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Nachhilfe für selbsternannten Hilfs-Sheriff

Ein 18-Jähriger soll sein Auto als Waffe benutzt haben. Doch ernste Worte hatte der Zittauer Amtsrichter für jemand anderen.

Ein Strafprozess vor dem Zittauer Amtsgericht endete mit einem weisen Kompromiss.
Ein Strafprozess vor dem Zittauer Amtsgericht endete mit einem weisen Kompromiss. © dpa/David-Wolfgang Ebener (Symbolfoto)

Der Prozess vor dem Zittauer Amtsgericht endete mit einem glücklichen Lächeln des Angeklagten. Soeben hatte ihm der Richter seinen Führerschein wieder ausgehändigt. Und der 18-Jährige verließ den Gerichtssaal in der zufriedenen Gewissheit, dass in Deutschland Gerichte für Recht und Ordnung sorgen - und nicht selbsternannte Hilfs-Sheriffs.

Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft gegen den jungen Mann wog schwer: Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr - und eine Sachbeschädigung kam auch noch dazu. Am frühen Abend des 21. Februar soll er auf der Neusalzaer Straße (B96) in Zittau seinen BMW regelrecht als Waffe gegen einen anderen Verkehrsteilnehmer benutzt haben, indem er laut Staatsanwaltschaft "mit Vollgas" auf diesen zugefahren sei. Der hatte den Angeklagten - so viel war unstrittig - kurz zuvor ausgebremst und zum Anhalten gezwungen.

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Begegnung mit dem "Oberlehrer"

Diese Anklage wollte der 18-Jährige so nicht auf sich sitzen lassen. Und seine Aussage brachte an den Tag, dass er es an jenem Februarabend ganz offensichtlich mit einem Verkehrsteilnehmer der Marke "Oberlehrer" zu tun hatte. Kurz vor dem Vorfall sei der andere Mann mit seinem VW Sharan vor ihm auf die Neusalzaer Straße eingebogen und habe sofort begonnen ihn auszubremsen. "Als ich den überholen wollte, ist der plötzlich nach links ausgeschert. Ich musste eine Vollbremsung machen, damit ich nicht in den reinkrache", schilderte der Angeklagte. "Ich habe danach am ganzen Leib gezittert, ich bin ja Fahranfänger", erzählte er weiter.

Schließlich sei er einige Meter hinter dem VW Sharan zum Stehen gekommen, der mitten auf der Fahrbahn stand. Dessen Fahrer sei ausgestiegen und habe sogleich erklärt, was die ganze Aktion sollte. Der Mann habe ihn ermahnt, dass er in der Dämmerung ohne hinreichende Beleuchtung herumfahre. Und überhaupt sei das nachträglich montierte Standlicht an der Front seines BMW unzulässig. Der Mann habe dann Fotos von ihm und seinem Fahrzeug gemacht. "Ich habe den aufgefordert, die Fotos zu löschen", erzählte der 18-Jährige. Als der andere aber bloß lachend wieder in sein Auto stieg und wegfahren wollte, sei er dem gerade anfahrenden VW hinterhergelaufen und habe gegen den Außenspiegel geschlagen, um ihn zu stoppen - der Spiegel ging dabei zu Bruch.

Dann kam es zum dramatischen Finale. Der VW-Fahrer hielt erneut an, stieg aus und kam auf den jungen Mann in seinem Auto zu. "Ich hatte Angst, dass der mein Auto beschädigen will", schilderte er. Deshalb sei er losgefahren, rechts an dem auf der Fahrbahn stehenden VW vorbei. Weil dessen Fahrer aber dann bei der Polizei schilderte, der junge Mann sei auf ihn zugefahren und er habe sich nur mit einem Sprung zur Seite retten können, kassierte die Polizei umgehend den Führerschein ein. Durchaus lästig für den angehenden Altenpfleger. "Seitdem müssen mich immer Kollegen zu meinen ambulanten Pflegepatienten fahren und wieder dort abholen", erzählte er.

Für den Zeugen gab's ein "So nicht!"

Der als Zeuge geladene VW-Fahrer - ein 50-jähriger Beamter - bestätigte in seiner Aussage im Wesentlichen die Schilderungen des Angeklagten. Und daran, dass er schutzsuchend zur Seite gesprungen sei, konnte er sich auch nicht erinnern. Plötzlich war nur noch davon die Rede, dass er einige Schritte zurückgegangen sei, als der Angeklagte seinen Motor gestartet hatte. Amtsrichter Holger Maaß ließ den Mann deutlich wissen, dass es so gar nicht in Ordnung gewesen sei, was er an jenem Abend als "Verkehrserziehung" veranstaltet habe. "Wieso glauben Sie, dass Sie das dürfen?", fragte er den Mann, "Sie können doch nicht einfach jemanden ausbremsen. Wie stellen Sie sich das vor?"

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Als "Ausnahmesituation" schilderte der Mann den Vorfall, gab aber auf Vorhalt zu, schon wiederholt im Straßenverkehr zu eigenmächtigen Erziehungsmaßnahmen gegriffen zu haben. Von Amtsrichter Maaß bekam er dafür kein Verständnis. "Einfach jemanden anzuhalten und den Hilfs-Sheriff zu spielen, ist von der Rechtsordnung nicht vorgesehen", erklärte er und kam in Abstimmung mit der Staatsanwältin und der Verteidigung zu einem weisen Beschluss. Das Verfahren wurde eingestellt, der 18-Jährige muss an den VW-Fahrer aber 100 Euro für den kaputten Spiegel zahlen und an einem Verkehrserziehungskurs teilnehmen - weil man schließlich auch nicht einfach anderer Leute Rückspiegel beschädigen darf. Dafür erhielt er noch im Gerichtssaal seinen Führerschein zurück. "Der Zeuge bräuchte eigentlich auch einen Verkehrserziehungskurs", sagte Richter Maaß noch.

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