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Promenade wird Stadtwald

Die Promenade gilt jetzt nicht mehr als Park. Das hängt mit Haftungsfragen zusammen, sagt die Bürgermeisterin.

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© Claudia Hübschmann

Von Jürgen Müller

Lommatzsch. Die Lommatzscher Pflege ist nicht unbedingt als waldreiche Gegend bekannt. Doch ausgerechnet mitten in der Stadt Lommatzsch gibt es jetzt Wald. Der wurde nicht neu angepflanzt, sondern war schon immer vorhanden, hieß aber nicht so. Die Stadtverwaltung hat jetzt kurzerhand die Promenade zum Stadtwald umgewidmet.

„Die Promenade ist aus Sicht der Stadtverwaltung keine Parkanlage, sondern aufgrund der hohen Anzahl von Bäumen Teil unseres Stadtwaldes. Das Abwerfen des Laubes und die anschließende Verrottung der Blätter unter den Bäumen sowie der Wiederaustrieb des Grases, der Bodendecker sowie der Bäume gehören zum natürlichen Lebenskreislauf einfach dazu“, sagt Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP). Deshalb möchte ab diesem Jahr die Stadtverwaltung nicht mehr das Laub unter den Bäumen vollständig entfernen lassen. Darum kümmerten sich seit sechs Jahren die Mitglieder und Freunde des Vereins Freie Wähler Lommatzsch, die es als ihre Aufgabe und Verpflichtung ansahen, den Frühjahrsputz in der Promenade zu übernehmen.

„Unbestritten wirkte die Promenade anschließend frisch und aufgeräumt. Für die Mühe ist den Beteiligten, einschließlich der Jugendfeuerwehr und den Mitgliedern der Gartensparte ´Bergfrieden,` durchaus zu danken, so die Amtschefin. Dennoch solle dies jetzt nicht mehr gemacht werden. In der Dresdner Heide, dem Stadtwald der Landeshauptstadt oder im Meißner Stadtwald Siebeneichen käme auch niemand auf die Idee, Laub zu kehren, sagt sie.

Nur ein Unfall in den letzten 25 Jahren

Ob die Promenade nun Teil des Stadtwaldes ist oder eine Parkanlage ist, sei vor allem wegen Haftungsfragen bedeutsam. Seit einigen Jahren arbeitet die Stadtverwaltung intensiv daran, die über 20 Jahre vernachlässigten Baumkontrollen am gesamten Baumbestand durchzuführen. Insgesamt verfüge die Stadt über 5 600 Bäume. „Alle müssen mindestens zweimal jährlich begutachtet werden. Bei Bedarf müssen entsprechende Pflegemaßnahmen, Totholzentnahmen oder gar Fällungen erfolgen“, so die Bürgermeisterin. In Parkanlagen bestehe an jedem Baum ein hohes Gefährdungspotenzial, in Waldflächen können sich Haftungsrisiken vor allem auf den Wegen ereignen. Außerhalb von Wegen darf ein Wald zwar betreten werden, die Stadt hafte dann aber nicht für Schäden. Bei Unfällen von Personen, die sich durch herabfallende Äste oder durch Stürze verletzen. Gingen entsprechende Schmerzensgeldforderungen bei der Stadtverwaltung ein. In den letzten 25 Jahren gab es allerdings nur einen einzigen derartigen Fall. Dieser datiert aus dem Jahr 1991. Möglich seien aber in solchen Fällen nicht nur zivilrechtliche Ansprüche, sondern auch strafrechtliche Konsequenzen wegen fahrlässiger Körperverletzung, so Anita Maaß.

Um dies auszuschließen, müsste es mehr Kontrollen geben. Da erhöhte Kontrollen selbstverständlich auch mehr Geld kosten, muss die Stadt im Interesse eines effizienten Personal- und Geldeinsatzes ihre Kräfte bündeln. Andernfalls beschäftigten sich die Mitarbeiter des Bauhofes mit nichts anderem mehr als mit den städtischen Bäumen und deren Kontrollen. „Vor diesem Hintergrund sind wir als Verwaltung sehr froh über die Möglichkeit, die Promenade als Stadtwald in unserem Bestand zu führen“, so die Bürgermeisterin. Entscheiden darüber, ob die Promenade nun zum Teil des Stadtwaldes erklärt wird, muss jedoch der Sachsenforst. Diese Entscheidung steht noch aus. Fällt sie positiv im Sinne der Stadt aus, werde diese die Promenade zwar weiterhin pflegen, jedoch nach den Anforderungen eines Stadtwaldes. Das bedeutet, dass die Wege weiterhin begehbar bleiben müssen und die Bäume an den Wegen kontrolliert werden.

Alles dreht sich wieder um das Geld

Ungeteilte Zustimmung zu den Plänen gibt es aber nicht. „Es ist traurig, dass man sich in Lommatzsch immer hinter fehlendem Geld versteckt. Bloß weil man kein Geld hat, kann man doch nicht alles verkommen lassen“, schimpft Christine Gallasch, die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler.

Seit sechs Jahren treffen sich die Mitglieder und Freunde des Vereins Freie Wähler Lommatzsch, die Jugendfeuerwehr, der Jugendklub und die Kleingartensparte „Bergfrieden“ zum Frühjahrsputz in der Promenade. „Dies war schon zur Tradition geworden. Wir leisten hier gemeinsam ein Stück Verschönerungsarbeit für unsere Gemeinde zum Wohle aller“, sagt Lutz Proschmann, Pressesprecher der Freien Wähler Lommatzsch. „Das soll nun anders werden. Die Stadtverwaltung möchte, dass die Promenade nicht mehr gepflegt wird, das Laub nicht mehr aus der Promenade entfernt wird. Alles dreht sich wieder um das Geld, nur diesmal sind es keine freiwilligen Leistungen, sondern Pflichtaufgaben die die Stadt zu erfüllen hat, und zwar die Pflege der Bäume, wozu auch die Promenade gehört“, so Proschmann.

Die Promenade gibt es seit dem 1. März 1888. Damals startete der Lommatzscher Verschönerungsverein mit dem Projekt einer Promenade zwischen Bahnhof und Messaer Straße in einer Länge von 1239 Metern. Es wurden 2 500 fünfjährige Weißbuchen, 2 000 Fichten und 3 000 Birken angepflanzt und aus Eigenmitteln und Spenden des Vereins finanziert. 1895 erfolgte die Verlängerung bis zum Schützenhaus.