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Postboten-Schreck auf vier Pfoten

Da hilft auch kein Leckerli: Ein Riesaer Hund schnappt immer wieder zu. Warum er Briefträger zum Anbeißen findet.

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Von Stefan Lehmann

Riesa. Im Kreis der Familie mag er ein ganz Lieber sein. Doch wenn er Briefträger oder Paketzusteller nur von Weitem erspäht, setzt bei manchem Hund eine seltsame Verwandlung ein. Diese Erfahrung hat auch Guido Gallus machen müssen. Sein achtjähriger Rhodesian Ridgeback hatte im Dezember 2013 eine Briefträgerin in den Oberschenkel gebissen. Sein Herrchen musste sich deshalb gestern vor dem Amtsgericht in Riesa verantworten.

Der Clou: Eigentlich war das Tier in Gallus’ Transporter eingesperrt. Durch ein teilweise geöffnetes Fenster zwängte es sich hindurch, um die Postbotin zu vertreiben. „Ich musste ihn schon mit einer Wurst locken, damit er dieses Kunststück noch einmal macht“, wundert sich Gallus noch heute. Angeblich soll der Hund auch in zwei anderen Fällen zugeschnappt haben. Herrchen Guido Gallus bezweifelt das: Einmal habe er zwar eine Postbotin angesprungen, jedoch nicht gebissen; beim anderen Fall sei nicht einmal klar, ob es sich um seinen Hund gehandelt habe. Dass sein Tier aber auf Zusteller allgemein giftig reagiert, weiß auch er. „Das ist nun einmal bei vielen Hunden so.“ Eine Postbotin habe es auch schon mit Leckerlis für den Hund probiert – genutzt hat das alles wenig. Die verletzte Postbotin jedenfalls sagte vor Gericht, sie habe sich eine Zeit lang gar nicht mehr auf das Firmengelände in Riesa getraut, auf dem sie gebissen wurde. „Auch heute gehe ich da nur mit einem mulmigen Gefühl hin“, sagt die 56-Jährige.

Mehr als 1600 Hundeangriffe auf Postboten zählte allein die Deutsche Post im Jahr 2013. Woher kommt die große Abneigung der Vierbeiner gegen Zusteller? Die Theorie, dass der Briefträger den Geruch fremder Hunde mitbringe und deshalb als Eindringling empfangen wird, stimmt so jedenfalls nicht, sagt Hundecoach Matthias Pannewitz. Er betreut regelmäßig die Spielstunden im Riesaer Tierheim, und auch die Besucher seiner Benimmkurse für Hunde fragen oft nach dem „Briefträger-Phänomen“. Das sei weit verbreitet, und komme vor allem bei Dorfhunden vor. „Es ist letztlich ein missverstandenes Verhalten“, sagt Pannewitz. Der Hund nehme den Postboten als Eindringling wahr und glaube, ihn durch Bellen in die Flucht geschlagen zu haben. Das Problem: Regelmäßig kommt dieser Eindringling wieder, um den nächsten Brief abzuliefern. „Irgendwann steht dann eben mal das Hoftor offen.“

Da hilft es laut Pannewitz nur, wenn sich Mensch und Tier aneinander gewöhnen. Das Leckerli zur Besänftigung der Tiere ist ein häufig empfohlener Trick. „In manchen Fällen kann das aber auch nach hinten losgehen, nämlich wenn der Hund es als Belohnung für sein aggressives Verhalten auffasst“, sagt Matthias Pannewitz. Wichtig sei es, dem Hund nicht direkt in die Augen zu sehen und eher von der Seite auf den Hund zuzugehen, statt frontal. Aber auch die Herrchen können ihren Beitrag leisten, so Pannewitz: „Wer Zeit hat, sollte die Post persönlich entgegennehmen.“ Damit werde dem Hund verdeutlicht, dass der Briefträger kein Eindringling ist. Wenn das nicht geht, dann hilft es auch, den Hund während der Zustellungszeiten einsperren. So verfährt auch Guido Gallus mittlerweile. Der Rhodesian Ridgeback kläfft nur noch aus dem Bürofenster, wenn er die Postbotin erblickt. Und wenn das Tier kurz im Transporter auf das Herrchen wartet, dann bleibt jedes Fenster geschlossen. Es tue ihm ernsthaft leid, dass sein Hund zugebissen hat, sagt er. Das Gerichtsverfahren gegen ihn ging übrigens glimpflich aus: Es wurde eingestellt, die Postbotin erhält ein Schmerzensgeld.