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Keine Sühne für Kneipen-Schlägerei

Ein junger Mann wird in Großenhain schwer verletzt – aber die Gewalttat kann dem Angeklagten nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Zu den Fausthieben, die vor zwei Jahren "ausgeteilt" wurden, gibt es viele offene Fragen.
Zu den Fausthieben, die vor zwei Jahren "ausgeteilt" wurden, gibt es viele offene Fragen. © dpa

Riesa/Großenhain. Da stehen Dutzende von Discogängern vor der Tür und sehen zu, wie ein junger Mann zusammengeschlagen wird. Als der Fall zwei Jahre später vor Gericht verhandelt wird, findet sich aber kein einziger Zeuge, der den Schläger eindeutig identifizieren könnte. 

Ungewöhnlich ist in diesem Fall auch das Auftreten von Opfer und Beschuldigtem. Der 24-Jährige, der bei der Kneipenschlägerei schwere Kopfverletzungen davontrug, kann sich an nichts mehr erinnern. Der Angeklagte bestreitet, bei dem Vorfall überhaupt dabei gewesen zu sein. Deshalb muss Richterin Ingeborg Schäfer vom Riesaer Amtsgericht mühsam eine ganze Zeugenschar vernehmen. Dadurch klärt sich zwar auf, wie der Abend in etwa ablief, aber das Kerngeschehen kann nicht zweifelsfrei geklärt werden.

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Der junge Röderauer, nennen wir ihn Tristan, war mit einigen Freunden ins Großenhainer Schützenhaus gekommen, um ein bisschen abzufeiern. Im Laufe des Abends geriet er in Streit mit zwei Mädchen. Eine davon gab ihm laut Zeugenaussagen daraufhin eine Ohrfeige. Spät in der Nacht versuchte er, die beiden vorm Disco-Eingang noch einmal anzusprechen. Daraufhin soll er vom Angeklagten derart geschlagen worden sein, dass er sofort zu Boden ging.

Der 36-jährige Dresdner weist diese Darstellung weit von sich. Ja, er sei mit zwei Freunden im Schützenhaus gewesen. Aber er habe die Veranstaltung schon früh am Abend verlassen. Zur Tatzeit sei er bereits in einer Dresdner Sportbar gewesen, wofür es auch einen Zeugen gebe.

Dass Marko G. überhaupt auf der Anklagebank sitzt, hat mit privaten Ermittlungen zu tun, die der Vater des Opfers anstellte. Der hatte über Facebook nach Zeugen gesucht, worauf ihm ein Foto zugespielt wurde, das den Täter zeigen soll. Eben jenen untersetzten, muskelbepackten Marko G., bei dem man sich gut vorstellen kann, welche Wucht dahintersteckt, wenn er einmal zuschlägt. Dessen Alibi könnte gut und gerne konstruiert sein.

In einer schriftlichen Äußerung zur Anklage hatte er zunächst angegeben, mit seinen Freunden nach Dresden zurückgefahren zu sein. In der Verhandlung hingegen heißt es, er habe einen Bekannten angerufen und sich dann abholen lassen. Die beiden Freunde aber wollen Großenhain ohne Marko G. verlassen haben. Sie hätten zwar kurz nach dem Kumpel gesucht, sich dann aber gedacht, er werde sich schon ein Taxi nehmen. Es sei bei ihnen durchaus üblich, zusammen loszufahren und getrennt zurückzukommen.

Das alles klingt wenig überzeugend, lässt sich aber auch nicht widerlegen. Was die Anklage letztlich zusammenbrechen lässt, ist die Aussage von einem Freund des Opfers. Im Polizeiprotokoll hatte es so geklungen, als hätte der junge Mann den Angeklagten beim Zuschlagen gesehen. Vor Gericht aber sagt er, er habe aus den Augenwinkeln beobachtet, wie „jemand“ zuschlug. Er könne nicht genau sagen, ob das Marko G. war. Auf alle Fälle sei G. anschließend vom Ort des Geschehens weggelaufen.

Auch die Security-Leute, die an diesem Abend Dienst hatten, können nicht viel zur Aufklärung des Falles beitragen. Einer ging dem Angeklagten hinterher und forderte ihn auf, auf die Polizei zu warten. Als Marko G. aber nicht reagierte und auch noch zwei kräftige Kumpels zu ihm stießen, gab der Türsteher auf. Von der Schlägerei selbst hatte auch er nichts mitbekommen. 

Nach vier Stunden anstrengender Zeugenbefragung muss der Staatsanwalt einsehen, dass die Beweislage einfach zu dünn ist. Er beantragt selbst, Marko G. freizusprechen. Die Richterin folgt seinem Antrag. Es könne zwar sein, dass der Dresdner zugeschlagen habe. Aber angesichts der wenigen vorhandenen Beweismittel könne sie nicht anders als „Im Zweifel für den Angeklagten“ zu entscheiden.

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