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Positiv bis zum Ende

Olaf Janßen hat es nicht geschafft, Dynamo vor dem Abstieg zu retten. Aber das ist nicht zuerst die Schuld des Trainers.

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© Robert Michael

Von Sven Geisler

Die Stimme klingt heiser, ein Beleg dafür, wie stark er sie wenige Stunden zuvor strapaziert hat. Olaf Janßen schreit, gestikuliert, läuft auf und ab. Der Trainer gibt alles, doch es reicht nicht. Er kann Dynamo Dresden nicht retten vor dem Abstieg in die 3. Fußball-Liga. Das, meint er, fühle sich am Morgen danach noch schlimmer an. „Am Tag selber lebt man in einer Welt zwischen Traum und Realität“, sagt Olaf Janßen. „Was passiert ist, kommt gefühlsmäßig erst später an.“

Doch was da ankommt, hätte er lieber nie gespürt, diese für ihn „größte sportliche Enttäuschung“. Mit einer riesigen Portion Enthusiasmus war er vor gut acht Monaten in Baku ins Flugzeug gestiegen, um nach fünf Jahren als Assistenzcoach der aserbaidschanischen Nationalelf seinen ersten Job als Cheftrainer anzutreten. Janßen schaffte es sogar, die Bedenkenträger für sich zu gewinnen, die ihm die schwierige Aufgabe mangels Erfahrung nicht zutrauten. Schon in seiner Antrittsrede bei der ersten Pressekonferenz wird deutlich: Da kommt einer, der einen Plan hat, der eine Aufbruchstimmung entfachen kann.

Dabei übernimmt er eine Mannschaft, von der nicht nur Janßen „schwer den Verdacht“ hat, „dass sie keine Mannschaft war“. Sie hatte seinen Vorgänger Peter Pacult gerade regelrecht abgeschossen. Deshalb, verkündet der Hoffnungsträger, werde er besonderen Wert darauf legen, den Teamgeist zu stärken. Das wolle er keinesfalls von oben herab machen, sondern den Spielern das Gefühl geben, „man kann sich austauschen, sie können offen sein“.

Mit dem Verein identifiziert

Von dieser Linie aber weicht er später ab, schlägt Hinweise aus dem Mannschaftsrat in den Wind. So weit wäre es vermutlich nie gekommen, wenn es so positiv weitergegangen wäre, wie es begonnen hatte. Obwohl der erste Saisonsieg erst im vierten Spiel unter dem neuen Trainer gelingt, erlebt Dynamo mit ihm einen Aufschwung. Janßen schafft es, Profis und Fans gleichermaßen zu begeistern, weil er selbst mit ehrlicher Begeisterung bei der Sache ist.

Kaum einer der 24 Trainer seit 1990 vor ihm hat sich so schnell und so sehr mit dem Verein identifiziert wie der Rheinländer – und zwar über sein Fachgebiet hinaus. Als Dynamo im November 2013 vor einer Zerreißprobe steht, ruft er seine Frau Susanne an und bittet um die Freigabe. Bevor er sich am freien Wochenende auf den Weg zu ihr und den fünf Kindern nach Köln macht, tritt er bei der Mitgliederversammlung ans Rednerpult. In seiner 25-minütigen, emotionalen Ansprache wird deutlich, dass Janßen den Verein in zehn Wochen besser verstanden hatte als viele, die später abstimmen durften. Er spricht von der Liebe der Fans und der Herausforderung, die infrastrukturellen Rahmenbedingungen für den Profi-Fußball erst einmal schaffen zu müssen.

Es fehlt an Grundsätzlichem wie einem im Winter beheizbaren Trainingsplatz. Janßen beklagt das, ohne zu wehklagen. Als sich trotz einer Aufholjagd zum Ende der Hinrunde die Ausgangslage nicht wesentlich bessert, mahnt er zu Geduld für den „Höllenritt“, wie er den Kampf um den Klassenerhalt beschreibt. Im Trainingslager in der Türkei sorgt nicht nur das vorsommerliche Wetter für gute Laune, es geht auch fußballerisch sichtbar voran, was sich zum Start ins neue Jahr mit dem 0:0 bei Union Berlin zu bestätigen scheint.

Was danach passiert, lässt sich unter der beliebten Rubrik „Pleiten, Pech und Pannen“ zusammenfassen. Janßen trägt dafür die wenigste Schuld, außer dass der Fußballlehrer mit der Note 1 in Psychologie selbst dann nur positives Denken zulässt, als sich die Lage bedrohlich zuspitzt. Er verpasst den richtigen Zeitpunkt, die Tonart zu wechseln. Mit seiner ewigen Wir-sind-auf-dem-richtigen-Weg-Ansprache rüttelt er keinen mehr auf, sie lullt einige eher ein: Das wird schon …

Aber es wird nicht, schon gar nicht besser. Ein Problem: Janßen hat offenbar nicht hinbekommen, woran seine Vorgänger gescheitert waren, nämlich in der Mannschaft eine Hierarchie auszubilden. Das ist ihm kaum vorzuwerfen, denn der Fehler liegt in der Kader-Zusammenstellung: zu viele Mitläufer, zu wenige Führungsspieler. Dafür verantwortlich sind die Ex-Trainer Ralf Loose und Pacult sowie der Ex-Sportchef Steffen Menze. Andererseits: Janßen betonte bei seiner Vorstellung: „Die Freude und mein Ehrgeiz, das mit den Jungs anzupacken, sind deutlich größer, als die Angst zu scheitern.“ Er habe das Angebot angenommen, weil er überzeugt sei, „dass die Mannschaft besser ist, als sie dasteht“.

Eine Welt zusammengebrochen

Nach dem sechsten Spieltag war Dynamo Letzter, nach dem letzten Spiel nur einen Platz besser. „Für mich ist mit dem Abpfiff eine Welt zusammengebrochen“, sagt Janßen, „weil wir uns unheimlich viele Möglichkeiten erarbeitet hatten, die nötigen Punkte zu holen. Doch die haben wir liegenlassen. Das ist viel schlimmer, als sagen zu müssen: Es war nicht mehr drin.“

Dafür gibt es einige Gründe: verletzungsbedingte Ausfälle wie die von Amine Aoudia und Marco Hartmann, anhaltende Formkrisen wie beim bemühten Mickael Poté, dem enttäuschenden Zlatko Dedic und dem letztlich nicht nur in der Rolle als Kapitän überschätzten Romain Bregerie. Trotzdem hat auch Janßen Fehler gemacht, vor allem wohl den, dass er auf dem harten Weg einige Spieler aufgegeben, andere überfordert hat. Wie seinen Winter-Neuzugang Vincenzo Grifo, den er als Hoffnungsträger vorstellte – eine zu große Bürde für einen 21-Jährigen.

Janßens Vertrag läuft am 30. Juni aus, der Verein muss ihm also nicht kündigen, wird ihm aber auch kein Angebot machen. Die Trennung wollte gestern niemand bestätigen, weil der Aufsichtsrat erst morgen Abend tagt. Ralf Minge werde einen Vorschlag unterbreiten, heißt es. So lange schweigt der Sportdirektor. Der Trainer rechnet damit, dass er gehen muss, und vielleicht will er das auch. In Dresden zu bleiben, dürfte er jedenfalls nicht allein entscheiden. „Ich habe mit meinem Trainerteam extrem viel Arbeit und Herzblut reingesteckt, war mit meiner Familie zu Weihnachten zusammen, seitdem nicht mehr“, erzählt Janßen. „Deshalb kriege ich zu Hause keinen roten Teppich ausgerollt.“

Bei Dynamo wird Janßen nicht vom Hof gejagt, und er wird noch ein paar Tage in Dresden bleiben. Nach dem Frühstück, zu dem ihn der Hotelchef eingeladen hatte, wollte er sich gestern mit seinem Assistenten Peter Nemeth treffen. Fürs Abschalten, sagt er, habe er keinen Plan. Sein persönliches Fazit: „Ich bin in acht Monaten zu einem erfahrenen Trainer geworden.“

Nachtrag: Olaf Janßen verlässt offiziell die SG Dynamo Dresden. Mehr dazu hier.