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Zittau

Im Suff einmal quer durchs Strafgesetzbuch

Ein Zittauer bringt es vor dem Amtsgericht allein auf 29 Anklagen. Straffrei lebt er nur, wenn er einsitzt.

Wegen 29 Tatvorwürfen hatte sich seit Donnerstag ein Zittauer vor dem Amtsgericht zu verantworten.
Wegen 29 Tatvorwürfen hatte sich seit Donnerstag ein Zittauer vor dem Amtsgericht zu verantworten. © Archiv: Matthias Weber

Oberarme wie Stahltrossen, ein breites Kreuz und reichlich tätowiert - der Angeklagte, der am Donnerstagmittag vor der Schöffenkammer des Zittauer Amtsgerichts sitzt, ist eine eindrucksvolle, starke Erscheinung. Doch nachdem die Staatsanwältin beinahe eine halbe Stunde lang die Anklageschrift verlesen hat, liegt die ganze charakterliche Schwäche des 40-jährigen Zittauers auf dem Tisch.

Acht Anklageschriften zählen nicht weniger als 29 Tatvorwürfe auf - begangen zwischen Dezember 2015 und November 2018. Einmal quer durchs Strafgesetzbuch: Diebstahl, Körperverletzung, Räuberische Erpressung, Bedrohung, Fahren unter Alkohol - um nur ein paar zu nennen. Die "besondere Spezialität", wie Richter Holger Maaß es nannte, ist die strafrechtlich gesehen harmloseste: Missbrauch von Notrufen. Dieses Delikt taucht gleich 20 mal in den diversen Anklageschriften auf. Immer wieder soll er unter falschem Namen bei der Polizei- oder Rettungsleitstelle an, um nicht existente Notfälle zu melden. Einmal soll er sogar den Namen seines eigenen Verteidigers dafür genutzt haben. Manche Fälle streitet der Angeklagte ab, andere lässt er seinen Rechtsanwalt einräumen. "Da war voll Alkohol im Spiel", sagt er ab und an kleinlaut zu seiner Verteidigung. Insgesamt tut er sich schwer, den Inhalt der Anklagen überhaupt zu verstehen. "Ich sollte die Straftaten mal weglassen", sagte er zu seinen weiteren Lebensplänen befragt. "Sie sollten den Alkohol mal weglassen", antwortete der Richter.

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Der Mann kann offenbar nicht straffrei leben. 2008 hatte ihn das Landgericht Mühlhausen wegen Raubes zu fünf Jahren Haft verurteilt - die er voll absaß. Anschließend stand er bis April 2019 unter sogenannter Führungsaufsicht. Das heißt, er musste sich monatlich bei einer Bewährungshelferin melden, um wieder in ein straffreies Leben zurückzufinden. Doch auch viele dieser Termine nahm der Mann nicht wahr - auch einer der Anklagepunkte. Auch einer Vorladung zu einer Begutachtung in Großschweidnitz blieb er fern.

Seine Resozialisierung scheint auf ganzer Linie misslungen. "Schon zwei Wochen nach ihrer Haftentlassung damals wurden Sie wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung verurteilt", hielt ihm Richter Holger Maaß vor. Ein Delikt, dass auch in den aktuellen Anklagen auftaucht. Seine letzte Haftstrafe kassierte er im September 2016 vom Amtsgericht Zittau. Ein Jahr Haft wegen Körperverletzung und Diebstahl. Das Görlitzer Landgericht reduzierte diese Strafe zwar, gab aber auch keine Bewährung. Sieben Monate musste der Angeklagte damals absitzen. Richter Maaß' Fazit beim Blick in die Strafakte: "Es gibt nur einen Zeitraum, in dem Sie keine Taten begangen haben. Das waren die sieben Monate, als Sie gesessen haben."

Bei allem Schatten, es gibt auch Licht für den Angeklagten. In einigen der angeklagten Fälle ist tatsächlich noch nicht erwiesen, ob er sie überhaupt oder so wie vorgeworfen begangen hat. Das Gericht vertagte sich daher, um zum nächsten Termin Zeugen zu laden. "Allein weil der Angeklagte die Taten abstreitet, heißt das nicht, dass wir sie ihm nicht nachweisen können", sagte Richter Holger Maaß. Der erste Fortsetzungstermin ist am Mittwoch, 15. Mai, um 14 Uhr im Saal 201 des Zittauer Amtsgerichts.

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