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E-Sport? Eine echte Alternative in der Krise

Am Computer schaffen die Besten in der Minute doppelt so viele Anschläge wie Sekretärinnen oder sogar mehr - ein Gastbeitrag für den virtuellen Wettbewerb.

Hans Jagnow ist Präsident des deutschen und europäischen E-Sport-Dachverbandes.
Hans Jagnow ist Präsident des deutschen und europäischen E-Sport-Dachverbandes. © dpa/Christophe Gateau

Von Hans Jagnow *

Zugegeben: E-Sport ist - anders als Fußball - kein Sport mit ganzheitlicher körperlicher Aktivität, sondern eher wie Darts oder Schießen. Beim E-Sport geht es zuallererst um Präzision, Ruhe und viele komplexe Abläufe beim Bedienen der Eingabegeräte. Ich definiere es auf alle Fälle als Sport, und zwar als Präzisionssportart. Es gibt Aktive, die das Drücken der Knöpfe und Tasten meisterhaft beherrschen und ihre Motorik so einsetzen, dass sie Spiele gewinnen. Sie kommen an der Konsole auf 300 bis 400 Anschläge in der Minute. Zum Vergleich: Sekretärinnen schaffen 150 Anschläge pro Minute. E-Sport geht weit über das normale Maß hinaus. Draufhauen reicht nicht. Die Athleten kommen auf einen Puls von 140 bis 150. Das ist vergleichbar mit Rallyefahrern.

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Zweitens geht es um Koordination. E-Sport schärft die Auge-Hand-Koordination und schult das taktische Verständnis. Die Reaktionsleistung ist entscheidend dafür, zur richtigen Zeit das Richtige zu tun. Und drittens geht es um den mentalen Aspekt, das Beherrschen des gesamten Ablaufs. Es gibt 400 Spiele im E-Sport. Die Aktiven müssen wissen, wie sie funktionieren, welche Rolle und wie sie in der Mannschaft mit anderen spielen. Außerdem geht es auch beim E-Sport - anders als bei anderen Computerspielformen - um Durchhaltevermögen, Ehrgeiz, Teamgeist und darum, im Wettkampf gegen andere zu siegen. Es gibt drei bis vier Millionen Athleten. Wir sind so etwas wie die Leichtathletik - eine Sportart mit vielen unterschiedlichen Disziplinen.

Wir müssen über Stunden konzentriert bleiben, körperlich dazu in der Lage sein und sehen viele, die mit Ernährungscoaches, Fitnesstrainern und Sportpsychologen zusammenarbeiten. Das Klischee, dass E-Sport dick macht, verbanne ich in die 1990er-Jahre. Es entbehrt in der Jetztzeit jeder Grundlage. Unser Sport ist divers und inklusiv, für Große und Kleine, Dicke und Dünne geeignet. Bei uns muss keiner einem Traumkörper hinterhereifern. E-Sport hat keinen Einfluss auf weniger Bewegung. Unsere Athleten sind nicht weniger aktiv und fit als andere. Sie bekommen professionelle Anleitung für Ausgleich zum E-Sport. Schönheitsideale passen ja auch nicht zum American Football. Da wiegen einige Spieler 150 Kilo und sind topfit. Das müssen sie auch sein. Da fallen Vorurteile sehr schnell in sich zusammen. Wir sind viel bunter und unterschiedlicher aufgestellt. Das Leben ist es auch.

E-Sport leidet unter dem Virus und nutzt einen Vorteil aus

Wir leiden wie alle anderen auch unter den Folgen der Corona-Pandemie, können im Vergleich zu ihnen in dieser Lage den Ligen- und Turnierspielbetrieb ins Digitale verschieben, müssen ihn nicht absagen oder runterfahren. Jetzt schauen uns nicht mehr Tausende Menschen in ausverkauften Hallen zu, sondern viele ziehen sich mit uns ins Virtuelle zurück. Das beweisen gestiegene Einschaltquoten. Wir wechseln die Ebene. Das ist derzeit unser Vorteil und unsere Verantwortung. Wir eröffnen neue soziale Räume im Kampf gegen Isolation, bieten Ablenkung beim Zuhausebleiben - ein spannendes Ding. Der E-Sport kann seinen Teil dazu beitragen. Ich erkenne auch Gehversuche anderer Sportarten. Sie spielen abgebrochene Ligen online aus. Die NBA macht das mit einigen abgesagten Basketballpartien so. Die Formel 1 simuliert Rennen - abesits des Asphalts.

Ich bin begeistert, wenn Menschen besser spielen als ich. Andere tun Dinge, die ich nicht für möglich halte. Da sitze ich am Ende ungläubig da, finde es genial und frage mich: Wie machen sie das? Das ist wie beim Weitsprung. Da schafft der Weltmeister das Doppelte dessen, was uns gelingt. Ich finde beides interessant. Ich bin geschwommen und habe Kampfsport gemacht. Sport und E-Sport schließen sich nicht aus. Beide erweitern den Horizont und bereichern unser Leben. In der jetzigen Situation müssen wir viel daheim bleiben. Das ist nicht gut für unseren Körper. Wir dürfen allein draußen Sport machen und können abends mit Freunden zu Hause E-Sport spielen.

Wir sehen durchaus noch viel Potenzial nach oben bei uns

Ich erkenne auch Reserven. Es gibt zu wenig Frauen im E-Sport und Entwicklungspotenzial bei der Geschlechtergerechtigkeit. Ich sehe Chancen bei der Inklusion. Die können wir noch stärker wahrnehmen. Menschen mit körperlicher Behinderung brauchen bei uns keinen Sonderstatus. Sie spielen einfach normal mit. Außerdem sind wir ein dynamischer, sehr junger, moderner Sport und können über Generationen hinweg Ältere spielerisch mit der digitalen Welt vertraut machen. Wir dürfen ruhig noch internationaler werden und haben weitere gesellschaftliche Ziele.

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  • Hans Jagnow ist Präsident des deutschen und europäischen E-Sport-Dachverbandes. Der 31-jährige Jurist arbeitet seit mehreren Jahren als parlamentarischer Referent für Digitalisierung und Netzpolitik im Berliner Abgeordnetenhaus.

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