merken
PLUS

Puppenspieler im Windkanal

Nach Olympia ist vor Olympia. So formulieren das Sportler und Trainer meist, wenn es um den Höhepunkt schlechthin geht. In Deutschland ist nach Olympia vor allem die Zeit der Debatten über Sinn und Unsinn des Leistungssports, über Strukturen und deren Finanzierung. Nach den Spielen von Sotschi wird diese Diskussion nun besonders heftig geführt. Die SZ beschäftigt sich in einer Serie mit den größten Problemen.

© momentphoto.de/bonss

Von Tino Meyer

Fünf Jahre umfasst der Zeitstrahl an der Infotafel in dem langen Flur der Abteilung Technik-Kraft. Von 2012 bis 2016 hat das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig, kurz IAT, hier alle großen Meisterschaften aufgeführt. Darunter stehen die deutschen Medaillengewinner in den zugeordneten Sportarten wie Wasser- und Skispringen, Nordische Kombination sowie die Wurf- und Stoßdisziplinen der Leichtathletik. Auch so lässt sich erfolgreiche Arbeit dokumentieren. Denn die Listen sind sehr lang – aber unvollständig. Das Großereignis von 2014 fehlt.

Anzeige
Deine Chance auf Heimspiele:
Deine Chance auf Heimspiele:

Jetzt DSC-Saisonkarte 2020/21 sichern!

In den inzwischen sechs Wochen nach den Winterspielen hat beim IAT offenbar niemand die Zeit gefunden, wenigstens die Olympiasiege von Eric Frenzel, Carina Vogt und des Sprungteams unter das Stichwort Olympia zu schreiben. Dreimal Gold für Deutschland heißt ja auch dreimal Gold für das IAT – und damit Bestätigung für jahrelange Forschung. Dafür hängt an der Infotafel eine große Postkarte aus Sotschi, verziert mit etlichen Unterschriften und dem Slogan: Die deutsche Olympiamannschaft grüßt von den Spielen.

„Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Sportlern. Und gerade nach solchen Erfolgen bedanken sie sich für unsere Unterstützung“, sagt Sören Müller, Leiter der Fachgruppe Skispringen/Nordische Kombination, relativiert allerdings: „Das ist unsere Arbeit.“ Worauf ihm Frenzel per SMS aus Sotschi antwortete: „Aber die ist Gold wert.“

Im vergangenen Jahr hat Müller von den Kombinierern als Zeichen der Wertschätzung den Nationenpokal bekommen. Die gläserne Trophäe thront nun auf einem hohen Regal in dessen Büro. Zudem stehen dort Unmengen von Aktenordnern, ein Skispringer als Holzpuppenmodell und ein Paar Sprungstiefel. An der Wand lehnen Skier. Nicht zu übersehen ist der Zeitungsartikel an der Pinnwand mit der Überschrift: „Die goldene Nacht von Sotschi“.

Der Triumph der Skispringer um Severin Freund ist ein Stück weit auch seiner. Müller und seine Kollegen würden das nie laut sagen. Auf Understatement versteht man sich im IAT bestens. Die Wissenschaftler wissen aber, was sie können. Und sie kennen ihren Anteil am Abschneiden deutscher Olympia-Starter, im Erfolgs- genauso wie im Misserfolgsfall.

Ersterer macht die Arbeit leichter, wie Müller nach 13 Jahren im Institut weiß. Reinhard Heß, Wolfgang Steiert, Peter Rohwein und Wolfgang Schuster hat er seitdem als Bundestrainer und damit als direkte Ansprechpartner erlebt. In diese Zeit fallen Olympiasiege, zudem Sven Hannawalds Coup bei der Vierschanzentournee, jedoch auch einige medaillenlose Jahre. Deshalb ahnt Müller, was wohl passiert wäre, „wenn nach Severins letztem Sprung das Gold nicht kommt oder die Carina mit ein paar Punkten weniger Vierte ist. Dann sieht die Welt nur halb so schön aus.“

Dann müssen nämlich Fragen beantwortet werden, die in Rechtfertigungen münden. Und die Wissenschaftler sollen plötzlich erklären, wieso im Skispringen überhaupt geforscht wird. Dabei sind es ja oft nur Kleinigkeiten, die über Sieg und Niederlage entscheiden – wobei Verlieren bei Olympia eben schon ab Rang vier beginnt. So selbstkritisch sind sie beim IAT, diesen Part muss nicht erst die Öffentlichkeit übernehmen. Die rund hundert Mitarbeiter, zu denen neben Trainingswissenschaftlern auch Ingenieure, Mathematiker, Physiker und Informatiker gehören, bekennen sich zum Anspruch, „Weltspitzenleistungen deutscher Athleten in olympischen Sportarten“ zu ermöglichen. Das ist ihr Selbstverständnis, so steht es im Leitbild des IAT. Und dafür wird es auf Beschluss des Bundestages jährlich vom Bundesinnenministerium mit reichlich sieben Millionen Euro unterstützt.

„Wir beraten, wie Erfolg aussehen kann“, erklärt Christian Dahms. Er kümmert sich um die Organisation im Institut, das auch zwölf Jahre nach seiner Gründung der Mythos Goldschmiede umgibt.

Das Ausland kopiert und imitiert

Nur zu gern würde die Konkurrenz schauen, was sich in dem unscheinbaren Haus im Zentrum von Leipzig tut. Anfragen aus dem Ausland werden regelmäßig abgelehnt, selbst viel Geld könnte daran nichts ändern. Laut Satzung hat sich das IAT ausschließlich dem deutschen Sport verpflichtet. Wobei, kopiert und imitiert worden ist die renommierte Forschungseinrichtung inzwischen in der ganzen Welt. In China, Großbritannien, Australien, Japan, Neuseeland, Frankreich, Kanada und neuerdings auch in Katar.

Die Verbindung mit dem FES in Berlin, also der Forschungsstelle für die Entwicklung von Sportgeräten, ist immer noch einmalig. In Leipzig wird geforscht und analysiert, in der Hauptstadt gebaut und modelliert. Die Mitarbeiter hier wie da sind Teil der Nationalteams, was im Skispringen derzeit ausgezeichnet funktioniert, im Bob und Skeleton vorsichtig ausgedrückt weniger. Dabei arbeiten Müllers Kollegen ebenso engagiert und innovativ. Weil am Ende hinter den ausgeklügelten Projekten immer noch Menschen stehen, lässt sich olympischer Erfolg zwar planen, garantieren aber nicht.

Sören Müller weiß das, wenn er sich mit seinem Mitarbeiter Sascha Kreibich auf den Weg zu den Schanzen macht. In Klingenthal und Oberstdorf haben sie zum Beispiel weltweit einmalige Messsysteme in der Anlaufspur installiert. Damit lässt sich der Absprung bis ins letzte Detail auseinandernehmen. Immer wieder werden Daten ermittelt, ausgewertet, grafisch aufgearbeitet und mit den Trainern und Springern besprochen. Dann kommt auch die Holzpuppe aus Müllers Büro zum Einsatz, wenn er die perfekte Haltung demonstriert.

Mit dem bloßen Auge ist die Umsetzung beim nächsten Training nicht festzustellen. Doch schon ein um fünf Grad veränderter Anstellwinkel der Skier kann gut drei Meter Weite bringen. Das hat das IAT bei Windkanaltests in Dresden-Klotzsche und Ingolstadt festgestellt.

Ob diese Erkenntnis letztlich das entscheidende Quäntchen für die Olympiasiege war? Müller zuckt mit den Schultern. „Das kann und wird keiner sagen, weil so viele Rädchen in dem System greifen müssen“, sagt der Wissenschaftler, der sich inzwischen bereits mit der Projektplanung für Olympia 2018 beschäftigt. Sotschi ist indes fast abgehakt. Nur die Dokumentation auf dem Zeitstrahl fehlt noch.

Morgen lesen Sie: Vater, Soldat, Olympiasieger, Student und bald Ehemann – die Karrieren des Eric Frenzel.