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Propaganda-Schlacht und ehrliche Begeisterung

Rödertal. Mitte der 50er Jahre fuhr ein junger Offiziersschüler des Öfteren mit dem Zug durch Radeberg. Er war auf dem Weg zur Flieger-Offiziersschule im nahen Kamenz. Gut zwanzig Jahre später wurde er über Nacht zum Helden: Sigmund Jähn.

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Von Jens Fritzsche

Rödertal. Mitte der 50er Jahre fuhr ein junger Offiziersschüler des Öfteren mit dem Zug durch Radeberg. Er war auf dem Weg zur Flieger-Offiziersschule im nahen Kamenz. Gut zwanzig Jahre später wurde er über Nacht zum Helden: Sigmund Jähn. Heute vor 25 Jahren flog der Mann aus dem Erzgebirge als erster Deutscher ins Weltall. Die DDR nutzte das natürlich als Propaganda-Chance weidlich aus, sogar eine Sandmännchen-Folge wurde live aus dem All gesendet, um schon den Kindern die technische Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren. Dennoch, die Begeisterung bei der Bevölkerung war zu großen Teilen echt. Vor allem, weil Jähn trotz seines Höhenflugs ins All stets auf dem Teppich blieb.

„Das war verordnetes Jubelgeschrei!“

Begeisterung damals also auch im Rödertal? Nicht bei jedem: „Das war doch verordnetes Jubelgeschrei, ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind!“, sagt zum Beispiel Horst Solte, der Leiter der Wachauer Mittelschule. Damals war er Lehrer in Schönfeld. „Und es gab dann gleich eine Lehrerversammlung, auf der uns klar gemacht wurde, was wir den Schülern über den Weltraumflug Sigmund Jähns zu sagen haben.“ Entwürdigend für die Lehrer, findet er das noch heute.

Uneingeschränkte Begeisterung hingegen bei Frank-Peter Wieth, dem Ullersdorfer Ortsvorsteher. Und das, obwohl Wieth damals noch in seinem Geburtsort Wetzlar – also im „Westen“ – lebte. „Es war mir schon damals völlig egal, wo ein Mensch herkommt“, unterstreicht er. „Es war ein Deutscher, einer aus unserem Nachbarland, und es war ein großer Schritt, da kann man sich doch freuen.“

„Es war einfach ein Mensch!“

Genauso begeistert war Wieth, als der erste Mensch auf dem Mond gelandet ist. „Da war es mir doch auch egal, ob das ein Amerikaner war – es war ein Mensch und er war auf dem Mond!“

Aufregend war es, erinnert sich auch Arnsdorfs Bürgermeisterin Martina Angermann an den 26. August 1978. Damals war sie gerade beim Studium in Görlitz, „und wir waren schon ein bisschen stolz, dass einer aus einem so kleinen Ort im Erzgebirge und auch noch aus der DDR als erster Deutscher ins Weltall geflogen ist.“ Getroffen hat sie Sigmund Jähn allerdings nie. „Bis Görlitz war es dann wohl doch zu weit“, lacht die Bürgermeisterin.