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Lauter, stiller Protest an der Bundesstraße

Hunderte haben sich am Sonntag für eine Stunde an die B96 gestellt und gegen Corona-Einschränkungen demonstriert. Wer sie sind und was sie wollen.

Hunderte Menschen haben sich am Sonntagvormittag für eine Stunde an die B96 gestellt und gegen Corona-Einschränkungen demonstriert - auch Uschi Micke aus Großschönau.
Hunderte Menschen haben sich am Sonntagvormittag für eine Stunde an die B96 gestellt und gegen Corona-Einschränkungen demonstriert - auch Uschi Micke aus Großschönau. © Matthias Weber/photoweber.de

Uschi Micke ist extra aus Großschönau an die B96 gekommen. In Oderwitz reiht sich die Rentnerin ein in eine große Menschenkette, um so gegen die Corona-Einschränkungen zu protestieren. "Ich kämpfe für meine Grundrechte", sagt die 69-Jährige wie selbstverständlich, und sie freue sich, dass hier so viele zusammengekommen sind, die genauso so denken wie sie. 

"Ich habe keine Angst vor dem Virus", sagt sie. "Aber ich habe große Angst vor dem, was hier passiert. Ich will selber entscheiden, ob ich meine Enkel sehen darf oder Mundschutz trage." Uschi Micke ist überzeugt, dass das Virus so gefährlich nicht sein kann. "Ich war bei drei Ärzten, beim Rheumatologen, beim Orthopäden und beim Hausarzt - und keiner hat einen Mundschutz getragen. Warum denn nicht?", fragt sie.

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Ein paar Meter weiter steht Max Hilse aus Beiersdorf. Der 16-jährige Gymnasiast könnte ihr Enkel sein. Im Gegensatz zu ihr aber findet er schon, dass das Virus eine Gefahr ist, die real existiert. Deswegen hat er ja mit anderen Jugendlichen in Löbau auch eine Schüler-Firma gegründet, die Corona-Gesichtsschutz-Visiere herstellt. Die Nachfrage ist riesig. "Ich denke trotzdem, dass die Beschränkungen viel zu hoch sind und die Lockerungen jetzt viel zu zögerlich", sagt er. Um das deutlich zu machen, müsse man eben auch mal auf die Straße gehen.

Viel Unzufriedenheit, Wut und Frust

In allen Orten entlang der Straße stehen sie, mal zu zweit oder zu dritt am Gartenzaun, mal in einer großen Gruppe. Es sind Hunderte, die sich an diesem Sonntagvormittag auf den Bürgersteigen aufreihen. "Beinahe wie 1989", sagt eine Frau in Eibau. Damals, am 3. Dezember, haben viele hier schon einmal in einer Menschenkette an der 96 gestanden und sich die Hände gereicht - von Zittau bis ganz hinauf nach Sassnitz. 1989 ging es den Demonstranten um Freiheit und Demokratie. Und jetzt? 

An diesem Sonntag ist die Stimmung eine andere. Viel Wut, viel Frust, eine große Unzufriedenheit und viele Ängste - mitunter auch diffuse, sind es, die die Leute jetzt wieder auf die Straße treiben. Ein Mann um die 60, der seinen Namen nicht nennen will, sagt sarkastisch: "Ich bin ein Rechter. Ich war nämlich vor drei Jahren mit bei Pegida in Dresden. Da hab ich meinen Stempel von den Medien ja nun weg." Und jetzt stehe er eben hier. Kein weiterer Kommentar.

Ute Lorenz ist aus Schönau-Berzdorf gekommen. Sie hat sich einen Mundschutz aus dünner Spitze genäht. "Damit bin ich bis jetzt überall reingekommen", sagt die Mittfünfzigerin. "Das ist doch ein Witz!" Auf ihr T-Shirt hat sie "Ich lasse mich nicht zwangsimpfen" geschrieben. Und in der Hand trägt sie ein Schild mit einer überdimensionalen Traueranzeige: Das Grundgesetz ist gestorben. Ebenfalls selbstgestaltet.

Entlang der B96 haben sich am Sonntagvormittag - wie hier in Eibau - Hunderte zu einer Menschenkette aufgereiht, um gegen die Corona-Beschränkungen zu demonstrieren.
Entlang der B96 haben sich am Sonntagvormittag - wie hier in Eibau - Hunderte zu einer Menschenkette aufgereiht, um gegen die Corona-Beschränkungen zu demonstrieren. © Matthias Weber/photoweber.de
Die Beweggründe der Demonstranten sind unterschiedlich. Eine große Unzufriedenheit, Wut, aber auch Angst vor dem, was noch kommt, spielen eine Rolle.
Die Beweggründe der Demonstranten sind unterschiedlich. Eine große Unzufriedenheit, Wut, aber auch Angst vor dem, was noch kommt, spielen eine Rolle. © Matthias Weber/photoweber.de
Ute Lorenz
ist extra aus Schönau-Berzdorf an die B96 nach Oderwitz gekommen, um zu demonstrieren. Sie sorgt sich um das Grundgesetz und befürchtet eine Impfpflicht.
Ute Lorenz ist extra aus Schönau-Berzdorf an die B96 nach Oderwitz gekommen, um zu demonstrieren. Sie sorgt sich um das Grundgesetz und befürchtet eine Impfpflicht. © Matthias Weber/photoweber.de

Damit steht sie an der Straße mit einer Gruppe Frauen, die alle wütend sind auf die Politik. Die Frau neben ihr, 55, arbeitet in der Gastronomie. Mit 60 Prozent sitzt sie jetzt zu Hause in Kurzarbeit, und das bei diesem niedrigen Lohn, den sie ohnehin schon hat. "Wie soll denn das mal bei der Rente werden", fragt sie. "Selbst Krankenschwestern im Krankenhaus sind in Kurzarbeit. Das kann doch alles nicht wahr sein."

Wie die 55-Jährige denken die meisten hier: Alles übertrieben und die Lockerungen viel zu zögerlich - auch wenn ihre Beweggründe, ihre Ansichten und persönlichen Erfahrungen und Betroffenheiten ganz unterschiedlich sind.

Es gibt aber auch zahlreiche Protestanten, die die Aktion für ihre politischen Zwecke nutzen, die schwarz-weiß-rote Reichsfahnen schwenken und rechtsextreme Symbole präsentieren, auch aus der Reichsbürgerszene und von Verschwörungstheorien. 

Die Polizei spricht von einer friedlichen Veranstaltung ohne Zwischenfälle. Lediglich in Neusalza-Spremberg hatte sich ein Anwohner über zu laute Musik und hupende Autos beschwert, in Hoyerswerda haben Beamte eine größere Gruppe "freundlich auf das Einhalten der Abstandsregelungen hingewiesen", wie es aus dem Einsatz- und Lagezentrum in Görlitz hieß.

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Die Aktion "Stiller Protest B96" ist vor allem über eine Facebookgruppe entstanden, die inzwischen mehr als 1.900 Mitglieder hat. Wer genau hinter dem Aufruf steht, ist nicht zu ermitteln. Einer der Mitbegründer der Aktion hat der SZ am Sonntag über Facebook mitgeteilt, inzwischen "von allen leitenden Stellungen zurückgetreten" zu sein, da die Aktion "zunehmend von AfD und anderen rechten Gruppen unterwandert" werde. Wir recherchieren weiter.

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