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Publikum bei Ostrau-Prozess ausgesperrt

Gestern wurde der brutale Überfall auf einen Hamburger Schüler verhandelt. Das Urteil soll nächsten Mittwoch fallen.

Von Jörg Stock

Große Enttäuschung gestern am Amtsgericht in Pirna: Der mit Spannung erwartete Prozess um den Überfall auf die Jugendherberge Ostrau vorigen September hat grade begonnen, da ist er auch schon aus. Jedenfalls für die zahlreichen Reporter und Zaungäste. Richter Jürgen Uhlig komplimentiert alle Zuschauer aus dem Saal. Drei Stunden lang wird hinter geschlossenen Türen verhandelt. Ein Urteil gibt es nicht. Es soll erst nächsten Mittwoch fallen.

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Ort der Prügel-Attacke: die Jugendherberge von Ostrau.Archivfoto: M. Förster
Ort der Prügel-Attacke: die Jugendherberge von Ostrau.Archivfoto: M. Förster

Angeklagt sind drei junge Männer aus Bad Schandau: David K., 26, Felix K., 18, und Nico H, 20 Jahre alt. Der Staatsanwalt wirft ihnen gefährliche Körperverletzung vor. Am frühen Morgen des 7. September 2013 soll das Trio in die Jugendherberge der Bad Schandauer Ortschaft Ostrau eingedrungen sein und einen 15-jährigen Gymnasiasten aus Hamburg ohne Anlass verprügelt haben. Der Junge erlitt mehrere Knochenbrüche im Gesicht.

Die Tat erzeugte landesweiten Aufruhr, denn die Polizei bestätigte einen fremdenfeindlichen Hintergrund. Zum einen wollten Zeugen rechte Parolen, unter anderem mit dem Kürzel „NSDAP“, gehört haben. Zum anderen war das Opfer ausgerechnet ein Deutsch-Chinese. Vier Wochen später waren die Tatverdächtigen ermittelt. Von einem rassistischen Motiv wollte die Staatsanwaltschaft aber ausdrücklich nicht mehr sprechen. Man habe keine hinreichenden Belege dafür gefunden, hieß es. Der Junge sei wohl zufällig Opfer geworden, weil er den Eindringlingen im Haus als Erster über den Weg lief. Und was genau vor der Herberge skandiert worden sei, habe sich nicht eindeutig klären lassen.

„Ich will wissen, was da los war.“

Was trieb die mutmaßlichen Täter zum Sturm auf die Jugendherberge? Ein Streit mit den Hamburger Herbergsgästen über Fußball, wie es zwischenzeitlich hieß? Alle hatten gestern eine Antwort erhofft, auch Bad Schandaus Bürgermeister Andreas Eggert. Er hält die Angeklagten nicht für Nazis, sagt aber auch, dass er in deren Gehirnen nicht lesen könne. Jedenfalls säßen da drei Bürger seiner Stadt auf der Anklagebank. „Ich will wissen, was da los war.“

Richter Uhlig kam aber nur dazu, die Personalien der Angeklagten festzustellen. Dann begann das Geplänkel der Anwälte. Zankapfel war nicht der Ostrau-Fall, sondern eine zweite Anklage, die im Prozess mitverhandelt werden sollte. Dieser Anklage zufolge hatte einer der mutmaßlichen Schläger, Felix K., im Juli 2013 einen Polizisten beleidigt. Die Szene war gefilmt worden. Laut Nebenklage-Anwalt Björn Elberling zeigt K. in dem Video eine Art Hitlergruß. K.s Anwalt wollte die Verlesung dieser Anklageschrift mit Verweis auf Formfehler verhindern. Richter Uhlig wies den Antrag ab. Postwendend erklärte der Verteidiger, dass K. bei der Polizistenschmähung noch 17 gewesen sei, also Jugendlicher. Laut Jugendgerichtsgesetz sei die Öffentlichkeit auszuschließen. Das beantragte er dann auch. Diesmal mit Erfolg.

Was dann im Sitzungssaal 1 geschah, fasste Gerichtssprecher Andreas Beeskow später zusammen. Die Angeklagten hätten sich im Wesentlichen geständig gezeigt, zwei Zeugen habe man vernommen. Beim Termin nächste Woche werde ein weiterer Zeuge gehört und die Sache dann aller Voraussicht nach zum Abschluss gebracht. Die Anwälte seien gehalten, ihre Plädoyers vorzubereiten. Und was ist mit dem Rassismus-Motiv? Beeskow: „Nix.“ Es habe sich nichts Derartiges herausgestellt.

Anwalt Björn Elberling, der den verprügelten Jungen vertritt, sieht das anders, nicht nur wegen der seiner Ansicht nach „eindeutigen Handlungen“ von Felix K. auf dem Polizei-Film. So zeigten Profile der Angeklagten in sozialen Netzwerken, dass Kontakt zu NPD-Funktionären bestehe. Und alle drei seien nicht in der Lage gewesen, ein schlüssiges Motiv für ihre Tat zu nennen. Um Fußball sei es jedenfalls nicht gegangen, hätten sie dem Gericht erklärt. Aber worum dann? Schulterzucken.

Für Elberling gibt es nur eine Erklärung, und die hat mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu tun. Glaubt das auch das Gericht? Falls ja, müsste das strafverschärfend wirken. Der Richter habe immerhin deutlich gemacht, dass er den Angeklagten ein derart gedankenloses Handeln nicht abnehme, sagt Elberling.

Die Geständnisse der drei nennt der Opferanwalt „sehr eng“. Sie hätten nur das Minimale eingeräumt und versucht, die Prügelattacke zu verharmlosen: Zwei hätten wortlos je einmal zugeschlagen und dann seien alle schnell gegangen. Sein Mandant habe das Martyrium jedoch deutlich schlimmer in Erinnerung, sagt Elberling. Es seien wohl auch mehr als zwei oder drei Schläge gewesen. Bis heute sei der Junge psychisch nicht in der Lage, erneut in die Sächsische Schweiz zu reisen.

Die abschließende Verhandlung nächsten Mittwoch wird nun wieder ohne Zuschauer stattfinden. Die Opferberatung für Betroffene rechter Gewalt, RAA in Dresden, kritisiert diese Abschottung als ungerechtfertigt. Der wichtigste Anklagepunkt sei nun einmal der Überfall, und zu dieser Zeit seien alle Angeklagten über 18 gewesen, sagte RAA-Beraterin Andrea Hübler. Ausgerechnet in so einem wichtigen Verfahren könne sich die Öffentlichkeit kein eigenes Bild machen. „Das ist sehr schade.“