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Promis in Sandstein

Grabplatten aus dem Bautzener Dom erinnern an die Reichen und Schönen von einst. Jetzt werden ihre Geschichten entschlüsselt.

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© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

Schweigend stehen sie da: die Reichen, die Schönen und die Mächtigen. Ihre großen Tage sind längst vergangen. Nur noch die gemeißelten Grabsteinplatten aus Sandstein erinnern an ihre frühere Prominenz. Ihren Platz haben die steinernen Zeitzeugen eigentlich im Bautzener Dom. Zurzeit sind sie jedoch in der Werkstatt von Uwe Konjen in Singwitz zu finden. Der Restaurator verpasst den Grabplatten eine Schönheitskur. Allerdings verwendet der Stein-Experte kein hautstraffendes Botox für die teils stark beschädigten Figuren. Vielmehr schwört er für die Festigung des porösen Materials auf Kieselsäureester. „Ohne dieses Mittel würden die Steine zerbröseln.“ Ein Skalpell liegt auf dem Arbeitstisch allerdings auch griffbereit.

Hand-OP: Sorgsam werden die Details der jahrhundertalten Grabplatten wiederhergestellt.
Hand-OP: Sorgsam werden die Details der jahrhundertalten Grabplatten wiederhergestellt. © Uwe Soeder
Kunsthistoriker Kai Wenzel (links) und Restaurator Uwe Konjen mit dem Abbild eines Bautzener Domdekans.
Kunsthistoriker Kai Wenzel (links) und Restaurator Uwe Konjen mit dem Abbild eines Bautzener Domdekans. © Uwe Soeder
Detail einer Grabplatte aus dem Bautzener Dom St. Petri.
Detail einer Grabplatte aus dem Bautzener Dom St. Petri. © Uwe Soeder

Der Hauch der Geschichte

Manche der Steine sind älter als 500 Jahre, andere fallen durch ihre kunstreiche Bearbeitung auf. Der Hauch der Geschichte weht durch den Raum. Fasziniert blickt sich der Kunsthistoriker Kai Wenzel in der Werkstatt um. „Hier steht das Who-is-Who des Bautzener Landes: Landesbeamte, Angehörige des Domkapitels und Adlige aus der Umgebung“, stellt er fest. Der Mitarbeiter des Kunsthistorischen Museums in Görlitz bringt die schweigsamen Gestalten zum Reden. Gerade schreibt er an einer Publikation über den Dom St. Petri. Dafür spürt er in den Archiven die Geschichten jener Honoratioren auf, an welche die Grabsteine erinnern. Unter den Sandsteinplatten fanden die Toten bis Mitte des 18. Jahrhunderts ihre letzte Ruhestätte. Der Kirchhof befand sich damals direkt am Dom. 1799 wurde er endgültig geschlossen, eingeebnet und als Platz gestaltet. Heute ist die Fläche Teil des Fleischmarkts.

Die Grabsteine waren zuletzt am Südeingang des Doms auf katholischer Seite und in der nordwestlichen Vorhalle zu sehen. Während der Domsanierung harren sie fernab ihres alten Standorts aus. Manche Grabsteine fallen durch ihre aufwendige Verarbeitung sofort ins Auge, andere Exemplare offenbaren ihre Einzigartigkeit erst auf den zweiten Blick.

Der Stein hat noch was zu erzählen

Gebannt schauen Kai Wenzel und Uwe Konjen auf eines dieser unscheinbaren Schwergewichte. Aus dem Sandstein gräbt sich beim genauen Hinschauen ein zaghaftes Relief heraus. „Diese Grabplatte kam bei uns in drei Teile zerbrochen an“, sagt der Restaurator. Der Kunsthistoriker vertieft sich in die schwer zu lesende Schrift. Die gotische Minuskel mit gebrochenen Buchstabenbögen verrät die Entstehungszeit – irgendwann um 1500.

Für das Alter sprechen auch die Laufspuren auf dem Sandstein. „Wahrscheinlich befand sich diese Tafel früher auf dem Fußboden im Dom. Wahrscheinlich verschwand sie dort im 18. Jahrhundert, als die Kirche einen neuen Fußbodenbelag erhielt“, sagt Kai Wenzel. Um noch mehr über den Stein zu erfahren, will der gebürtige Bautzener nun in einem Konvolut über Bautzener Grabsteine recherchieren. Der Lehrer Johann Christoph Wagner hat darin im späten 17. Jahrhundert alle Fakten über die Grabplatten zusammengetragen. Der Kunsthistoriker ist sich sicher, auch dieser Stein hat noch etwas zu erzählen.

Glühende Wangen unterm Staub

Munter plaudert dagegen das Abbild des Domdekans Christophorus Johannes Reinheld von Reichenau. Das Antlitz mit spitzem Bart und langen Haaren erinnert an aus Mantel- und Degenfilmen. In der linken Hand hält er die Bibel, um den Mittelfinger legt sich der Rosenkranz. Die rechte Hand umfasst kräftig den Abtstab, der heute noch in der Domschatzkammer zu sehen ist. Die Mitra, die Kopfbedeckung der Bischöfe, und das Gewand sind reich verziert. Das Medaillon um den Hals verweist auf den weltlichen Herrn des Abgebildeten, den Habsburger Kaiser Ferdinand III.

Eine Hauptrolle in einem Historienfilm könnte auch die Schönheit ein paar Schritte bekommen. Der Grabstein zeigt Anna von Nostitz. Die Familie gehörte ab dem 13. Jahrhundert zu den bedeutendsten Adelsgeschlechtern der Oberlausitz. Die Inschrift schwärmt von ihrer Tugendhaftigkeit. Der Jungfernkranz auf dem Kopf verrät dem Betrachter, dass die Schönheit mit wallenden, langen Haaren bis zu den Ellenbogen nie verheiratet war. Grübchen in Kinn und am Mund unterstreichen ihre Anmut, die Wangen scheinen rot zu glühen unter dem Staub der Jahrhunderte.

Die tonnenschwere Arbeit kommt noch

Mit 73 Jahren ging Anna von Nostitz 1642 von dieser Erde. Das Abbild auf dem Stein zeigt sie vielleicht im zarten Alter von 20 Jahren. „Sicherlich stellt dieses Grabmal die Verstorbene sehr idealistisch dar. Aber in seiner Farbigkeit gehört es zu den schönsten in der Oberlausitz“, sagt Kai Wenzel. Solche steinerne Grabplatten finden sich vielerorts zwischen Neiße und Spree, besonders häufig kommen sie in Orten mit ehemaligen Adelshäusern vor, so an den Kirchen in Kleinbautzen, Weißenberg, Reichenbach, aber auch Kamenz.

Die 16 Grabsteine aus der Werkstatt von Uwe Konjen kehren nach der Restaurierung zurück in den Dom. Dann ist statt Fingerspitzengefühl Muskelkraft gefragt. Die Unikaten aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert wiegen pro Stein so viel wie ein Kleinwagen, nämlich knapp eine Tonne. Daran denkt der Restaurator jetzt aber noch nicht. Stattdessen schließt er die Tür zum Raum mit den Reichen, Schönen und Mächtigen aus Stein. Er ist sich sicher, sie haben noch viel zu erzählen.