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Großenhain

Ruhig bleiben und sich den Dingen stellen

Der Großenhainer Psychologe Thomas Bräuer sieht in der Corona-Krise einen Beschleuniger für schon existierende seelische Not. Doch es gibt Hilfe.

Thomas Bräuer ist philosophischer Psychologe mit Praxis in Großenhain auf der Meißner Straße.
Thomas Bräuer ist philosophischer Psychologe mit Praxis in Großenhain auf der Meißner Straße. © Kristin Richter

Herr Bräuer, kommen seit Ausbruch des Coronavirus mehr Patienten mit seelischen Problemen in Ihre Praxis?

Nein, das kann ich nicht sagen. Ich stelle noch keinen Akutbedarf fest. Aber allgemein ist die individuelle Krisenanfälligkeit wohl im Steigen begriffen. Die Situation ist ein Beschleuniger für seelische Probleme, die eh schon bei Menschen bestehen. 

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Wie ist das zu werten?

Beim Tornado oder der Flut war es auch so: die Menschen hatten erst einmal mit existenziellen Bedrohungen wie Verlust der Wohnung oder anderen materiellen Einschnitten zu kämpfen. Die seelischen Probleme kamen später hoch. Die neue Qualität besteht jetzt darin, dass wir es mit einer globalen Katastrophe zu tun haben. 

Es ist schon die Rede davon, dass die Welt Burnout habe. Die Krise ist in ihrem Ausmaß noch unbegreifbar, ein Ende nicht abzusehen. Das macht vielen Menschen verständlicherweise Angst.

Ja, aber man muss zwischen realer Angst und fantasierter Angst unterschieden. Ich erlebe jetzt Menschen, die befürchten Anarchie, Bürgerkrieg. Sie vertrauen Verschwörungstheorien. Ich rate in solchen Fällen zu zwei wichtigen Fragen an sich selbst: Erstens: Was kann ich an eigener Aktivität jetzt entgegensetzen? Wie und wo kann ich mich sachdienlich informieren? Zweitens: Wie ist die Situation effektiv zu bewältigen?

Das bringt ja aber Menschen gerade zu Hamsterkäufen ...

Meine feste Überzeugung ist, dass so eine Krise die Wahrheit zeigt, auch über uns selbst. Wie halten wir plötzlich auftretende massive Änderungen aus, wenn es noch keine schnelle Strategie gibt? Können wir Kontrollverlust und Ausgeliefertsein mit Entschleunigung beantworten? Durch verhängte Quarantäne wird die Notwendigkeit von Antworten darauf noch befördert. Aber man kann sich ja Hilfe holen. Die sozialen Beratungsdienste oder die Ämter sind dafür weiter ansprechbar.  

Menschen werden also jetzt mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Ihnen fehlt sozialer Halt durch eingeschränkte soziale Kontakte. Oder es gibt gerade mehr Zoff zu Hause, weil plötzlich alle da sind? 

Solche Krisen sind  - und da will ich gar nichts schönreden - auch eine Chance.  Um jetzt den Halt in der Familie zu suchen, sich wieder mehr miteinander zu beschäftigen. Oder eben auch, sich seiner Einsamkeit zu stellen. Viele stehen durch Homeoffice oder Kurzarbeit nicht mehr unter dem permanenten Druck des Funktionierens. Das kann auch ein Luftholen sein. Ein japanisches Sprichwort sagt: Wenn du in der Grube sitzt, hör erstmal auf zu graben. Ich habe derzeit eine Patientin, die fantasiert, dass sie sich ja nicht anstecken darf, denn dann kommt sie auf eine Intensivstation und ist noch mehr allein als jetzt schon. Ihr "fantasiertes Gefängnis" ist aber ein Problem aus der Kindheit, das wir bearbeiten. Wenn die Patientin ihre Einsamkeit und Ohnmacht betrauert, kann sie sie hoffentlich auflösen. Ich bin überzeugt, dass das funktioniert. Und Corona  ist ein Katalysator dafür.

Das Corona-Virus nimmt den Menschen Vertrauen. Wie kann man Unsicherheit in mentale Stärke in einem vielleicht schwachen Umfeld transformieren?

Vertrauen muss immer wieder neu erarbeitet werden. Man sollte sich zu ruhigem, klarem Analysieren der jeweiligen Situation entscheiden, um nicht in kleinkindhafte Erwartungen zu stoßen. Zuversicht bringt positive Energie. Als Therapeut lege ich den Menschen aber auch nahe, mit sich selbst kritisch zu sein: Was ist mein Anteil an gesellschaftlichen Prozessen, an Beziehungsstörungen? Das Wesen des Menschen ist seine Konflikthaftigkeit. 

Sie meinen, diese Epidemie hat auch eine psychische Dimension?

Ja, um die geht es meiner Meinung nach eigentlich. Es trifft uns alle. Das Virus greift mit totalitärer Wucht nach der Menschheit. Wir müssen da gemeinsam durch, es bleibt uns nichts anderes übrig.  

Wer psychologische Hilfe sucht, kann sich ans Gesundheitsamt  des Landkreises (Tel. 03521 7253402) oder an jeden niedergelassenen Psychologen wenden. Thomas Bräuer hat freie Termine ab Mai. www.dr.-phil-braeuer.de