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Görlitz

Polnische Ärztin verzichtet auf Heimatbesuch

Eine polnische Ärztin verstärkt das Team des Martinshofes in Rothenburg. Andere treffen die Einschränkungen wegen des Coronavirus dagegen hart.

Magdalena Prasslsberger aus Polen verstärkt ab sofort das Ärzteteam im MVZ des Rothenburger Martinshofes - trotz Coronakrise und Berufspendlerstopp.
Magdalena Prasslsberger aus Polen verstärkt ab sofort das Ärzteteam im MVZ des Rothenburger Martinshofes - trotz Coronakrise und Berufspendlerstopp. © André Schulze

Magdalena Prasslsberger ist Allgemeinmedizinerin. Und ein Profi auf ihrem Gebiet. Jahrelang hat die gebürtige Polin Patienten in Bayern betreut. Ab 1. April tut sie das in Rothenburg. Der für Berufspendler aus dem Nachbarland verhängte Stopp ist ihr egal. Ganz bewusst verzichtet sie in der schweren Zeit auf einen Heimatbesuch.

Denn das Land hat sich abgeschottet. Seit dem 27. März sind Reisen zwischen Deutschland und Polen selbst für Pendler nicht mehr möglich. Denn wer nach Polen einreist, muss sich zwei Wochen in Quarantäne begeben. Zuletzt befanden sich über 100.000 Polen in polizeilich kontrollierter Quarantäne, schreibt das Innenministerium.

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Polens Gesundheitssystem gilt seit Jahren als unterfinanziert, es würde im Fall eines schweren Corona-Ausbruchs schnell an seine Kapazitätsgrenzen kommen. Erst am Dienstag hatte die Regierung um Premierminister Mateusz Morawiecki neue Einschränkungen verkündet: Personen unter 18 Jahren dürfen nicht mehr alleine auf die Straße gehen, dazu sind öffentliche Parks, Strände und Boulevards komplett tabu. In Deutschland ist besonders die Grenzregion davon betroffen. Schließlich arbeiten viele Polen in Deutschland, oder leben hier und haben Verwandte hinter der Grenze.

Augen- und Hautarztpraxis bleiben vorerst geschlossen

Für Peter Tzschoppe gibt es es nach den Hiobsbotschaften der vergangenen Woche endlich wieder gute Nachrichten aus dem Medizinischen Versorgungszentrum des Rothenburger Martinshofes zu vermelden. Zuletzt hatte sich der ärztliche Geschäftsführer des MVZ vehement dafür eingesetzt, die polnischen Kollegen trotz Pendlersperre in der Einrichtung zu halten. In zwei Fällen ist ihm das nicht geglückt. Augen- und Hautarztpraxis bleiben vorerst geschlossen.

Bei den Allgemeinmedizinern gibt es dagegen eine Verstärkung, die zwar schon längere Zeit abzusehen war, jetzt aber um so hilfreicher ist. "Nachdem die Hausarztpraxis am Marktplatz altersbedingt geschlossen worden war, hatten wir einen enormen Patientenansturm. Darauf mussten wir reagieren", erklärt Tzschoppe. Wie bei der zuletzt verpflichteten Hautärztin lief die Suche auch hier über Headhunter und spezielle Jobportale. 

Zudem kam eine Menge Glück hinzu. Denn auch Magdalena Prasslsberger wollte sich beruflich verändern. Seit 30 Jahren war die polnische Ärztin in Bayern aktiv und dort zuletzt Miteigentümerin einer Praxisgemeinschaft. Der Kontakt in die alte Heimat blieb allerdings eng, weil Eltern und Tochter in Krakau leben.

Rothenburg sticht Dresden und Cottbus aus

"Ich wollte deshalb die Entfernung unbedingt verkürzen. Das Angebot aus Rothenburg kam mir gerade recht", sagt die 58-Jährige, die sich ihren künftigen Arbeitsort quasi auswählen konnte. Doch Offerten aus Dresden, Frankfurt/Oder und Cottbus lehnte sie ab. 

"Ich war bisher in einer 9.000 Einwohner-Gemeinde im bayerischen Wald und wollte unbedingt wieder aufs Land. Für Rothenburg habe ich mich eigentlich schon beim Vorstellungsgespräch entschieden."

Heimfahrt nach Polen muss noch warten

Nun ist Magdalena Prasslsberger da, hat sich in Rothenburg eine Wohnung genommen. Der Berufspendlerstopp sei zwar nicht schön, für sie aber letztlich nicht weiter schlimm. "Zwischen Bayern und Krakau war die Entfernung noch viel größer. Da halte ich es jetzt aus, wenn in nächster Zeit eben noch keine Heimfahrt möglich ist." Für sie sei das wirklich kein Problem. "Das hat in meinen Überlegungen nie eine Rolle gespielt."

Auch der Wechsel von der einen auf die andere Seite des Arbeitsverhältnisses, von der Praxismiteigentümerin zur angestellten Ärztin, bereitet der Allgemeinmedizinerin keine Sorgen. Sie wisse, wie eine Praxis funktioniert, eine große Umstellung sei das deshalb nicht. Zumal sich an der ärztlichen Tätigkeit ja nichts ändere. "Es geht doch darum, den Ärztemangel ein Stück weit abzufedern. Dazu bin ich in den nächsten Jahren in Rothenburg bereit."

Sorgen der Industrie

Nicht alle Unternehmen haben so viel Glück. Die Pendler in Industrieunternehmen bekommen keine Unterstützung vom Freistaat Sachsen, anders als ihre Kollegen im Gesundheitsbereich. Die Folge sind viele Ausfälle. Vor allem Schienenfahrzeughersteller Bombardier in Görlitz hat einen großen Anteil an polnischen Beschäftigten.

"In Görlitz ist der Bereich Farbgebung sehr stark, da fehlen die meisten Kollegen", sagt der Betriebsratsvorsitzende René Straube. Das Personal rekrutiere das Unternehmen bis nach Breslau, jetzt fehlen die Leute. "Wir sind arbeitsfähig, aber nicht auf dem höchsten Niveau unterwegs", sagt Straube.

Das Unternehmen arbeite an Lösungen, wie es zumindest die angestellten polnischen Arbeiter auf der deutschen Seite unterbringen kann. Besonders sorgt sich Straube jedoch um die Leiharbeiter. "Ich fürchte, dass viele dauerhaft wegbleiben, nachdem die Grenze wieder offen ist", sagt er.

Vorsichtig sein, aber keine Panik wegen Corona

Das ist für Magdalena Prasslsberger kein Thema. Denn direkt zurück nach Polen wollte sie überhaupt nicht. "Abgesehen von der Sprache wäre das für mich absolutes Neuland gewesen. Ich habe keine Ahnung, wie die Gesundheitsreform in Polen aussieht. In Deutschland dagegen bin ich ein 'alter Hase' und habe die Arbeit hier bisher sehr genossen." 

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Ihre Einstellung zur Coronapandemie ist klar: "Man muss beim Umgang mit dem Virus natürlich vorsichtig sein. Panik aber bringt überhaupt nichts." Wichtig sei, ruhig zu überlegen, wo es Gefahren geben könnte. "Ich werde hier ganz normal arbeiten, auch wenn die Patienten wegen meiner Schutzmaske vorerst nur einen Teil von mir sehen", lächelt sie. Den Kontakt mit ihren Lieben in Krakau hält sie weiter auf elektronischem Wege. Bis, ja bis wann? "Irgendwann muss ja eine solche Krise auch mal zu Ende gehen."

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