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Preußische Adler aus Sachsen

Tillmann Richter von der Firma Witschel arbeitet am Schmuck für die Fassaden des Berliner Stadtschlosses mit.

Von Udo Lemke

Die Riesen-Vögel müssen feucht bleiben, oder viel mehr der Ton, aus dem Tillmann Richter sie geformt hat. Deshalb hat sie der Steinbildhauer mit Plastefolien abgedeckt. Erst vergangene Woche waren Experten aus Berlin in der Werkstatt auf der Herrmannstraße, um sich zu vergewissern, „dass ich den preußischen Barock auch getroffen habe“. Dessen Formensprache ist filigraner als die des sächsischen Barocks, erklärt der 33-Jährige.

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Dass er überhaupt an die preußischen Adler Hand anlegen darf, hat natürlich etwas mit seiner Qualifikation zu tun. Zum Steinmetzen ausgebildet worden ist Tillmann Richter von seinem Arbeitgeber, von Steinbildhauermeister Hartmut Witschel. Nach der Lehre folgte die Bewerbung zur Ausbildung als Steinbildhauer mit einem Probestück an der Berufsfachschule für Steinbearbeitung in Laas in Südtirol. Mit dieser viereinhalbjährigen Ausbildung und mehrjähriger Berufserfahrung, so beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche, im Gepäck, trat Tillmann zum Probemodellieren an der Bauhütte des Berliner Schlosses an: „Nach einem Foto mussten wir in dreißig Minuten eine Blattgirlande modellieren.“

Der Großenhainer Steinbildhauer bestand in Berlin, die preußischen Adler konnten in Sachsen modelliert werden. Doch bis sie an der Fassade des Berliner Stadtschlosses, des künftigen Humboldforums, „fliegen“ werden, ist es ein weiter weg. Zuerst biegt Tillmann Richter ein Drahtgestell, das die groben Formen des Körpers, der Flügel und des Kopfes nachvollzieht. Dann wird eine Art Maschendraht aufgebracht und darauf kommt der Ton – einhundert Kilogramm pro Adler. Mit verschiedenen Werkzeugen zieht Tillmann Richter die feinen Federstrukturen nach. Der Ton-Adler ist fertig.

Damit beginnt der zweite Teil der Arbeit. Tillmann Richter gipst den Vogel gleichsam ein, nimmt die so entstandene Form dann ab und gießt sie mit Gips aus, dann wird die Form zerstört – weshalb sie auch verlorene Form genannt wird. Am Ende steht ein Gipsmodell des Adlers, ist er von Ton in Gips umgewandelt worden. Warum nicht gleich Gips genommen wird? Weil der Ton zu genauerem Arbeiten zwingt, erklärt der Bildhauer. Seine Modelle werden dann später gescannt und die Formen aus dem Sandstein – er kommt zum Teil aus Reinhardtsdorf in der Sächsischen Schweiz – vorgefräst. Am Ende geben Bildhauer den neuen Adlern den letzten Schliff.

Übrigens werden 50 bis 60 Stück an den Längsfassaden des Berliner Schlosses zu sehen sein, sagt Tillmann Richter. Für seine Vögel standen ihm lediglich alte Fotografien zur Verfügung und zwei Torsi des Brustteils bzw. der Füße. „Als Bildhauer ist man ein optischer Typ.“ Davon zeugt auch der kleine Ton-Putto auf einem Arbeitstisch in der Werkstatt. Hier steht Tillmann Richter „nur eine ziemlich naive Zeichnung von 1890“ zur Verfügung. Der kleine Gärtnerjunge mit Hut und Rechen wird einmal im sogenannten Tempelgarten in Neuruppin als Steinfigur stehen.

Das Berliner Stadtschloss war nach dem Zweiten Weltkrieg noch zu rund 80 Prozent erhalten, hätte also gut wieder aufgebaut werden können. Aber in der Ulbricht-Ära wurde das Schloss als Hort des preußischen Militärismus gesprengt. Heute muss ein riesiger Aufwand getrieben werden, um es wieder erstehen zu lassen. „Die Leute werden später die fertigen Sandsteinadler sehen, aber natürlich nichts von den langwierigen Vorarbeiten.“

Mit dem Berliner Schloss soll die sächsisch-preußische Zusammenarbeit allerdings nicht abgeschlossen sein. Gemeinsam mit dem Senior-Firmenchef Hartmut Witschel hat sich Tillmann Richter gestern auf den Weg von Großenhain nach Potsdam gemacht. Hartmut Witschel: „Wir haben von der Verwaltung des Schloss Sanssouci eine Anfrage bekommen, ob wir Figuren herstellen können. Wir werden uns das jetzt einmal ansehen, um unser Angebot abgeben zu können.“