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Pro und Contra: Wie wollen wir leben 2035?

Die Bevölkerungsprognosen sind eindeutig: Görlitz bleibt stabil, die anderen Städte im Kreis verlieren. Was bedeutet das? Zwei konträre Meinungen dazu.

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Die neuesten Bevölkerungsprognosen für den Landkreis Görlitz sind nicht einfach nur Zahlen. Sie enthalten Zündstoff, weil sie die Frage stellen, wie es im Landkreis weitergehen wird. Das sind keine einfache Fragen, weswegen es einerseits verständlich ist, dass Rathauschefs wie von Zittau und Weißwasser erst einmal ein wenig Bedenkzeit einfordern. Zugleich aber muss die Debatte angeschoben werden, weil die Welt um uns herum nicht darauf wartet, dass wir unsere Befindlichkeiten geklärt haben. Zur Anregung der Diskussion ein Pro und Contra.

Leuchtturm mit langem Schatten

Thomas Mielke ist SZ-Redaktionsleiter Zittau/Löbau.
Thomas Mielke ist SZ-Redaktionsleiter Zittau/Löbau. © Thomas Eichler

In Görlitz fliegt mal wieder ein Testballon. Dieses Mal gibt es Gedankenspiele, nach denen die Kreisstadt der wirtschaftliche Leuchtturm für den Landkreis werden soll. Jetzt, wo es um die Verteilung der Strukturwandel-Milliarden geht. Der Görlitzer Wunsch ist durchaus nachvollziehbar. Die drei großen sächsischen Leuchttürme - Leipzig, Dresden und Chemnitz samt Speckgürteln - haben in den 90er Jahren tatsächlich von so einer, der Biedenkopf’schen Leuchtturmpolitik profitiert. Jetzt, wo massenweise Geld in Aussicht steht, kann man doch mal versuchen, nachzuziehen.

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Die Medaille hat aber auch eine andere Seite. Der Rest von Sachsen hat von den drei Leuchttürmen nur wenig profitiert. Im Gegenteil: Diese Politik hat dazu geführt, dass weniger Geld in die Fläche geflossen ist und sich andere Regionen des Freistaats abgehangen fühlen. Die Menschen auf dem Land haben sich unter anderem deshalb scharenweise den Parteien am politischen Rand zugewandt. Erst seit Kurzem steuert die CDU-geführte Landesregierung gegen.

Es ist kaum zu erwarten, dass im Kleinen funktioniert, was im Großen schiefgegangen ist. Mindestens die Menschen an den Enden des über 100 Straßenkilometer langen Landkreises Görlitz würden sich wieder abgehangen fühlen. Auf der einen Seite ist der Leuchtturm zu klein, um bis zu ihnen zu strahlen. Auf der anderen Seite wird ihren Orten für so ein Projekt erneut Geld für die eigene Entwicklung entzogen.

Allein schon aus diesen politischen Überlegungen heraus gehören die Braunkohle-Milliarden für den Strukturwandel wie geplant in die Fläche, auf sächsischer Seite zum Großteil in die am stärksten betroffene Region Weißwasser-Hoyerswerda. Und nicht gebündelt an einen Ort, der nie das Herz des Braunkohle-Reviers war, der wie die Städte und Gemeinden im Süd-Kreis beim Strukturwandel schon einen Schritt weiter als der Norden ist und dem es angesichts der Größe und Wirtschaftskraft Zwickaus schwer fallen dürfte, überhaupt der vierte sächsische Leuchtturm zu werden. Und der nach jetzigen Planungen unter anderem als Drehkreuz zweier Fernbahnen ohnehin schon bessere Entwicklungschancen als andere hat.

Görlitz ist das stärkste Pfund für den Kreis

Sebastian Beutler ist SZ-Redaktionsleiter Görlitz/Niesky.
Sebastian Beutler ist SZ-Redaktionsleiter Görlitz/Niesky. © nikolaischmidt.de

Die Prognosen der Kamenzer Statistiker sind erschreckend und realistisch zugleich. Erschreckend, weil sie dem Landkreis nochmals mehrere Tausend Einwohner weniger prognostizieren als jetzt. Realistisch, weil sich die demografische Entwicklung in langen, gut vorhersagbaren Zeitabläufen vollzieht.

So ist abzusehen, dass Görlitz eines nicht allzu fernen Tages genauso viele Einwohner hat wie Zittau, Löbau, Niesky, Weißwasser zusammen. Zugleich wächst das relative Gewicht von Görlitz im Kreis, weil der Anteil der Görlitzer an der Gesamtbevölkerung im Kreis wächst.

Nun kann man den Kopf in den Sand stecken und einfach so tun, als würde die Welt einen nicht interessieren. Ist eine Möglichkeit, aber wenn wir ehrlich sind, keine wirklich gute. Bleibt der andere Weg: sich mit der Entwicklung auseinandersetzen und eine kluge Politik entwerfen. Sie müsste gleich mehrere Dinge für den gesamten Landkreis unter einen Hut bringen: eine hohe Lebensqualität, gutbezahlte Jobs, die auch künftig sicher sind, attraktives Kulturleben, schnelle Verbindungen in die Zentren Sachsens (Dresden) und des Bundes (Berlin), guter öffentlicher Nahverkehr im Landkreis. Diese Aufzählung ist längst nicht vollzählig, jeder hat da sicher noch einen Aspekt, der ihm besonders am Herzen liegt.

Dass das Theater nicht in einem Dorf steht, sondern in Görlitz und Zittau, ist unumstritten. Dass sich die Hochschule in Zittau und Görlitz befindet, ebenso. Dass der Landkreis seine Verwaltung in Görlitz konzentriert und zugleich bürgenah Anlaufpunkte im gesamten Landkreis aufbaut, ist ebenso eine Antwort auf diese Entwicklung. Und so kann man alle Gebiete des Alltags durchbuchstabieren. Nicht alles muss in Görlitz angesiedelt werden, geht auch gar nicht.

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 Aber der Kohleausstieg ist eine Chance für die ganze Region, nicht nur für die Gegend um Weißwasser. Auch Zittau profitiert durch neue Forschungsinstitute davon und beschwert sich zu Recht nicht darüber. Görlitz aber ist das stärkste Pfund, der Anker, den der Landkreis hat. Ihn nicht zu nutzen, hieße, Chancen für alle verstreichen zu lassen. Können wir uns das leisten? Überwinden wir einfach Neid und Kirchturmdenken.

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