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„Probleme treten hier verstärkt auf“

Sebastian Kubasch ist in der Stadt für Familie und Soziales zuständig. Mit der SZ sprach er darüber, was gegen Entmischung hilft. Er sagt: Bildung.

© Nikolai Schmidt

Zum Richtwerk des neuen Soziokulturellen Zentrums im Werk I sprachen Sie das Thema Segregation an. Woran wird dieses Phänomen für Sie nach außen in der Innenstadt West deutlich?

Nach außen hin auf jeden Fall am Leerstand. In der Innenstadt haben wir insgesamt einen Leerstand von 28 Prozent. Das Brautwiesengebiet sticht heraus, dort sind es 38 Prozent. Durch hohen Leerstand entsteht billiger Wohnraum. Menschen, die Sozialleistungen beziehen, sind darauf sehr angewiesen. Ob jemand Sozialleistungen empfängt, sagt nichts über die Lebensweise der Menschen aus. Ich will nicht finanziell schwache mit sozial schwachen Menschen automatisch gleichsetzen. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass Probleme, die in der ganzen Stadt existieren, auch in der Innenstadt West verstärkt auftreten. Entsprechend intensiver ist dort auch die Betreuung beispielsweise durch die Jugendhilfe. Zudem wissen wir, dass Obdachlose manchmal die leerstehenden Häuser als Unterschlupf nutzen. In der Innenstadt West gibt es dafür auch viele Möglichkeiten, da dort der größte Anteil an Industriebrachen noch vorhanden ist. Und so entsteht schnell in einem Stadtteil eine Abwärtsspirale: Ist die Kaufkraft gering, werden die Angebote weniger, es ziehen noch mehr Menschen weg, die Mieten sinken weiter.

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Sie waren früher Kita-Beauftragter. Das Image der Innenstadt-West wirkt sich auch auf die Kitas aus, die an der Cottbuser Straße hat keinen guten Ruf.

Das sagen die Eltern, die aufgrund der äußerlichen Erscheinung Rückschlüsse darauf ziehen, wer dort seine Kinder hinbringt. Aber ein Blick hinter die Kulissen lohnt, das Konzept der Kita Cottbuser Straße ist gut, ich war dort oft drin. Ich kann natürlich gut verstehen, dass Eltern sich das Beste für ihr Kind – vom Konzept bis zum sozialen Umfeld – wünschen. Aber diejenigen, die ihr Kind von vornherein auf keinen Fall in diese Kita schicken möchten, sind häufig die, die sich gar nicht näher beschäftigt haben mit der Einrichtung und ihrem Konzept.

In den meisten Großstädten sind von Segregation die Neubausiedlungen betroffen. Warum also in Görlitz die Innenstadt-West und nicht Königshufen?

Tatsächlich ist Görlitz in dieser Hinsicht ein Sonderfall. Es ist in Königshufen aber so, dass wir dort noch immer einen großen Stamm alteingesessener Bewohner haben. Seit einiger Zeit beobachten wir, dass auch junge Familien wieder nach Königshufen ziehen. Ich nehme an, das hat damit zu tun, dass dort Spielplätze entstehen, Wohnungen saniert werden. Die Anbindung sowohl ins Zentrum wie auch ins Umland ist nicht schlecht, Einkaufsmöglichkeiten sind da. Und dazu kommt: Ganz so billig sind die Wohnungen in Königshufen durch die den Rückbau gar nicht mehr.

Sie sprechen von einer Abwärtsspirale. Wie lässt sie sich aufhalten?

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Was ich beim Richtfest zum Soziokulturellen Zentrum gesagt habe, gilt für mich weiterhin. Bildung ist das beste Mittel gegen Segregation. Für mich macht es deshalb Sinn, dass die Waldorfschule am ehemaligen Güterbahnhof einzieht. Das wird der Durchmischung helfen. Es geht ja nicht darum, jemanden zum Wegzug zu animieren, sondern darum, Menschen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund dazu zu bewegen, hierhin zu ziehen. Es geht darum, die Anwohnerschaft wieder heterogener zu machen. Neben Bildungsinvestitionen ist es wichtig, Angebote wie Aufenthaltsplätze für die Leute zu schaffen. Der geplante Stadtteilpark ist ein wichtiger Punkt, ebenso neue Arbeitsplätze. Eine Verwaltung wirkt da überall mit hinein – kann aber alleine so eine Aufgabe nicht lösen. Trotzdem sehe ich nicht schwarz für die Innenstadt West. Es gibt bereits gute Entwicklungen. In letzter Zeit haben sich wieder einige Firmen oder Selbstständige angesiedelt, die kleine Brauerei an der Leipziger Straße, das Labor auf der Cottbuser Straße, die Buchdruckerei auf der Landeskronstraße. Wir haben dort ein großes Reservoir an günstigen Geschäftsräumen, wo man sich ausprobieren kann.