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Prag - wann, wenn nicht jetzt?

Entpannte Schönheit: Kein Geschubse, viel Platz, wenige Kultur-Touristen. So halbvoll ist die Moldaustadt ein Traum – für Besucher wie für Einheimische.

Nur wenige Besucher kommen derzeit zur Prager Burg. Die Moldaustadt ist zwar wieder für Touristen zugänglich, deren Zahl aber überschaubar.
Nur wenige Besucher kommen derzeit zur Prager Burg. Die Moldaustadt ist zwar wieder für Touristen zugänglich, deren Zahl aber überschaubar. © Michaela Øíhová/CTK/dpa

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Ein halbe Stunde bestimmt hat das Pärchen stumm an der Aussichtsrampe der Burg gestanden und einfach nur den Blick genossen. Nächtliche Regengüsse haben Prag, die „Schöne an der Moldau“, frisch gewaschen. Langsam leckt die Sonne die roten Dächer der barocken Wohnhäuser und der pompösen Botschaftspaläste der Kleinseite wieder trocken. 

Die Fahnen auf letzteren Gebäuden wehen schon wieder, vom leichten Wind geföhnt. Über der Altstadt, da wo die beiden ungleich dicken Türme der Teyn-Kirche und seit kurzem auch eine Replik der Mariensäule den Altstädter Ring bewachen, liegt ein bisschen Dunst. Die Karlsbrücke nimmt sich mit den aus der Entfernung winzigen Menschen wie ein enger steinerner Ameisenpfad aus.

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„Das ist sooo schön“, bricht es plötzlich aus der Dame heraus, die alle Corona-Vorschriften sausen lässt, ihren Mann innig umarmt und küsst. Ein paar Umstehende, des Deutschen mächtig, klatschen spontan. Das Touristenpärchen aus Aschersleben fühlt sich ertappt und lächelt verlegen. Er schon Rentner, sie mit drei Tagen Resturlaub.

 Wieder etwas gefasst, erzählt die Frau: „Mein Mann hat am Wochenende im MDR eine Reportage über das touristenfreie Prag gesehen. Da die Grenzen aber nun wieder offen sind, haben wir uns auf den Weg gemacht. Das war ein toller Einfall. Es ist einfach traumhaft hier!“

Corona-Prese an der Karlsbrücke

Mit der Übernachtung haben sie auch Glück gehabt. Im Hotel direkt an der Karlsbrücke gelten noch „Corona-Preise“. 89 Euro für zwei Nächte im Doppelzimmer sind in dieser Superlage wie geschenkt. Im Bierlokal „U Fleku“, das sie aus früheren Prag-Zeiten kannten, hätten sich sogar die Kellner für ihren Besuch bedankt. Da fällt dem erfahrenen Prag-Reporter die Kinnlade runter, kennt er besagtes Etablissement doch als eine „Touristenfalle“ der schlimmeren Art. Aber offenkundig haben unter Corona auch die Härtesten gelitten.

Nicht alles hat das Virus in Tschechien verändert: „Gleich hinter der Grenze sind wir wie viele andere in einer Wechselstube über den Tisch gezogen worden. Die gaben uns für 100 Euro nur 1.940 Kronen. Gestern haben wir in Prag erfahren, dass es 2.600 Kronen hätten sein müssen.“ Zum Beweis nestelt die Frau den Beleg des dreisten Betrugs aus der Handtasche. „Aber auf die Kette, die mir mein Mann gekauft hat, gab es 30 Prozent Rabatt“, lächelt sie.

Nur gute Erfahrungen hat ein Ehepaar aus Cottbus gemacht. Dabei wollten die Beiden um diese Zeit eigentlich in Italien am Strand liegen. „Aber das hat nicht geklappt, da sind wir kurzerhand nach Prag gefahren. Es ist alles total entspannt hier. Das Hotel ist nicht annähernd voll, es sind neben uns vor allem tschechische Touristen dort.“ Das Bier schmecke immer noch so lecker wie früher. 

„Wir wollen aber vor allem die wundervolle Stadt genießen, die Atmosphäre, die Bauten so unterschiedlicher Stile.“ Sie waren vor acht Jahren zuletzt hier. „Uns kommt Prag diesmal noch schöner vor. Es liegt wohl daran, dass man Platz hat. Nirgendwo Gedränge und Geschubse. Früher war man nach einem Tag immer völlig fix und fertig. So hat Corona am Ende einen schönen Nebeneffekt.“

Seit Anfang Juni ist die Mariensäule zurück.
Seit Anfang Juni ist die Mariensäule zurück. © Michal Kamaryt/CTK/dpa

Gespenstisch still mutet es auf dem Burghof mit dem majestätischen Veitsdom an. Vor Corona standen hier täglich Tausende in einer schier endlosen Schlange, um in Tschechiens größtes Gotteshaus Einlass zu bekommen, nachdem sie vorher schon bis zu zwei Stunden an den Sicherheitskontrollen der Polizei am Eingang zum Burgareal hatten zubringen müssen. Babylonisches Stimmengewirr in beachtlicher Lautstärke, nerviges Handyfotoklicken, Flüche über schmerzende Beine und fehlende Bänke – typische Prager Burgatmosphäre eben.

Vor der hatte auch die einzige Reisegruppe Bammel, die jetzt die Szene bevölkert, Leute aus der tschechischen Provinz: „Wir wollten eigentlich in unsere Hauptstadt, so lange die Grenzen dicht waren, weil wir die ausländischen Touristenmassen fürchteten. Nun stehen wir hier fast allein.“ Dann lauschen sie wieder der Führerin. 

Sie erzählt, dass es mit Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd ein Deutscher war, der von Kaiser Karl IV. als Dombaumeister nach Prag gerufen wurde, um den Dom nach dem Vorbild französischer Königskathedralen zu errichten. Das ist für viele in der Gruppe neu. Hier spricht man Peter Parler gemeinhin tschechisch aus, nennt ihn so patriotisch stolz wie sachlich falsch „Petr Parlersch“. Das hat die Führerin soeben gerade gerückt.

8 Millionen Touristen im Jahr

Gähnend leer auch die große Touristen-Information. „Hier war drei Monate alles zu, wir waren im Homeoffice und kommen erst wieder in die Gänge“, sagt wie entschuldigend eine der Beschäftigten. Noch sei nicht alles auf der Burg für Besucher geöffnet. Sie hätten deshalb auch ermäßigte Tickets. Das besonders beliebte „Goldene Gässchen“ beispielsweise könne man aber durchstreifen.

Auch das Häuschen mit der Nummer 22, in dem 1916/1917 Franz Kafka Kurzgeschichten geschrieben habe. „Wir haben jetzt erste Touristen aus Deutschland und Österreich, auch Franzosen und englisch Sprechende. Mir gefällt das so. Vor Corona sind wir erstickt in den Touristenmengen. Spätestens im nächsten Jahr wird es aber wohl wieder so werden“, fürchtet die Angestellte. Und fügt beim Abschied freundlich hinzu: „Genießen Sie es, wie es jetzt ist.“

Vor Corona beherbergte Prag das Jahr über um die acht Millionen Touristen aus dem Ausland. Tendenz ungebrochen steigend. 40.000 Menschen leben vom Fremdenverkehr, der ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Man vergleicht sich mit Venedig. Wenigstens könnten keine Ozeanriesen Moldau und den Rest der Stadt so wie die Venezianische Lagune verdrecken, hört man von Einheimischen, denen die Touristenmassen seit langem bis zum Hals stehen. Sobald das Wetter mitspielt, fliehen sie aus der Stadt, verbringen die Wochenenden auf ihren Grundstücken weit weg von der Metropole, deren Gassen, Plätze, Kirchen, Brücken und Kneipen den Ausländern dann allein gehören.

Ein Paar mit Gasmasken sitzt auf der Karlsbrücke.
Ein Paar mit Gasmasken sitzt auf der Karlsbrücke. © Roman Vondrouš/CTK/dpa

Die Prager haben es trotz der vielen Corona-Einschränkungen deshalb in gewisser Weise genossen, ihre Stadt mal eine Weile für sich zu haben. Drei Monate ist es her, da Tschechien an einem Wochenende ziemlich überraschend alle ausländischen Touristen aus dem Land expedierte und die Grenzen abriegelte. Danach war die Stadt nicht mehr wiederzuerkennen.

Da im Ausnahmezustand auch alle Restaurants geschlossen waren, traf man im sonst völlig überfüllten Zentrum kaum eine Menschenseele. Die Apostel wanderten zur vollen Stunde unbeobachtet an der Astronomischen Uhr am Altstädter Rathaus. Die lästigen Taschendiebe darbten. Wegen der fehlenden fütternden Touristen waren selbst die fetten Tauben auf Diät gesetzt.

Die drei tschechischen Architekturstudenten am Mittagstisch vom „U Glaubicu“ sehen in der Nach-Corona-Zeit eine „riesige Chance“. „Prag ist zu einem Freilichtmuseum verkommen, zuletzt zu einem Hotspot für britische Sauftouristen, die billig einfliegen und laut und rücksichtslos ihre Junggesellenabschiede zelebrieren“, klagen sie. 

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Was sie sonst noch besonders störe? Einer der Studenten klappt sein Notebook auf und zitiert teils deftige Lesermails auf einen kürzlichen Tourismus-Artikel in einer Zeitung: „Die zahllosen, für Schmiergelder entstandenen ‚Russenläden‘, die ahnungslosen Touristen Matroschkas und andere ‚original tschechische Souvenirs‘ aufdrängen, gehören sofort geschlossen.“

Oder: „Ein einziger Polizeieinsatz würde genügen, um die arabischen Drogendealer für immer vom Wenzelsplatz zu vertreiben. Wann kommt der? Für den ertrage ich gern noch eine Woche länger die Corona-Bestimmungen.“ Und schließlich: „Prag hat seinen einstigen Charme verloren. Wien hat uns abgehängt, auch Dresden ist auf dem besten Weg dazu.“ Die Liste der Beschwerden ist endlos. Und das Bedauern darüber bei den Studenten groß.

Doch es tut sich etwas. Im Magistrat meldeten sich mitten in der Corona-Zeit lautstark einflussreiche Leute zu Wort, die „Prag den Pragern zurückgeben“ wollen. Sie haben sich mit der internationalen Plattform Airbnb angelegt, wollen die dort florierende Vermietung von Zentrums-Wohnungen an Touristen verbieten. Die Wohnungen sollen von der Stadt an „normale Einheimische“ zum Wohnen vermietet werden. 

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„Für die Unterbringung von Touristen sind Hotels und Pensionen gedacht“, sagt eine der Wortführerinnen des Aufstands, Hana Kordová Marvanová. „Airbnb verweigert eine Selbstregulierung. Dann ändern wir halt die Gesetze. Wir wollen kein entvölkertes Zentrum. Wir wollen diese Situation so rasch es geht ändern, bevor alles wieder so wird, wie es vor der Epidemie war.“ Corona als Chance für einen anderen Tourismus? Viele Prager würden eine Menge darum geben.

Zurück auf den alten Königsweg und damit auch auf die unvermeidliche Karlsbrücke, unter der das Wasser des nahen Wehrs fast brüllt und über der die ewig hungrigen Moldau-Möven kreischen. Die Brücke ist noch in tschechischer Hand, wie man beim Lustwandeln hört. Und Lustwandeln ist immer noch möglich. Es braucht keinerlei Abstandsgebot.

Gedränge nicht einmal vor der Statue des Heiligen Nepomuk, der einst wegen der Wahrung des süßen Beichtgeheimnisses über die Liebe zweier Menschen brutal in die Moldau gestürzt wurde. Berührt man das Relief über das missliche Ende des Nichtschwimmers, soll es Glück bringen. Vor allem Jungverliebten. Die wenigen ausländischen Touristen vermissen zwar etwas die Verkaufsstände mit Bildern oder Schmuck. Auch an Live-Musik mangelt es noch im Revier. Doch keiner schaut missmutig drein. Alle scheinen irgendwie jungverliebt zu sein in das derzeitige, noch so ungewohnt andere Prag.

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