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Psychische Erkrankungen sind Teil des Lebens

Arbeit, Armut, Umwelt können krank machende Ängste erzeugen. Eine Bernsdorferin hat es erfahren.

Von Rainer Könen

Es gibt Tage im Leben von Annerose Gelen (Name geändert, d. Red.), da wünscht sie sich, dass man sich doch einmal mit Artikel 3 des Grundgesetzes beschäftigen sollte. Heißt es doch da: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

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Dieser Grundsatz sollte auch für psychisch kranke Menschen wie Annerose Gelen gelten. Aber wie sieht es in der Realität aus? Die 49-jährige Bernsdorferin beschreibt es so: „Man wird von normalen Mitmenschen einfach nicht verstanden.“ Sie selbst kann nicht einmal mit ihrem Mann über ihr Problem reden. Ihr Problem: ihre Ängste, die sie oft einschnüren. Die Versagensangst gehört ebenso dazu wie die Angst vor großen Menschenansammlungen – und die Angst vor Auto- und Zugfahrten. „Wer unter solchen Ängsten leidet wie ich, dessen Leben ist sehr eingegrenzt“, beschreibt es die frühere Angestellte, die seit vielen Jahren arbeitsunfähig ist. Sie hat vor vielen Jahren versucht, sich ihrem beruflichen, ihrem privaten Umfeld zu erklären. Doch die deprimierende Erkenntnis: „Mich hat keiner verstanden.“

Es folgten Isolation und beruflicher Abstieg. Am schlimmsten seien die Schuldgefühle gewesen, so Annerose Gelen: Weil man nicht mehr funktionierte.

Gründe bleiben unklar

Wie gut tut es ihr, wenn sie in einer Gruppe von Menschen, denen es ähnlich geht, einfach nur einmal sagen kann: „Ich werde von meiner Umwelt nicht verstanden.“ Das auszusprechen, tue ihr so gut. Das sei oft wie eine Erlösung. Ein Loslassen von ihren Ängsten, die sie oft nur mit Psychopharmaka in den Griff bekommt. Die Medikamente haben neben manchen anderen auch einen optischen Nachteil: Sie „schlagen aufs Gewicht“. Aber das Übergewicht sei immer noch besser zu ertragen, als sich von ihren Ängsten erdrücken zu lassen. Wie oft hat sich die Bernsdorferin gefragt, wann es angefangen haben mag.

Aber eine Antwort lässt sich nicht finden: „Ich weiß es einfach nicht.“ Ein schleichender Prozess sei das gewesen. Auch das Warum ist ihr unerklärlich. Die Ärzte wissen es ebenfalls nicht genau. Natürlich fühlte sie sich damals im Berufsleben restlos überfordert. „Dabei hatte ich doch eigentlich einen tollen Job“, blickt Annerose Gelen zurück. Dennoch: Irgendwann fühlte sich ihr Ich restlos überfordert. Da ging an manchen Tagen bei ihr rein gar nichts mehr. Sie fühlte sich ausgebrannt. Fühlte sich unwohl im Beisein vieler Menschen. Bekam Panikattacken bei Auto- und Zugfahrten. Dazu diese Höhenangst… Begleit-Erscheinungen eigentlich „normaler“ Situationen, in die sie, wie jeder andere auch, ja, tagtäglich geriet. Doch sie empfand das alles als einen „erdrückenden Schwall“.

Ihr Hausarzt gab ihr einmal eine Art Hausaufgabe mit auf den Weg: Sie solle all die Dinge zählen, die sie im Haushalt umgeben. Sich all die Dinge notieren, mit denen sie an einem Tag konfrontiert werde. Und da kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie herausfand, was da an einem Tag an Eindrücken auf einen Menschen eindringt. Heutzutage stürmen auf den Menschen durchschnittlich 10 000 Dinge ein, die befasst, besehen, benutzt und vor allem: bewertet werden wollen. Nur ein Beispiel: Ein Pendler sieht morgens auf dem Weg zur Arbeit wahrscheinlich mehr andere Zeitgenossen, als ein Mensch im Mittelalter in seinem ganzen Leben sah.

Reize, die viele Menschen nicht als solche wahrnehmen – jedenfalls nicht bewusst. Bei Manchen aber lösen die vielen Eindrücke Ängste und Depressionen aus. Körperliche Beschwerden schließen sich oft an.

Psychosomatik-Ärzte, bei denen Annerose Gelen in Behandlung war und ist, haben ihr versucht zu erklären, woher ihre Ängste möglicherweise resultieren. Dass nach dieser Eskalationslogik des Schneller-Weiter-Höher derjenige abgehängt wird, der zu langsam ist. Ängste bremsen ein Leben, eine Existenz. Sie hatte versucht, mitzuhalten, aber irgendwann gemerkt: „Ich packe es einfach nicht.“ Ihre Ängste lähmten sie. Ein Teufelskreis.

Noch ein sehr langer Weg

In ihrer Selbsthilfegruppe ist es allen so gegangen, wie sie bisher erfahren konnte. „Man verfällt innerlich, sobald man merkt, dass man die gesellschaftlichen Normen nicht oder nicht mehr erfüllen kann.“ Psychisch kranke Menschen brauchen Offenheit, Verständnis, Unterstützung und vor allem: keine Ausgrenzung! Psychische Erkrankungen seien heute nicht selten, so die Bernsdorferin. Annerose Gelen: „Meine Ängste sind, ob ich es nun will oder nicht, ein Bestandteil meines Lebens.“ Sie und die übrigen sieben Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe wissen, was es heißt, ausgegrenzt und stigmatisiert zu werden. Die Bernsdorferin vermisst im Alltag den selbstverständlichen toleranten Umgang mit psychisch Kranken. Manchmal hat sie den Eindruck, dass man sie „als eine Art Irre“ betrachtet.

Solange solche Vorurteile und Klischees in der Gesellschaft herrschen, sei es schwer, um nicht zu sagen fast unmöglich, sich einmal außerhalb der Selbsthilfegruppe zu outen. Anderen einzugestehen, dass man anders ist. Weil man unter Ängsten leidet, die andere nicht verstehen; vielleicht nicht verstehen können. Annerose Gelens Ziel ist jedenfalls klar umrissen: „Ich möchte einmal an den Punkt kommen, wo ich sagen kann, dass ich mich eigentlich recht gesund fühle.“

Aber sie weiß auch, dass es bis dahin wahrscheinlich noch ein sehr langer Weg ist. Sie ist froh, dass sie auf diesem Weg Begleiter hat: die Mitglieder ihrer Selbsthilfegruppe.