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Post im Rohr

Das Klinikum in Freital setzt trotz digitaler Zeiten auf analoge Technik. Das hat nachvollziehbare Gründe.

Von Matthias Weigel

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Neben dem Fahrstuhleingang im Foyer des Klinikums verläuft seit einiger Zeit eine eigentümliche Kunststoffröhre. Das durchsichtige, von einem Geländer geschützte Rohr kommt aus dem Boden und verschwindet in der Decke. Wartende schenken der komischen Konstruktion normalerweise wenig Aufmerksamkeit, außer, dass sie sich vielleicht über den Sinn und Unsinn dieser fragen. Ab und an aber rauscht hier irgendwas im Rohr in Sekundenschnelle vorbei. „Was war das denn?“

Im ganzen Haus sind die Rohre verlegt –hier im Keller liegen sie stellenweise sichtbar und verschwinden dann irgendwo in der Decke.

Die Antwort gibt es eine Etage tiefer im Keller des Klinikums. Polternd verlässt dort eine Kartusche den Zielbahnhof im Labor. Eine eilige Blutprobe, die hier per Rohrpost zur Untersuchung landet. Mit drei Metern pro Sekunde, also etwas über zehn Stundenkilometer hat sie sich ihren Weg durch das Klinikum gebahnt. „Es darf nicht schneller sein, weil sonst das Blut womöglich zentrifugiert werden würde“, erklärt Heiko Seifert, der als stellvertretender technischer Leiter das Projekt im Klinikum betreut. – In digitalen Zeiten mit Videotelefonie und E-Mails, was es hier natürlich auch gibt, hat die Klinik die analoge Technik für sich entdeckt. 2012 fiel die Entscheidung, sich so ein Rohrsystem anzuschaffen. Denn Datenleitungen verschicken nun mal keine realen Pakete. Und die verwinkelten Wege über weite Flure sind lang, personalintensiv und zeitaufwendig – und Botengänge teuer und kompliziert im alltäglichen Geschäft zu handhaben. Das geht einfacher, besser und schneller – per Rohrpost. „Die Schwestern sind richtig begeistert“, sagt Seifert. Das „Gejammer“ sei groß, wenn die Anlage mal wegen Wartung oder einer Störung ausfalle. „Man gewöhnt sich eben schnell an das bequeme und komfortable Mittel“, sagt Seifert. Insgesamt sei die Rohrpost aber wenig störanfällig und nicht sehr wartungsintensiv.

Seit Ende 2014 nun sind die verschiedenen Etappen der Bauarbeiten abgeschlossen. Meist unsichtbar und versteckt in den Decken, aber wie am Fahrstuhl oder in der Physiotherapie auch mal in transparenten Röhren, verläuft das System durchs ganze Haus. 69 000 Euro hat die Klinik investiert. Den Auftrag bekam der Automatisierungsspezialist Swisslog (Schweiz), eine der wenigen Firmen, die noch Rohrpost bauen.

200 Meter ist das System lang. Das klingt nicht viel. Doch sind darüber 14 Empfänger an zehn Bahnhöfen vernetzt – auf unterschiedlichen Etagen und Bereichen der Klinik. Labor und Notfallambulanz gehören dazu. 6 000 Sendungen, so Seifert, werden inzwischen pro Monat mit den 50 Büchsen verschickt. Dokumente, Proben, Medikamente. Auch eine kleine Flasche Sekt würde von der Größe reinpassen. Ob die auch schon zu Sendungen gehörte? Seifert schweigt schmunzelnd.

Die Kartuschen sind standardmäßig mit einem Farbcode gekennzeichnet, zusätzlich mit dem Namen „ihrer“ Station beschriftet und mit einem Transponder ausgestattet, der sie automatisch zu ihrem Heimatbahnhof schickt. „Und fürs gezielte Versenden hat jeder Empfängerbahnhof eine Nummer“, sagt Seifert. Die gibt man über ein kleines Display am Bahnhof ein, Kartusche ins Rohr. Fertig. Der Clou: „Über einen weiteren Code kann man die Diensthabenden auf der Zielstation per Telefon benachrichtigen lassen, wenn die Sendung da ist“, sagt Seifert. Besonders bei eiligen und wichtigen Sendungen ist das praktisch. Niemand muss sinnlos warten.

Das Beispiel zeigt: Auch wenn die Rohrpost eher den ersten Eindruck eines Dinosauriers macht, verbirgt sich doch dahinter Hightech. Gesteuert wird das System über einen Computer und jede Menge Elektronik. Der Transport passiert über Lüfter im System, die – je nach Richtung – die luftdicht umhüllten Büchsen drücken oder saugen. Die Verteilung läuft über zentrale Weichen. „Und überall sind Sensoren, sodass die Kartuschen den Weg finden und man zu jedem Zeitpunkt weiß, wo sie sich befinden“, sagt Seifert. Im Notfall könne man das System auch mal ordentlich durchblasen und eine liegen gebliebene Patrone wieder rausholen.

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