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Als Migrant in deutscher Uniform

Ausländische Wurzeln, aber dienen fürs neue Heimatland. Gibt's das? Und wie oft? Ein Oberlausitzer mit polnischen Wurzeln erzählt.

Bei Polizei und Bundespolizei sind Kollegen mit Migrationshintergrund eine Bereicherung. Vor allem wegen ihrer Sprachkenntnisse und des kulturellen Hintergrundes.
Bei Polizei und Bundespolizei sind Kollegen mit Migrationshintergrund eine Bereicherung. Vor allem wegen ihrer Sprachkenntnisse und des kulturellen Hintergrundes. © FIMST BPOL

Auf den Straßen in Görlitz, Niesky und Weißwasser ist ausländisches Stimmengewirr längst normal. Manche Migranten sind schon Jahrzehnte in Deutschland und fest integriert, andere sind Flüchtlinge, die erst vor wenigen Jahren hierher gefunden haben. Das Statistische Bundesamt hat 21 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln registriert - immerhin 26 Prozent der Gesamtbevölkerung. Einer davon ist Adam K.

Seinen richtigen Namen will der 51-Jährige nicht in der Zeitung lesen. Zu selten sei der. Und in einer Region wie der Oberlausitz zu leicht zu identifizieren. Adam K. ist eigentlich nicht der typische Migrant, denn er stammt aus Polen. Der drahtige Mann wurde in Oberschlesien geboren. Dass er jetzt diesseits der Neiße wohnt, ist mehr oder weniger einem Zufall geschuldet. Oder einem spontanen Entschluss. Dass er inzwischen Oberkommissar bei der Bundespolizei ist, hat er dagegen seiner Zielstrebigkeit und seinen an der Grenze gut brauchbaren Sprachkenntnissen zu verdanken.

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Ohne Unterlagen und kein Wort deutsch

Adam K. ist deutscher Abstammung. Doch das wusste er lange Zeit nicht. "Als junger Mensch hat mich das überhaupt nicht tangiert." 1989 war er 20 Jahre, Fähnrich bei der Feuerwehr und hatte zwei Feuerwachen im Nachbarland unter sich. Dann kam der Befehl, die Dienststelle zu wechseln. Genau an jenem Tag, das hatte er sich in den Kopf gesetzt, wollte er nach Westdeutschland fahren und sich ein kleines Auto holen. "Die Anweisung meiner Chefs war mir in diesem Moment völlig egal", erinnert er sich.

Ohne Unterlagen, ohne Nachweis seiner deutschen Abstammung und ohne ein Wort deutsch zu sprechen kam er irgendwo im Westen an. "Da ging das Leben für mich von vorne los." Keine Eltern im Rücken, keine Geschwister. "In den Folgejahren musste ich mich immer wieder beweisen. Allein." Mit einem Job als Feuerwehrmann klappte es nicht. So bewarb sich Adam K. beim Bundesgrenzschutz und bei der Landespolizei in Nordrhein-Westfalen.

Wertschätzung im Dienst könnte besser sein

Seit 1997 steht er an der A4 bei Ludwigsdorf, hat längst die deutsche Staatsangehörigkeit in der Tasche. Sein polnischer Pass ist irgendwann abgelaufen. "Ich habe ihn nicht mehr erneuern lassen." Adam K, geboren in Polen, ist nun Deutscher. Und deutscher Beamter. Welches Gefühl ist das, diese Uniform zu tragen? "Ein gutes", sagt der 51-Jährige. "Ich habe mich dafür entschieden - und dann ist das so." Was nicht komplett zufrieden klingt. "Ich spreche polnisch, russisch, deutsch. Man weiß hier, wo ich zu finden bin. Aber wird das auch genügend wertgeschätzt?" Die Frage bleibt im Raum stehen. Seinen Akzent hat Adam K. nicht abgelegt. "Wahrscheinlich deshalb ist es nicht immer ganz einfach mit der Akzeptanz." In all den Jahren hat er sich seine eigene Philosophie zurechtgelegt. "Es ist nicht wichtig, wie häufig du in die Knie gezwungen wirst, sondern dass du immer wieder aufstehst."

Das tut Adam K. In der gemeinsamen deutsch-polnischen Dienststelle der Bundespolizeiinspektion Ludwigsdorf ist er als Deutscher längst eine feste Größe. Sein Vorteil: Er versteht nahezu alles, was rund um ihn gesprochen wird. "Da bekommt man von den eigenen Kollegen schon mal zu hören, ich würde polnische Lkw-Fahrer bevorzugen. Andererseits sind die Brummi-Lenker überrascht, wenn ein Deutscher sie in fließenden Polnisch nach ihrer Ladung fragt." Manche Beleidigung habe er lieber nicht verstehen wollen.

Thema spielt bei Polizei fast keine Rolle

K.'s Fazit: Migranten bei Polizei und Bundespolizei wären auf jeden Fall eine Bereicherung und würden angesichts der Situation an den Grenzen und der allgemeinen Zuwanderung auch gebraucht. Doch die Bewerberzahlen, das weiß der gebürtige Pole, sind eher gering. Erst kürzlich hat die linke Landtagsabgeordnete Juliane Nagel gefordert, mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln in Polizei und Bundespolizei einzubinden. Aktuell sei lediglich von elf der insgesamt rund 11.000 Polizisten im Freistaat ein Migrationshintergrund bekannt.

Entsprechend mau sieht es in der Polizeidirektion Görlitz, bei der Bundespolizei in Ludwigsdorf und in der sächsischen Polizeihochschule Rothenburg aus. Eine SZ-Anfrage in allen drei Dienststellen sorgt für Ernüchterung. Denn Zahlen über diesen Personenkreis gibt es nicht. Neben der Staatsangehörigkeit würden keine Merkmale erfasst, von denen auf einen Migrationshintergrund geschlossen werden könne, erklärt Anja Leuschner, die Sprecherin der PD Görlitz. Allerdings gebe es in der Oberlausitz einige Beamte mit polnischen oder tschechischen Wurzeln. Auch an der Hochschule der sächsischen Polizei wird das Thema eher stiefmütterlich behandelt. Gezielte Werbemaßnahmen für dieses Klientel gebe es nicht, sagt Nadja Keller vom Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Die "interkulturelle Kompetenz" spiele in der Einrichtung jedoch eine große Rolle. Dazu habe man ein extra Modul mit 330 Ausbildungsstunden aufgelegt.

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