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Pirna

Polizei macht gegen Fahrraddiebe mobil

Im Revierbereich der Pirnaer Polizei werden deutlich mehr Räder gestohlen. Obwohl der Trend sachsenweit zurückgeht.

Halt, Polizei! Bei einer Kontrolle am Elberadweg in Königstein stoppten die Beamten etliche Radfahrer.
Halt, Polizei! Bei einer Kontrolle am Elberadweg in Königstein stoppten die Beamten etliche Radfahrer. © Norbert Millauer

Wer sein Fahrrad liebt, der … nimmt es am besten mit in die Wohnung. Zumindest, wenn man als Radfahrer in der Sächsischen Schweiz unterwegs ist. Denn ein Blick in die Statistik zeigt: Im Revierbereich der Pirnaer Polizei ist die Zahl der Fahrraddiebstähle im vergangenen Jahr sprunghaft angestiegen – um genau 74 Prozent im Vergleich zu 2017. „Die Zahlen sind richtig durch die Decke gegangen“, formuliert es Candy Sommer, Leiter des Pirnaer Polizeireviers. In diesem Jahr setzte sich diese Entwicklung fort. Im ersten Halbjahr gab es einen Zuwachs von 34 Prozent an Fahrraddiebstählen im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018. Die Region um Pirna bewegt sich damit komplett gegen den Trend. Denn sachsenweit sind die Zahlen leicht rückläufig. Auch beim Diebstahl allgemein, wie Sommer erklärt.

Warum gerade das Pirnaer Revier bei Fahrraddieben so beliebt zu sein scheint, diese Frage will die Polizei nun klären. Sie hat deshalb eine neue Ermittlungsgruppe gegründet. Diese agierte bislang im Geheimen. Am Donnerstag trauten sich die Polizisten aus der Deckung. Mit mehreren Großkontrollen in Pirna und Heidenau wurde gegen Fahrraddiebe mobil gemacht. An die 45 Einsatzkräfte wurden dafür zusammengezogen. Der Hauptteil war jedoch in Königstein abgestellt. In Höhe des Edeka-Marktes am Ortseingang der Festungsstadt kontrollierten die Beamten am Donnerstagnachmittag jedes einzelne Fahrzeug. Vor allem Kleintransporter wurden aus dem fließenden Verkehr gefischt.

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Der Standort wurde nicht ohne Grund ausgewählt. „Wir vermuten, dass viele gestohlene Fahrräder über die Grenze nach Tschechien gebracht werden“, sagt Candy Sommer. Das hätten etliche Kontrollen entlang der A 17 gezeigt. Anfang des Jahres stoppten Bundespolizisten einen Transporter, der in Richtung Prag unterwegs war. Mit an Bord befanden sich elf gestohlene Fahrräder. Der Großteil der Räder wurde in Dresden entwendet.

Die eingestanzte Nummer im Rahmen zeigt den Polizisten, ob das Rad womöglich als gestohlen gemeldet ist.
Die eingestanzte Nummer im Rahmen zeigt den Polizisten, ob das Rad womöglich als gestohlen gemeldet ist. © Norbert Millauer

Laut Revierleiter Sommer haben es die Täter dabei immer mehr auf hochwertige Fahrräder abgesehen. Allein im ersten Halbjahr 2019 hätten die Diebe Fahrräder im Wert von rund 120 000 Euro entwendet. „Darunter sind nicht selten teure E-Bikes, die 3 500 Euro oder mehr kosten“, rechnet Candy Sommer vor. Im Durchschnitt hätte jedes gestohlene Rad einen Wert von 1 000 Euro gehabt. An der Zahl sieht man, dass die Kriminellen nicht an alten Drahteseln interessiert sind. Sommer liest aus der Statistik noch mehr ab. Nämlich, dass die Täter oft gezielt nach Markenrädern suchen und sich gut auf jeden Coup vorbereiten. Das sei vergleichbar mit organisierter Kriminalität, wie es bei Autodieben oft der Fall ist. Diese würden von ihren Auftraggebern eine Liste mit konkreten Wagen bekommen, die es zu beschaffen gilt. Ein Prinzip, das inzwischen auch beim Fahrraddiebstahl greife.

Genauso wie beim Autodiebstahl stellen gestohlene Räder die Polizei vor eine Herausforderung. „Wir stellen oft einen ,leeren‘ Tatort fest“, erklärt Candy Sommer. Das heißt, es sind keine verwertbaren Spuren zu finden. Die Täter zu ermitteln sei deshalb schwer. Das zeigt auch die Aufklärungsquote. Bundesweit liegt sie bei rund zehn Prozent. Pirna steht mit zwölf bis 14 Prozent etwas besser da.

Die neue Ermittlungsgruppe will aber nicht nur verstärkt Transporter und Lkws nach geklauten Rädern kontrollieren. Die Polizei will auch bereits bekannte Fahrraddiebe „genauer angucken“, wie es der Pirnaer Revierleiter formuliert. Denn seine Erfahrung zeigt: Viele Kriminelle fallen immer wieder in alte Muster zurück.

Sommer sieht den Grund für den Zuwachs an gestohlenen Rädern aber nicht nur bei den Tätern. Die Besitzer selbst würden in erster Linie in der Verantwortung stehen. Vor allem im Hinblick darauf, wie sie ihr Rad gegen Diebstahl schützen. Nicht jedes Schloss würde Diebe abhalten. „Es sollte deshalb entsprechend gut sein“, sagt Sommer. Beim Kauf gebe es eine gewisse Faustformel. Rund zehn Prozent des Kaufpreises eines Fahrrads sollten in ein gutes Fahrradschloss investiert werden. Bei einem 1 000 Euro teuren Rad sollte also ein Schloss im Wert von mindestens 100 Euro genutzt werden. „Schlösser unter 40 Euro taugen in der Regel gar nichts“, sagt Sommer. Vor allem dünne Spiralschlösser können in Sekundenschnelle mit einem handlichen Bolzenschneider geknackt werden. Tests hätten ergeben, dass Bügelschlösser oder massive Kettenschlösser schwerer zu öffnen seien und Diebe abschrecken.

Auch Autofahrer, die Fahrräder im Anhänger dabei hatten, wurden aus dem fließenden Verkehr am Festungsberg gezogen.
Auch Autofahrer, die Fahrräder im Anhänger dabei hatten, wurden aus dem fließenden Verkehr am Festungsberg gezogen. © Norbert Millauer

„Ein Fahrrad sollte generell immer angeschlossen werden, wenn man es abstellt“, sagt Candy Sommer. Auch, wenn man nur kurz zum Bäcker will. Denn: Gelegenheit macht Diebe. Dass es Radfahrer mit dem Anschließen nicht immer so genau nehmen, hat eine Kontrolle in Heidenau ergeben. Einsatzkräfte schauten sich dort beliebte Fahrradstellplätze an, am Bahnhof oder an Schulen. Mit erschreckendem Ergebnis: Bis zu 20 Prozent der Räder hatten gar kein Schloss. „Das ist leichtsinnig“, äußert der Polizeirat. Kriminelle würden nur auf solch eine Gelegenheit warten, vor allem im Bereich der Beschaffungskriminalität, wenn gestohlene Räder im Internet angeboten werden. Wird das Rad tatsächlich geklaut, hat die Polizei oft Schwierigkeiten, es genau zu bestimmen. Denn oft können die Betroffenen keinen Fahrradpass vorlegen, auf dem das genaue Modell, die Serien- und Rahmennummer festgeschrieben sind: „Solche Pässe werden vom Händler angeboten, sie müssen nur vom Käufer ausgefüllt werden“, erklärt Sommer. Das würden viele vergessen.

Bei der Großkontrolle am Donnerstag, an der auch die sächsische Bereitschaftspolizei und Kräfte der Bundespolizeiinspektion Berggießhübel beteiligt waren, wurden insgesamt 175 Personen und 114 Fahrräder kontrolliert. Darunter war ein Rad, das als gestohlen gemeldet war. Noch bis 12. August will die Polizei mit zusätzlichen Kontrollen gegen Fahrraddiebe mobil machen. Diese sollen vor allem in Pirna und Heidenau stattfinden. Aber auch an Campingplätzen oder Radparkplätzen werden die Ermittler im Einsatz sein. Ebenso entlang der A 17, in den S-Bahnen und entlang des Elberadwegs. „Wir wollen in diesem Bereich einfach mehr Präsenz zeigen“, kündigt Sommer an.

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