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Pückler-Turm im Tagebau

Archäologen haben bei Nochten den Chinesischen Turm freigelegt. Und hoffen auf mehr.

Von Sabine Larbig

Der gelbe Transporter, mit dem Kumpel zur Arbeit im Braunkohletagebau Nochten gefahren werden, rumpelt über morastige Wege. Rechts und links nicht enden wollende, fast vegetationslose Landschaft. Es regnet aus dunklen Wolken, die mit der Landschaft zu grauer Masse verschmelzen. Aus der erheben sich riesige Ungetüme aus Stahl. Es sind Förderbrücken und Kohlebagger, die nahe der Stadtgrenze von Weißwasser Braunkohle zur Verstromung fördern.

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Ganz alt – eine Zeichnung des Chinesischen Turms …
Ganz alt – eine Zeichnung des Chinesischen Turms …
Hier wurde der Chinesische Turm nachgewiesen. Grabungsleiter Peter Schöneburg steht am Rand der Ausgrabungsstätte im Tagebauvorfeld Nochten. Fotos: Jens Trenkler; Vattenfall
Hier wurde der Chinesische Turm nachgewiesen. Grabungsleiter Peter Schöneburg steht am Rand der Ausgrabungsstätte im Tagebauvorfeld Nochten. Fotos: Jens Trenkler; Vattenfall

Rund 20 Journalisten aus ganz Deutschland sitzen im Mannschaftstransporter. Sie wollen Momentaufnahmen einer archäologischen Sensation machen: einem Aussichtsturm, dessen Existenz zwar seit rund 150 Jahren bekannt ist, doch über dessen Standort lange der Schleier des Vergessens lag. Nun ist er gelüftet. Und das alles zwischen Matsch, Kohlebaggern, Förderbrücken und riesigen Spurrinnen der gigantischen Laster. Hier arbeiten sonst ganz still und von der Öffentlichkeit unentdeckt die Archäologen. Doch an diesem Tag ist alles anders. Jetzt kann die Welt in den Tagebau gucken und gerne auch staunen.

Das Fahrzeug hält. „Wir sind an der Grabungsstelle“, erklärt Peter Schöneburg. Er ist der Grabungsleiter und Chef des vierköpfigen Archäologenteams, welches Anfang des Jahres die Fundamentreste des Chinesischen Turms gefunden hat. Unter einem aufgespannten Plastedach zeigt er auf eine bunte Zeichnung und erklärt, dass sie von Gustav Täubert – einem Dresdner Architektur- und Landschaftszeichner – um 1850 angefertigt wurde. „So hat der Turm also ausgesehen“, sagt er. Die Zeichnung zeigt einen mehretagigen Holzturm auf bewaldetem Hügel. Mit Flachdach und Figuren am massiven Unterbau wirkt er deplatziert. Doch der Effekt einer optischen Weltreise ist gewollt von Hermann Fürst von Pückler-Muskau. Seit 1815 hat er hier geplant und bauen lassen – im Gebiet um den Jagdpark südlich von Weißwasser. Hier, im umzäunten Refugium, hat Pückler honorige Gäste zur Jagd und zu Naturausflügen eingeladen.

Von Wiese, Cottage, Schießbahn, Märchenteich und Turm ist fast nichts übrig. Natürlich haben die Archäologen hier den Wettlauf mit den Kohlebaggern gewonnen – und können jetzt in aller Ruhe graben. Aber was sie da ausgraben, ist für den Laien eher unbeeindruckend. Nur eine Baumgruppe steht noch bis 2015. Dann sind die Kohlebagger da. „Bei dem fantastischen Weitblick kann man noch heute nachvollziehen, warum Pückler hier den Turm errichten ließ“, schwärmt Grabungstechniker Thomas Linsener dennoch und zeigt auf die Stelle, wo der Chinesische Turm stand. Anfang des Jahres gelang es den Experten des Sächsischen Landesamtes für Archäologie, den Standort nachzuweisen.

Den entscheidenden Hinweis gab eine Urflurkarte von 1862, in der Gebäudestrukturen eingezeichnet waren. Die Archäologen untersuchten daraufhin eine Fläche von zwölf mal zwölf Metern, auf der sie Reste von drei Gebäuden fanden. „Das älteste ist vermutlich Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet worden. Bei einem quadratischen Grundriss von zehn mal zehn Metern mit massiven Punktfundamenten aus Granitsteinen handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Fundamente des Turms“ erläutert Peter Schöneburg. Auf Ende 19. Jahrhundert datieren die Experten auch zwei aus Ziegeln gemauerte Pfeiler, die mit Schießübungen am Rande des Jagdschlosses zu tun haben könnten.

Noch vermessen und dokumentieren die Archäologen die Grabungsstätte. Gesichert und als Erinnerungsstücke aufbewahrt werden originale Fundamentsteine aus Granit, Gefäßscherben und weiße und grüne, teils verzierte, Stücke von Ofenkacheln vom Jagdhaus.

Wahrscheinlich, so der Grabungsleiter, stand der 1843 gebaute Turm nur 30 Jahre. „Wir gehen davon aus, dass die Holzkonstruktion dann verfault war.“ Saniert hat niemand den Chinesischen Turm. Pückler hat 1845 aus Geldnot seine Standesherrschaft verkauft und Nachfolger Prinz Friedrich der Niederlande hat sich auch nicht um den Turm gekümmert. Ähnlich sieht es bei dem berühmten Cottage von Pückler aus, das er in seinem Werk „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ aus dem Jahr 1834 erwähnt und abgebildet hat. „Im April begeben wir uns auf Suche nach den Spuren des Cottages und sind optimistisch, es nördlich des Märchensees nachweisen zu können“, kündigt Peter Schöneburg auf der Rückfahrt an.

Als die Journalisten-Tour nachmittags am Tagebaurand beendet wird, hat die Grüne Liga schon per E-Mail ihren Unmut geäußert – weil Vattenfall kulturhistorisch wertvolle Gebiete zerstöre. „Der Fund des Turms belegt, dass Pücklers Jagdpark eigentlich Teil des Weltkulturerbes Muskauer Park sein müsste. Aktuell werden Reste der wertvollen Landschaft unwiederbringlich zerstört“, kritisiert René Schuster von der Liga. Ob die Grabungsexperten jemals hier aktiv geworden wären, ohne der Drohkulisse mächtiger Bagger, steht dann auf einem anderen Blatt der Geschichte.