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Puff oder Klub, das ist hier die Frage

Im Klosterplatz 17 verwahren sich Vereine gegen den Vorwurf der Prostitution.Die Stadtverwaltung dagegen sieht einen „bordellähnlichen Charakter“.

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Von Ralph Schermann

Der Klosterplatz 17 hat schon vor 1900 Zeitzeichen gesetzt. Damals bezog Uhrmachermeister Julius Herzog das Haus und weitete seinen Geschäftsbetrieb bald auch auf das Nebengebäude aus. Jeder Görlitzer kannte die Schaufenster mit teils sensationellen Uhrenkonstruktionen. Heute steht der Klosterplatz 17 wieder im Blickpunkt der Stadt, doch die Uhren gehen anders. „Hier gibt es einen bordellähnlichen Charakter“, sagt Gerd Tack, Leiter der Unteren Bauaufsichtsbehörde Görlitz und droht dagegen Zwangsgeld an.

Kritik von Kirche und Schule

Die einzige Mieterin im Haus, Barbara Lange, sieht das anders. Sie lässt über ihren Rechtsanwalt Steffen Kubenz feststellen, dass es „nicht der Wahrheit entspricht“, dass „im Klosterplatz 17 Prostitution betrieben“ oder „ein Bordell unterhalten werde“. Genau solches aber behaupten laut Stadtverwaltung ein anonymer Anzeigenerstatter sowie Vertreter der nahen Dreifaltigkeitskirche und des Gymnasiums Augustum gegenüber.

Was also ist los im Haus Klosterplatz 17? „Ich wohne hier, und das ist ja wohl erlaubt“, sagt Barbara Lange. Sie stellt aber auch Räume für zwei Vereine zur Verfügung, deren Vorsitzende sie ist. Das wäre zum einen der bereits 2010 in Bautzen bekannte „Kunstförderverein“ mit derzeit rund 60 Mitgliedern. „Wir fördern Schreibkreativität und arbeiten an Projekten, zum Beispiel zur Historie der Oberlausitz“, erläutert Barbara Lange, die auch Lesungen gestaltet. Die Autorin schreibt unter ihrem Pseudonym Rebecca Reim im Auftrag eines Verlages Biografien, und ihre Sammlung „Mord, Totschlag und die Folgen“ brachte es bereits auf mehrere Auflagen. Viele dieser Geschichten sind selbst erlebt, denn die 70-Jährige verbrachte einige Jahre hinter Gittern. Der Arbeitstitel des Buches, an dem sie zurzeit schreibt, dürfte freilich auch jene aufhorchen lassen, die ihr weiter aktive Prostitution am Klosterplatz unterstellen: „Geliebte Huren“.

Auch dazu steht sie: „Ja, ich kann nicht nur theoretisieren, wenn ich über etwas schreibe. Ja, ich habe das auch selbst gemacht.“ Die gebürtige Westerzgebirgerin räumt auch ein, genau zu diesem Zweck im Dezember 2010 von Bautzen nach Görlitz gekommen zu sein: „Im Gegensatz zu Bautzen ist in Görlitz Prostitution erlaubt. Doch nach kurzer Zeit gab ich das Vorhaben wieder auf, weil der Zuspruch dafür nicht ausreichte“, sagt sie.

Verein pflegt Lebensfreude

Im Juli 2011 gründet sie statt dessen den Verein „Privat“, der sich noch auf dem Weg zur Eintragung in das sächsische Vereinsregister befindet. Einzige Mitglieder sind nach wie vor die sieben Gründungsmitglieder – alles Frauen, darunter „durchaus auch die eine oder andere, die anfangs noch Prostitution betrieben hat“, gibt Barbara Lange zu. Der Querschnitt dieser sieben sei bunt: „Studentin, Hausfrau, Altenpflegerin, Akademikerin, Krankenschwester“, zählt die Vorsitzende auf. Der Verein betreibe den Klub „Diskret“, und wieder dürften Langes Gegner aufhorchen, wenn sie über das Anliegen plaudert: „Wir pflegen Lebensfreude, widmen uns jahrhundertealten Liebesritualen, gestalten Vorträge, zum Beispiel über das Kamasutra.“ Jeder könne das Vereinsleben kennenlernen, es gäbe keine Mitgliedsbeiträge. „Gäste können freiwillig zur Unterstützung des Vereins freilich einen Obolus entrichten“, sagt Barbara Lange zur Finanzierung.

Auch diese Darstellungen sind es, die die Stadtverwaltung an ihrem Vorgehen festhalten lassen. „Wir werden das Baurecht durchsetzen“, bestätigt Gerd Tack. Das Baurecht besagt, dass Prostitution in Wohn- und Mischgebieten auch in Orten über 50000 Einwohnern genehmigungspflichtig ist und, so Tack, „die Rechtsprechung solche Klubs als bordellartige Betriebe kennzeichnet.“ Zu dieser Kennzeichnung hätten in den vergangenen Monaten auch eindeutige Kleinanzeigen in Werbeblättern beigetragen. Eine weitere unangemeldete Kontrolle stünde dagegen derzeit nicht mehr auf dem Plan, sagt Tack. Barbara Lange will sogar wissen, warum: „Bereits im September wurde das Haus ja kontrolliert, und die Akte dazu schließt mit dem Satz: Ein Anhaltspunkt für Prostitution konnte nicht gefunden werden.“ Ob dieser Satz wirklich so festgehalten ist, will Gerd Tack „im Hinblick auf das laufende Verfahren“ weder ausschließen noch bestätigen.

Gegenseitige Vorwürfe

Barbara Lange bestreitet vehement, dass ihre Vereine nur ein Bordell kaschieren würden, wie es Oberbürgermeister Joachim Paulick formulierte. „Selbst wenn das so wäre, gäbe es für die Stadt genug andere Eingriffspflichten“, sagt Lange und zählt Dutzende Görlitzer Stätten von geduldeter Wohnungsprostitution auf, in deren Nähe „vielleicht viel mehr Kinder oder Jugendliche gefährdet“ wären. Bei so viel gegenseitigen Vorwürfen wird „die Sache letztlich wohl vor Gericht landen“, vermutet Gerd Tack.

Mancher versteht dennoch diese Aufregung um das wohl älteste Gewerbe der Welt nicht und nimmt es locker wie ein selbstverständlich nicht in der Zeitung genannt werden wollender Taxifahrer: „Klosterplatz 17? Die tun doch nichts. Die wollen nur spielen…“