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Protest vor Neumarkt-Skulptur

Töpfe und Pfannen fliegen gegen das vor der Frauenkirche in Dresden stehende Werk. Künstler Ulrich Genth will sich aber nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Ulrich Genth hat mit Widerstand gerechnet.
Ulrich Genth hat mit Widerstand gerechnet. © Sven Ellger

Mit Widerstand hat Ulrich Genth schon gerechnet. 60 km/h starke Windböen drücken am Sonnabendmittag gegen seine Hebebühne auf dem Neumarkt. Das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“, auf dem der Künstler herumklettert, wackelt. „Ein, zwei Zentimeter oben auf der Plattform“, sagt er. Aber damit habe er gerechnet. Die Bühne ist verankert. „Erst ab Orkanstärke müssen wir zusätzlich befestigen.“

Widerstand der anderen Sorte hat auch nicht lange auf sich warten lassen. Das Kunstwerk mit der löchrigen Bronzekugel und einem Arm-Abguss der Dresdner Trümmerfrau ist noch nicht einmal richtig fertig, da muss Ulrich Genth schon Rufe wie „Schrottkunst“ über sich ergehen lassen.

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Am Mittwoch stürmte eine Gruppe auf die Hebebühne zu und warf Bratpfannen und Töpfe über den Bauzaun, der das Kunstwerk umgibt. Andere schreien ihm zu: „Geh doch zurück in deine Neustadt.“ Genth kommt aus Hamburg. „Anscheinend gilt die Dresdner Neustadt als das Pfuhl allen Übels“, mutmaßt der Künstler.

Für fehl am Platz hält das Kunstwerk Eberhard Müller. Er gehöre nicht zu denjenigen, die lautstark dagegen protestieren, sagt er, als er am Sonnabend über den Neumarkt bummelt. „Trotzdem halte ich es nicht für sehr intelligent, diesen Ort für moderne Kunst zu wählen. Vielleicht sind die Hauptstraße oder der Neustädter Markt besser geeignet.“ Müller hat den Eindruck, Künstler wollten sich mit ihren Arbeiten auf dem Neumarkt nur profilieren.

„Uns liegt es fern, jemandem wehzutun“, erwidert Genth. Es sei ehrenwert, um Schönheit zu ringen. „Es ist nicht so, als ob ich dafür kein Verständnis hätte.“ Aber der Künstler macht auch klar, dass er kein großer Freund der Neumarkt-Fassaden ist und zusammen mit Partnerin Heike Mutter einen ironischen Gegenpol setzen will.

Alle Elemente des Werks haben eine Verbindung zur Dresdner Stadtgeschichte. Die Kugel ist eine Nachbildung aus den Kunstsammlungen, der Schleier besteht aus nachgebildeten Teilen des Mozartbrunnens. Anstatt alles perfekt miteinander zu verweben, lassen Genth und Mutter die Teile widersprüchlich nebeneinanderstehen. Die fragil wirkende Arbeitsbühne ist ein Gegensatz zu den massiven Sockeln, auf denen Luther und Friedrich August II stehen. Das Werk hatte die Kunstkommission bereits 2011 ausgesucht und 60 000 Euro dafür zur Verfügung gestellt.

Eine andere Sicht auf das neue „Denkmal“ hat Axel Unverfährt. „Ich stelle mir gerade eine Erdkugel vor und ein Fernrohr, durch das man in die weite Welt schauen sollte, auf andere Kontinente, auf andere Kulturen“, sagt er. Es gebe seiner Meinung nach keine Orte, die für Kunst ungeeignet sind. Er habe schon die Debatte um die hochkant gestellten Busse nicht verstanden. Dass im Herbst vielleicht ein Flüchtlingsschiff auf den Neumarkt gestellt wird, hält Unverfährt für eine großartige Idee. „Wir sollten uns viel mehr mit dem Thema Flucht auseinandersetzen.“

Die etwas andere Interpretation von Genths Werk stört den Künstler nicht. „Wahrscheinlich macht sich jeder ein anderes Bild davon.“ Die Hälfte der Passanten sei sehr interessiert, die andere Hälfte bete „Schrottkunst“ herunter, als ob sie das bei den Bussen damals auswendig gelernt hätte, so Genth.

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Er hat am Sonnabend die Stromkabel zum beweglichen Arm der Trümmerfrau gezogen. An diesem Montag muss das Werk den Test der Stadtverwaltung bestehen. Sie prüft unter anderem die Standfestigkeit. Eine weitere Auflage: Die Hebebühne muss in ein Netz eingewickelt werden, damit Passanten nicht hinauf zur Kugel klettern können. Anhänger der Identitären Bewegung hatten freie Teile der Busse genutzt, um ein Banner anzubringen. Für Ulrich Genth ist das Netz nicht optimal. „Es nimmt die dynamische Arbeitssituation, für welche die Hebebühne steht.“

Am Dienstag um 16 Uhr wird Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) das „Denkmal für den permanenten Neuanfang“ zusammen mit den Künstlern einweihen. Zwei Jahre soll die 7,46 Meter hohe Installation dann auf dem Neumarkt zu sehen sein.

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