle miteinander zusammen?

Von solchen Bürgerwehren möchte ich dringend abraten. Die Gefahr, in solchen Situationen selbst tätig zu werden und dabei eine Straftat zu begehen, ist sehr groß. Ich bitte alle, die Ermittlungsarbeit der Polizei zu überlassen. Wer etwas beobachtet, kann jederzeit zu uns kommen. Wir sind rund um die Uhr im Dienst und werden jedem Hinweis nachgehen.  

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