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Bischofswerda

Polizei nimmt 82-Jährigen in Zwangshaft

Sechs Beamte rückten an, um den Putzkauer zu überwältigen. Er ignoriert seit Jahren Auflagen von Behörden.

Die Polizei nahm jetzt einen Rentner aus Putzkau fest, weil er Bußgelder nicht gezahlt hat.
Die Polizei nahm jetzt einen Rentner aus Putzkau fest, weil er Bußgelder nicht gezahlt hat. © Symbolfoto: Rene Meinig

Putzkau. Ein Rentner, gegen den seit Jahren ein Haftbefehl vorliegt, wurde am Donnerstagmittag auf der Straße zwischen seinem Heimatort Putzkau und Schmölln von der Polizei festgenommen. Vom Straßenrand aus wurde er in die Justizvollzugsanstalt Görlitz gebracht. Dort soll der 82-Jährige nach SZ-Informationen eine Erzwingungshaft aufgrund nicht gezahlter Bußgelder absitzen. Dem Vernehmen nach beträgt die Haftdauer zehn oder elf Tage.

Polizisten waren seit dem Jahr 2015 schon mehrfach in Putzkau, um einen Haftbefehl zu vollstrecken – zuletzt am 12. September 2018. Der Senior, dem sein Hausarzt wiederholt bescheinigte, aufgrund von Bluthochdruck mit krisenhaften Verläufen und Herzrhythmusstörungen haftunfähig zu sein, verlor damals das Bewusstsein. Statt ins Gefängnis nach Görlitz wurde er daraufhin ins Krankenhaus nach Bischofswerda gebracht.

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In Handschellen nach Görlitz gebracht

An diesem Donnerstag nun kam der Senior mit seiner Frau von Besorgungen zurück, als er die Polizisten vor seinem Haus sah. Statt nach Hause zu fahren, um sich festnehmen zu lassen, änderte er die Route. Die Polizei folgte und stoppte ihn auf einem Hügel zwischen beiden Dörfern. Nach einem Bericht seiner Ehefrau waren drei Streifenwagen mit sechs Beamten im Einsatz, um den Haftbefehl zu vollstrecken. Der Senior, der beim Laufen auf zwei Gehhilfen angewiesen ist, gilt zwar als dickköpfig, aber nicht als gewaltbereit.

Die Polizisten hätten erst längere Zeit versucht, den Rentner zu überzeugen, freiwillig in den Streifenwagen zu steigen, heißt es. Doch er sei stur geblieben. So habe man ihn schließlich aus seinem Auto herausgezerrt. Dann klickten irgendwann die Handschellen. Als sie noch mal ins Polizeiauto schaute, habe sie „die Acht“ an den Handgelenken ihres Mannes gesehen, berichtet die Ehefrau.

Die Polizeidirektion Görlitz konnte oder wollte sich am Freitag nicht zu dem Vorfall äußern. „Wir haben Ihr Anliegen an die zuständige Stelle weitergeleitet. Sobald wir eine Zuarbeit erhalten, werden wir uns wieder bei Ihnen melden“, teilte Anja Leuschner von der Pressestelle auf die am Vorabend versandte Anfrage der SZ mit.

Seit Jahren im Konflikt mit den Ämtern

Der Putzkauer ist kein Schwerverbrecher. Sein Vergehen: Er liegt seit Jahren mit den Behörden über Kreuz, weil er Pflichten und Auflagen ignoriert sowie auf Mahnungen und Bußgeldbescheide nicht reagiert. Er nimmt kein Wasser aus dem öffentlichen Netz, sondern nur aus dem eigenen Hausbrunnen, obwohl sein Haus über einen Trinkwasseranschluss verfügt und er laut Gesetz zur Abnahme verpflichtet ist.

Er rüstete auch seine Kläranlage nicht wie vorgeschrieben um. Der Aufforderung, sich dem Amtsarzt zu stellen, um seine Fahrtüchtigkeit überprüfen zu lassen, kam er nicht nach. Beim Trink- und Abwasser argumentiert er, dass es ihm seine finanzielle Lage – er verfügt über ein Pfändungsschutzkonto und gab eine eidesstattliche Vermögensauskunft ab – nicht erlaube, den Forderungen nachzukommen. Die Aufforderung zur Gesundheitsüberprüfung durch den Amtsarzt wertete er Ende 2018 als Versuch der Behörden, „mir das Rückgrat zu brechen“.  

Hausarzt: Haben wir zurzeit keine anderen Sorgen?

Ihrem Mann gehe es gesundheitlich gut, und er werde mit allem versorgt, was er braucht, erfuhr seine Ehefrau am Freitag bei einem Anruf in der Görlitzer Justizvollzugsanstalt. Dort nahm man auch Rücksprache mit dem Hausarzt, um den hochbetagten Häftling mit seinen Medikamenten versorgen zu können. Am Montag will die Frau wieder anrufen und fragen, ob sie ihren Mann in Görlitz besuchen und ihm ein paar persönliche Dinge bringen darf. Sicher ist das nicht – wegen des Coronavirus, wurde ihr am Freitag mitgeteilt.

In Putzkau schlägt die Verhaftung Wellen. Hausarzt Dr. Günther Biesold schrieb an die Schiefertafel in seiner Praxis: Kaiser-Erich verhaftet mit drei Fahrzeugen und sechs Polizisten. Der Mediziner schüttelt darüber nur mit den Kopf: „Haben wir in Deutschland zurzeit keine anderen Probleme?“, fragt er. Und schon ist Biesold beim Thema Nummer eins: Er braucht für seine Praxis Gesichtsmasken und Kittel als Schutz vor dem Coronavirus. Er sei schon von Pontius bis Pilatus gelaufen, doch kein Amt habe ihm bisher mit einer Auskunft helfen können, wo er die dringend benötigte Schutzkleidung herbekommen kann.

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Nach der Festnahme ihres Mannes stand die Ehefrau allein mit dem Auto da. Es ist auf sie zugelassen, und sie besitzt auch einen Führerschein. „Ich war in dieser Situation aber viel zu aufgeregt, um nach Putzkau zurückzufahren“, sagte sie. Also lief sie den knappen Kilometer zurück ins Dorf. Ein hilfsbereiter Nachbar holte kurz darauf das Auto.

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