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Dresden

Prozess macht Sicherheitslücken deutlich

Der Täter, der Dresdens Jugendamtsleiter brutal attackierte, hatte angekündigt, Claus Lippmann töten zu wollen. Er wurde zunächst nicht verhaftet.

Torsten K. (l.) mit seinem Verteidiger im Amtsgericht.
Torsten K. (l.) mit seinem Verteidiger im Amtsgericht. © René Meinig

Torsten K. steht seit Dienstag wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Amtsgericht Dresden. Der 46-Jährige hat gestanden, am 28. November 2018 den Dresdner Jugendamtsleiter Claus Lippmann im Amtsgericht Dresden zusammengeschlagen zu haben. K. war auch damals Angeklagter in einem Prozess wegen versuchter Nötigung und Beleidigung, Lippmann war Zeuge. Noch ehe die Verhandlung begonnen hatte, habe K. laut Anklage von hinten auf den 65-jährigen Leiter des Dresdner Jugendamts eingeschlagen. Um die Wucht zu vergrößern, habe er mit der Spitze seines Autoschlüssels zugeschlagen, den er in seiner Faust geballt hatte.

Am Mittwoch wurde in dem aktuellen Prozess bekannt, dass K. sogar mehrfach angekündigt hatte, Lippmann töten zu wollen. Ihm sei alles egal, er wolle das Medieninteresse auf die „sächsische Justiz“ in seinem Familienrechtsstreit lenken und nehme in Kauf, dafür lange Zeit ins Gefängnis zu gehen – solche Sätze hatte K. mehrfach an den damaligen Richter und die Staatsanwaltschaft geschrieben.

Eine Staatsanwältin machte daraus sogar eine zweite Nötigungs-Anklage gegen K. – doch eine Warnung ist offenbar auch von dieser Seite unterblieben. Nun diskutieren Richter und Justizmitarbeiter, warum angesichts dieser massiven Drohungen nicht vorsichtshalber Wachtmeister für den Prozess im November abgestellt worden waren? Zumindest Claus Lippman wäre Einiges erspart geblieben.

Doch das ist nicht die einzige Panne in diesem Fall. Auch am Tattag haben sich Polizei und Justiz nicht mit Ruhm bekleckert. So war K. nur kurz festgenommen worden. Nach seiner Aussage gegenüber Polizeibeamten noch im Amtsgericht war er wieder auf freiem Fuß. Trotz dringenden Tatverdachts wurde gegen K. zunächst kein Haftbefehl beantragt, er erhielt noch nicht einmal ein Hausverbot.

Angeblich aus Angst vor Fotografen verließ K. das Gebäude nicht, sondern streifte stundenlang durch das Amtsgericht. Im vierten Obergeschoss sprach er sogar mit seiner langjährigen Familienrichterin, die er zufällig auf dem Gang getroffen hatte. Nicht auszudenken, wenn er auch auf diese Frau losgegangen wäre wie zuvor auf Lippmann. K. rechnet sie wie den Jugendamtsleiter dem „System“ zu, das ihn angeblich seit Jahren massiv benachteilige. In Untersuchungshaft sitzt K. seit 3. Dezember.

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K. kämpft seit 2009 um den Umgang mit seinen beiden Töchtern und macht vor allem das Jugendamt dafür verantwortlich, dass sich die Kinder von ihm „entfremdet“ hätten, wie er sagte. Die Familienrichterin sagte als Zeugin, es seien viele Maßnahmen unternommen worden, sie hätten jedoch nicht gegriffen. Der Prozess gegen K. wird am Montag fortgesetzt.

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