merken
PLUS

Großenhain

Preusker-Medaille geht nach Köln

Der Name des Großenhainer Büchereigründers Preusker sagt vielen nichts mehr, aber seine Idee ist lebendiger denn je.

Hannelore Vogt erhält den diesjährigen Preis der Bibliothekenverbände – die Preusker-Medaille. Verliehen wird sie diesmal in Köln.
Hannelore Vogt erhält den diesjährigen Preis der Bibliothekenverbände – die Preusker-Medaille. Verliehen wird sie diesmal in Köln. © Marco Heyda

Großenhain. Schon am ersten Tag nach bekannt werden der Ehrung haben Hannelore Vogt Menschen aus 35 Ländern gratuliert. Die Direktorin der Kölner Stadtbibliothek wird künftig in einem Atemzug mit dem früheren Bundespräsidenten Horst Köhler, dem Schriftsteller Erich Loest und dem Wissenschaftsjournalisten und Physiker Ranga Yogeshwar genannt. Denn sie sind alle Träger der Preusker-Medaille.

Die wird der Dachverband der Bibliotheksverbände am 31. Oktober in Köln verleihen. Die Laudatio hält der Intendant der Kölner Philharmonie, Louwrens Langevoort. Und er wird sicher nachlesen, wer dieser Preusker aus Großenhain überhaupt war. Können all die Gratulanten eigentlich etwas mit dem Namen Preusker anfangen? Hannelore Vogt lacht am Telefonhörer: „Nein. Die Wenigsten.“ 

Anzeige
Jetzt mitmachen: #ddvlokalhilft-Umfrage
Jetzt mitmachen: #ddvlokalhilft-Umfrage

Händler ganz aus der Nähe trotzen mit spannenden Ideen der Krise. Überraschungen und Überraschendes! Unser Newsblog:

Es ist ein beherztes, einnehmendes Lachen. Und als die gebürtige Bayerin zugibt, selbst noch einmal über das Leben des Großenhainer Amtmannes nachgelesen zu haben, klingt das kein bisschen despektierlich. Denn sie kann andere Menschen für Wissen und Verstehen begeistert. Ganz wie der Mann auf der Medaille, die sie bald trägt. 

Denn Karl Benjamin Preusker war Gründer der ersten deutschen Volksbücherei, der sächsischen Archäologie, Schulgründer, ein begeisterter Bildungsstratege seiner Zeit, der mit gut 900 Persönlichkeiten nachweislich im Briefwechsel stand, in 40 Vereinen Mitglied war und es wie kaum ein anderer verstanden hat, ein Netzwerk unter den Gelehrten seiner Zeit zu knüpfen. Alles mit dem einen Ziel: Bildung unters Volk zu bringen.

Das ist auch Hannelore Vogts Anspruch. Und so hat die gelernte Bibliothekarin und promovierte Kulturwissenschaftlerin beizeiten aufgehört, nur Bücher zu sammeln und auszuleihen. Büchereien sind für sie keine bloßen Lesesäle, sondern Erlebnisraum. Selbst etwas machen, ist Wissen zum Anfassen.

Das „Wohnzimmer“ nennen die Nutzer ihre Bibliothek liebevoll. Neben dem Zuhause und der Arbeit soll dieser Ort der Dritte sein, den Menschen zum Austauschen gern aufsuchen.
Das „Wohnzimmer“ nennen die Nutzer ihre Bibliothek liebevoll. Neben dem Zuhause und der Arbeit soll dieser Ort der Dritte sein, den Menschen zum Austauschen gern aufsuchen. © Marco Heyda

Die Stadtbibliothek Köln hat sich 2013 der aus den USA stammenden Maker-Bewegung (Macher) angeschlossen. Der Makerspace (Macherraum) war der erste Ansatz und er hat den Charakter des Hauses umgekrempelt. Wer hierherkommt, macht etwas. Mit anderen oder alleine, er trifft sich, tüftelt etwas aus oder kommt schon mit einem Datenstick in der Tasche, um ein Projekt umzusetzen. Denn in der öffentlichen Bücherei steht mitten im „Wohnzimmer“ ein teurer 3-D-Drucker. 

Etwa tausend Leute haben inzwischen die „Lizenz zum Drucken“ erworben, eine Art Führerschein. Probleme mit Vandalismus hatte Hannelore Vogt noch nie. Studenten haben von wertvollen Knochenfunden Kopien ausgedruckt für ihre Arbeiten. Ein Mann hat sich kürzlich eine Halterung für einen Duschkopf gedruckt, der ihm zu Hause kaputtgegangen war. „Ersatzteile aller Art sind da sehr beliebt“, sagt Hannelore Vogt schmunzelnd. 

Egal was die Bibliotheksnutzer tun, sie lernen etwas dabei und teilen diese Fähigkeiten mit anderen. So wie die Gymnasiasten, die hier im Ehrenamt und schulisch anerkannt, Älteren Kurse in der digitalen Welt geben, die wiederum Vorlesepatenschaften übernehmen. Workshops wie „Komponieren mit dem iPad“, „Filmschnitt“, „Selbstmarketing im Internet“ oder „3-D-Modellieren“ sind so untereinander zustande gekommen. Die noch Jüngeren ließen da nicht lange auf sich warten. 

Sie können hier nach einer Buchvorlage eigene Filme erstellen. Denn das digitale Weitererzählen von Geschichten stärkt auch das Lesen, den Umgang mit dem Gelesenen und die technische Umsetzung am Tablet. Biene Maja gibt es als Vorlesegeschichte und wie sollte es anders sein, als Mini-Roboter, die auf einer Art Flickenteppich beim Vorlesen hin- und herfahren und die Geschichte miterzählen.

Auch 3-D-Brillen können die Besucher nutzen, auch für virtuelle Welten gibt es Kurse.  
Auch 3-D-Brillen können die Besucher nutzen, auch für virtuelle Welten gibt es Kurse.   © Marco Heyda

Überhaupt spielt künstliche Intelligenz und Robotik in dieser Bibliothek eine wichtige Rolle, ob auf der Messe, beim Wissenschaftsforum oder beim eigenen Programmieren. Zusammen mit dem Konzept der offenen Bibliothek mit Ausleihe und Rückgabe in Selbstbedienung konnten die Nutzung um 50 Prozent, die Öffnungszeiten sogar um 56 Prozent erweitert werden, weil sich Leute selbst organisieren.

Zugeflogen ist Hannelore Vogt das alles nicht, auch wenn das Haus heute kommunal unterstützt wird. „Wir haben einfach angefangen, Fördertöpfe gesucht, bei Geldgebern gefragt, Interessierte zusammengebracht“, erzählt Hannelore Vogt. Ganz im Preuskerschen Sinne, der das Netzwerken in seiner Zeit beherrschte. 

Die Direktorin der Kölner Stadtbibliothek beherrscht es in der ihren und schafft damit einen öffentlichen Ort des Lernens und Erlebens für sehr viele Menschen. Für ihre Leistung, „Bildung unters Volk zu bringen“, erhält sie 2019 die Preusker-Medaille.

Weiterführende Artikel

Nominierung für Preuskermedaille

Nominierung für Preuskermedaille

Die Stadt sucht wieder Vorschläge für die Auszeichnung.