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Problembauer darf nie wieder Tiere halten

Weil Schweine und Geflügel bei ihm erbärmlich lebten, wurde ein Mann aus Kohlwesa verurteilt. Der fühlt sich als Opfer.

Noch immer stapelt sich Müll auf dem Messi-Hof im Hochkircher Ortsteil Kohlwesa. Bis 2018 hausten zwischen diesem Unrat Schweine, Hunde und Geflügel. Das darf sich nicht wiederholen, befand das Gericht am Dienstag.
Noch immer stapelt sich Müll auf dem Messi-Hof im Hochkircher Ortsteil Kohlwesa. Bis 2018 hausten zwischen diesem Unrat Schweine, Hunde und Geflügel. Das darf sich nicht wiederholen, befand das Gericht am Dienstag. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Was empfinden Tiere als Qual? Um diese Frage zu beantworten, bedarf es nicht zwingend höherer Kenntnisse in Philosophie. Im Fall jener Tiere, die im Mai 2018 vom Messi-Hof in Kohlwesa gerettet wurden, reicht gesunder Menschenverstand, um zu erkennen, dass die Zustände, in denen Schweine, Hunde, verschiedenstes Geflügel und ein Schaf ihr Dasein fristen mussten, genau das waren: eine Qual.

Tierhalter Ingo-Matthias F. musste sich deshalb am Dienstag vor dem Bautzener Amtsgericht wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz in 162 Fällen verantworten. Von einem Schaf, das so dichte Wolle hatte, dass es von allein nicht mehr stehen und gehen konnte, war in Berichten des Bautzener Veterinäramtes die Rede, die Richter Ralf Nimphius zum Prozessbeginn verlas. Von einer Sau mit unbehandeltem Knochenbruch, fußballgroßem Abszess, Nabelbruch und infolgedessen vorgefallenen Bauchorganen wurde berichtet, von aggressiven Hündinnen in einem verrosteten Gitterverschlag und von Kadavern. Auf dem Fenstersims, verstaut in Holzkisten, draußen auf dem Hof und sogar in den Stallbereichen hätten die toten Tiere gelegen. In einem Bericht, den Dr. Steffen Rüger vom Bautzener Veterinäramt Anfang Mai 2018 verfasste, liest sich das besonders drastisch: „Aus dem Kotschlamm ragte ein Stück Brustkorb mit herausstehenden Rippen hervor.“

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Eine Art Familienersatz

Im eigenen Todeskampf hatten die anderen Schweine sich an den Kadavern ihrer verstorbenen Artgenossen satt gefressen, denn nicht nur das Geld für die Behandlung der kranken Tiere fehlte dem EU-Rentner F., auch die Fütterung konnte er sich nicht mehr leisten. Darüber hinaus ließ er die Ställe verdrecken. Die abgemagerten Tiere lebten in ihren Fäkalien.

Einsichtig zeigt F. sich ob all dieser grausigen Details zunächst nicht, bezeichnete sich selbst wiederholt als Tierfreund. „Blättern Sie ruhig Ihr Bilderbuch durch“, rief er dem vorsitzenden Richter Ralf Nimphius zu, während dieser Fotos der misshandelten Tiere vorzeigte. „Ich habe meine Tiere immer gut behandelt. Kranke Tiere gibt es in jeder Anlage“, versicherte er. Nach dem Tod der Eltern seien die Tiere für den Angeklagten eine Art Familienersatz gewesen: „Ich bin alleine. Mit Menschen habe ich so meine Probleme“, erklärte er mit überraschend hoher Stimme.

Die wahren Schuldigen für seine Misere waren in F.s Augen die Vertreter des Landkreises im Allgemeinen, die des Veterinäramtes im Speziellen. Bestohlen und verfolgt hätten sie ihn, absichtlich fremde Tierkadaver auf seinem Hof verteilt, um diese für ihre Berichte zu fotografieren und anschließend etwas gegen ihn in der Hand zu haben.

Ungepflegt und uneinsichtig – so präsentierte sich der angeklagte Tierhalter am Dienstag im Gericht.
Ungepflegt und uneinsichtig – so präsentierte sich der angeklagte Tierhalter am Dienstag im Gericht. © LausitzNews.de/Jens Kaczmarek

Diese und ähnliche Äußerungen des Angeklagten waren es, die das Gericht im August vergangenen Jahres veranlasst hatten, einen ersten Verhandlungstermin abzusagen. Zuvor sollte ein psychiatrisches Sachverständigengutachten Aufschluss über die Verhandlungs- und Schuldfähigkeit des 58-jährigen Angeklagten geben.

Denn nicht nur die Frage nach dem Ausmaß des Leidens der Tiere beschäftigte das Gericht am Dienstagvormittag. Auch die Frage, ob F. überhaupt in der Lage gewesen sei, dieses Leid zu erkennen, war Gegenstand der Verhandlung.

Nervenarzt Dr. Martin Fuhrmann attestierte dem Angeklagten eine verminderte, aber nicht ganz aufgehobene Schuldfähigkeit: „Er kann schon noch erkennen, dass es nicht in Ordnung ist, Tiere so zu behandeln. Aber er schiebt die Verantwortung dafür von sich, indem er behauptet, die Tiere gehörten ihm nicht.“

Als Grund für das Verhalten des Angeklagten nannte Fuhrmann zwei zugrunde liegende Erkrankungen: Zum einen leide F. an einer Stoffwechselstörung des Gehirns die zu wahnhafter Paranoia führe. Infolgedessen sei F. überzeugt davon, staatliche Organe würden ihn verfolgen. Darüber hinaus diagnostizierte Fuhrmann dem Angeklagten eine schizophrene Erkrankung die einhergehe mit fortschreitender Beeinträchtigung in der Fähigkeit, Pläne zu fassen und umzusetzen. „Herr F. ist in seinem Denken, Fühlen, Wollen und Interagieren deutlich beeinträchtigt“, schloss Fuhrmann seinen Bericht und empfahl dem Gericht, F. ein lebenslanges Tierhaltungsverbot auszusprechen.

Freiheitsstrafe auf Bewährung

Dem folgte Richter Ralf Nimphius in seinem Urteil. Nie wieder darf F. Tiere halten oder betreuen. Darüber hinaus verurteilte er ihn zu sieben Monaten Freiheitsstrafe, die er zur Bewährung aussetzte. Zur Begründung sagte Nimphius: „Sie sind kein böser Mensch. Ein böser Mensch würde eingesperrt gehören, bestenfalls in jene Ställe, in denen die armen Schweine vor sich hinvegetieren mussten und mindestens für einen ebenso langen Zeitraum.“ Der Angeklagte aber, so Nimphius weiter, habe seine Tiere geliebt. Nur sei diese Liebe schlimmer gewesen als Hass: „ Es gibt keinen Zweifel, dass es Ihren Tieren dreckig ging. Sie konnten sich nicht alleine helfen und Sie, der hätte helfen müssen, waren dazu nicht in der Lage. Das ist ein Dilemma. Sie sind ein kranker Mensch, der Tiere krank gemacht hat. Sie sind nicht geeignet, Tiere zu halten.“

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Verzichtet F. auf Widerspruch, wird das Urteil am kommenden Dienstag rechtskräftig. Dann läuft die zweijährige Bewährungsfrist für den Angeklagten. Die einzige Bewährungsauflage, die F. von Nimphhius auferlegt bekam, ist der regelmäßige Kontakt zu seiner Bewährungshelferin: „In der Vergangenheit gab es bereits zwei Zwangsräumungen gegen Sie, eine dritte ist gegenwärtig in Arbeit. Vielleicht können Sie gemeinsam mit der Bewährungshilfe die Möglichkeiten ausloten, in eine betreute Wohngruppe zu ziehen. Denn auch Sie brauchen Gesellschaft.“

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